https://www.faz.net/-gqz-yuzg

Internet : Das Unbehagen an der digitalen Macht

  • -Aktualisiert am

Schauen wir aber einmal hinter den symbolischen Nutzen, den Regierungen aus Propagandamaßnahmen ziehen. Ich glaube, die iranischen Behörden waren mit ihren Netzblockaden deshalb so erfolglos, weil sie einen enormen Gewinn darin sehen, regierungsfeindliche Iraner bei der Koordination ihrer Aktionen zu beobachten: bei der öffentlichen Koordination auf Facebook und Twitter, wohlgemerkt. So können sich die Behörden nämlich im Voraus über die Arten von Gruppen und Bedrohungen, die sich bilden, schlaumachen. Wir vergessen diesen geheimdienstlichen Wert gern. Und zum Zweiten glaube ich auch nicht, dass die Abstimmungsprozesse, von denen Habermas sprach, in Tagen, Stunden und Tweets gemessen wurden, sondern in Jahrzehnten, Jahrhunderten und Büchern.

Aber abgesehen davon: Waren denn die iranischen Onlinekampagnen wirklich so hochgradig synchronisiert, und wie hat das die eigentlichen Proteste beeinflusst? Ja, hier gab es eine sehr dynamische Onlinekampagne - aber dass die sich auf die Koordination in der wirklichen Welt erstreckt hätte, konnte ich kaum feststellen. Wie viele Demonstranten, die vorher nicht eingeweiht waren, sind wegen etwas, das sie bei Twitter oder auf Facebook lasen, dann wirklich auf die Straße gegangen? Es gab zwar ein hohes Maß an Abstimmung in der digitalen Welt, aber dass dies zu koordinierten Straßenprotesten geführt hätte, bezweifle ich eher.

Shirky: Ich glaube nicht, dass es sich überhaupt in koordinierten Protesten hätte niederschlagen können. Auf mich machten die Demonstrationen in Teheran nicht den Eindruck, als wären sie ernsthaft gesteuert. Sie wirkten eher wie Lavaströme als wie geplante Ereignisse. Wenn ich aber nach einem herausragenden Fall dafür suche, wie die digitale Koordination die Politik in der realen Welt verändert, dann denke ich an die Rolle der Frauen.

Nur ein Beispiel: die Proteste von 2008 in Südkorea, die sich gegen die Einfuhr amerikanischen Rindfleischs nach Ausbruch des Rinderwahns richteten. Diese Proteste lebten davon, dass Frauen sich zu Wort melden konnten, und zwar in einer politischen Umwelt, in der sie sonst erheblich eingeschränkt sind. Oder denken Sie an Neda, die berühmtgewordene Märtyrerin der Protestwelle in Iran - auch dazu wäre es wahrscheinlich ohne diese technischen Mittel nicht gekommen. Wir können hier zwar nur mit wenigen Beispielen argumentieren. Und doch halte ich es für unwahrscheinlich, dass Frauen ohne die sozialen Medien eine solche Präsenz in den Protestbewegungen erlangt hätten.

Morozov: Ich bin kein Experte für iranische Frauen, aber soweit ich weiß, experimentiert man dort seit mindestens einem Jahrzehnt mit sozialen Medien. Die Frage lautet auch hier: Warum hat sich in Iran so viel in den sozialen Medien getan? Ganz einfach, weil so viele Menschen auf sie zugreifen können. Wenn man es so betrachtet, sind die meisten Aktionen in sozialen Medien bloß ein Epiphänomen: Sie kommen zustande, weil jeder ein Mobiltelefon hat. Und dennoch: Millionen wütender Tweets und Handykameras, die auf Gesichter gerichtet waren: das alles hat die Regierung nicht davon abgehalten, die Demonstrationen gewaltsam aufzulösen.

Und nun sehen Sie sich an, was in Iran in den vergangenen neun Monaten passiert ist: Die Proteste sind im Sand verlaufen, die Spaltung des Lands vertieft sich. Viele Menschen mussten auswandern, viele wurden eingesperrt, viele getötet. Was die politische Situation im Land angeht, sieht sie mir ziemlich trostlos aus: Sollte sich etwas zum Guten entwickelt haben, dann vermag ich das nicht zu erkennen. Die brutalen Typen wären auch ohne soziale Medien da.

Weitere Themen

Topmeldungen

Donald Trump geht während des Nato-Gipfels in Großbritannien am 4. Dezember 2019 an Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel vorbei.

Donald Trump oder Joe Biden? : Was für den Westen auf dem Spiel steht

Eine Wiederwahl Donald Trumps wäre vielleicht das Ende des Westens. Doch leicht hätten es die Europäer auch mit einem Präsidenten Joe Biden nicht. Seine Außenpolitik liefe wohl auf ein „America first light“ hinaus.
Demonstration gegen den Lockdown im Madrider Arbeiterviertel Vallecas

Ausgangssperren in Madrid : Lockdown nur für Arme?

In Madrid hat die Regionalregierung vor allem in den ärmeren Vierteln Ausgangssperren verhängt. Die Bewohner sind empört und werfen der Regierung Diskriminierung vor. Zu Tausenden ziehen sie auf die Straße.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.