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Internat Salem : Der Rauswurf

  • -Aktualisiert am

Kreuzgang im Internat Salem Bild: Daniel Pilar

Am Elite-Internat Salem am Bodensee muss ein Lehrer gehen, der keinem Schüler etwas zuleide getan hat. Sein „Fehler“: Er ist homosexuell. Sein Pech: Die Schulleitung hat Angst.

          Das Telefon klingelt. Es klingelt häufiger in diesen Tagen. Diesmal ist es Ariane Sommer, aus Kalifornien. Wie es geht, fragt sie, gerade habe sie davon erfahren: Brauchst du irgendetwas? Danke, nein. Es geht schon wieder. Es war ein Schock nach über fünfundzwanzig Jahren. Aber es ist total lieb, dass du anrufst, antwortet er, in seinem leicht nasalen Säuselton, die Vokale dehnend.

          Er freut sich sehr über all die ehemaligen Schüler, die ihn jetzt anrufen; die sich aus Amerika oder Iran, aus München oder Berlin in seiner kleinen, gemütlichen Wohnung mit Blick auf den Bodensee melden. Es ist eine Wohnung, an die sich viele gern erinnern: das Wohnzimmer mit dem gelben Kanapee und dem Zeitungstischchen, das er abwischt, bevor er zwei Gläser Rotwein und ein Holzbrett mit Bleu d'Auvergne darauf serviert; die betagte Musikanlage, aus der Mahlers Fünfte klingt. Die Terrasse mit Seeblick, auf der ein Bistrotisch mit zwei Stühlen steht und wo an lauen Sommerabenden die leichte Brise vom Schulhafen her dem Besucher das Gefühl gibt, für einen Moment ausgebrochen zu sein aus dem Internat, das nur zehn Minuten Fußweg entfernt ist. Wenn er Pastis anbietet, führt er seinen Gast an einen eigens dafür bestimmten Platz auf einer Anhöhe im Garten. Es gibt viele romantische Plätze für zwei hier, aber er wohnt allein. Man sieht der Wohnung an, dass ihr Bewohner das Leben eines Homosexuellen in der Provinz führt, und das macht sie irgendwie charmant.

          Den Schülern ein Freund

          Ich kann das sagen, denn ich habe dort selbst oft während meiner Schulzeit gesessen und mit dem Lehrer geplaudert, den ich nie im Unterricht hatte, der aber im Orchester neben mir saß. Ein Original, ich mochte ihn gern. Er unterrichtete Französisch und Geschichte und spielte Cello. Jeder kann sehen, dass er schwul ist, wenn er mit seinen wachen Äuglein lacht, gluckst, etwas nasal „mein Lieber“ sagt und einem über den Oberarm streichelt. Wer es nicht sieht, dem sagt er es bei der erstmöglichen Gelegenheit. Er hat nie ein Hehl aus seiner Sexualität gemacht, auch nicht daraus, dass er Schüler zu sich nach Hause einlud, weil es nichts zu verhehlen gab. Seine Sexualität inszenierte er mit Humor - zu Kostümbällen kam er als Tunte; und wenn ein frecher Dreizehner ihn auf die Backe küsste, blinzelte er verzückt mit den Augen und nestelte an seiner Federboa. Seine Aids-Hilfe war beliebt bei den Schülern nicht so sehr aus Interesse an der Aufklärung über HIV, sondern eher weil das traditionelle Kondomeschmeißen in der Schulversammlung am Welt-Aids-Tag und die Kochabende bei ihm zu Hause so ein Spaß waren. Viele Schüler lieben ihn, einigen ist er ein Freund, bis heute.

          Seit drei Wochen ist er arbeitslos. Am 26. März gab die Schule bekannt, dass ein pädagogischer Mitarbeiter um seine Entlassung gebeten habe, um selbst die Konsequenzen aus „distanzlosem Verhalten“ gegenüber einem Jugendlichen zu ziehen.

          Was ist passiert?

          Zu der Geschichte gehören außer dem Lehrer noch ein Junge, die Schulleitung und die Angst vor der Öffentlichkeit. Der Junge ist siebzehn Jahre alt, er fährt Motorrad, und er sieht einem direkt in die Augen. Er sieht nicht aus, als ließe er sich von irgendjemandem etwas sagen. Er würde sich in den Arsch beißen, sein Abitur nicht in Salem gemacht zu haben, nur wegen einer Zigarette, sagt er und lacht. Wir essen zusammen Mittag, ich will von ihm wissen, was passiert ist. Er will zurück auf das reformpädagogische Internat, dessen Internetseite derzeit voll ist von Stellungnahmen, Briefen und Aktionsplänen zum Thema Missbrauch, er will zurück an die Schule, von der er in der neunten Klasse geflogen ist, weil er einmal zu oft beim Rauchen erwischt wurde.

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