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Intendantenwahl im ZDF : Mit Personal Politik machen

Wer hat in der Schaltzentrale auf dem Lerchenberg bald das Sagen? Blick Bildregie des NBC (National Broadcast Center) des ZDF in Mainz Bild: dpa

Zwei Kandidaten treten zur Intendantenwahl im ZDF an. Dass es zwei sind, ist nicht ungewöhnlich. Die Hintergründe ihrer Benennung aber erinnern an dunkle Politgeschacherzeiten.

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          Wenn zwei sich streiten, freut sich der oder die Dritte. So heißt es gemeinhin, aber nicht beim ZDF. Denn dort vollzieht sich vor der Intendantenwahl im Fernsehrat, die für den 2. Juli angesetzt ist, anscheinend eine Lagerbildung, mit welcher der Sender in der Vergangenheit sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat.

          Zwei Kandidaten stellen sich zur Wahl, was das Normalste der Welt ist: die Chefin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, und der ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler. Ungewöhnlich ist, dass ihre Kandidaturen erst seit Kurzem offiziell bekannt sind.

          Mit der Kandidatur von Himmler war gerechnet worden, mit der von Hassel nicht. Und auch nicht damit, dass die beiden von jeweils zwei Fernsehräten vorgeschlagen wurden, die einem der beiden „Freundeskreise“ angehören, in die sich das Wahlgremium teilt. Die beiden Runden werden, der politischen Farbenlehre folgend, als „rot“ und „schwarz“ tituliert oder nach ihren Vorsitzenden „Freundeskreis Werneke“ und „Freundeskreis Jung“.

          Diejenigen, die sich der einen oder anderen Runde zugesellen, allesamt parteipolitisch identifizieren zu wollen wäre indes falsch. Die Zusammensetzung des Fernsehrats ist vielgestaltig, es finden sich – dank eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts – dort heute sehr viel weniger (Partei-)Politiker als früher. Dennoch hat die Politik ihre Möglichkeiten, wie man gerade sehen kann.

          Die Kandidatur von Tina Hassel nämlich wurde dem Vernehmen nach über die SPD-geführte Staatskanzlei in Mainz induziert und in den „roten“ Freundeskreis getragen. Damit wird der Kandidatin eine politische Hausnummer verpasst und dem Kandidaten Himmler, der eine solche bis dato gar nicht hatte und auch nicht verdient, als vermeintlichem Favoriten der „Schwarzen“, ebenfalls.

          Bei der Wahl für die Nachfolge des Intendanten Thomas Bellut, der im nächsten Frühjahr in Ruhestand geht, ist eine Dreifünftelmehrheit erforderlich. Die erreicht man weder nur mit den Stimmen des einen noch des anderen „Freundeskreises“. Man erreicht lediglich eine Blockade, die dann durch eine oder einen Dritten aufzulösen wäre. Oder durch Hinterzimmerverabredungen für die nächsten Spitzenposten. Der Intendant des ZDF nämlich schlägt dem Verwaltungsrat vor, wer Programmdirektor, Verwaltungsdirektor und Chefredakteur wird. Die Amtszeit des jetzigen ZDF-Chefredakteurs Peter Frey endet im September 2022.

          Ein solches Spielchen hatten wir im ZDF schon einmal bei der Intendantenwahl im Jahr 2002. Das aber können die Fernsehräte und Fernsehrätinnen heute ganz leicht verhindern. Sie müssen sich nur überlegen, wen sie für die beste Wahl halten, dürfen sich nicht von Politstrippenziehern zu Marionetten machen lassen und nicht denken, es habe seine Richtigkeit, in Lagern zu denken und im Block abzustimmen. Davon hängt für das Selbstverständnis und die Wahrnehmung des ZDF und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sehr viel ab. Man könnte sagen: alles.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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