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Martin Kušej im Gespräch : Eine Marketing-Maschine für Toleranz

Der Theaterintendant und Regisseur Martin Kušej Bild: Robert Fischer

Einen autokratischen Führungsstil? Lehne ich ab! Meine Vorbilder im Theater? Ich interessiere mich eher für Fußballtrainer! Ein Gespräch mit dem Intendanten des Münchner Residenztheaters.

          6 Min.

          Ein Novemberabend nach Probenschluss am Wiener Burgtheater. Martin Kušej inszeniert hier gerade „Hexenjagd“ von Arthur Miller. Das Interview findet im spiegelverglasten Erzherzogzimmer statt. Hier hielt früher der Kaiser während der Theaterpause Audienz ...

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          Waren Sie schon mal hier?

          Ja, hier hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch bei Claus Peymann. Er sagte, dass er einen „flinken Regieassistenten“ suchte. Ich hab’ frech behauptet, dass ich 100 Meter in 12,1 Sekunden laufen würde. Darauf antwortete er nur kühl: „Als ich in Ihrem Alter war, bin ich die in 11,9 gelaufen.“ Da wusste ich, diesen Job kriege ich nicht.

          Sie haben dann später gesagt, dass Sie keinen Schritt mehr in dieses Haus setzen würden. Wie kommt es jetzt dazu, dass Sie doch hier inszenieren?

          Hartmann ist weg. Ganz einfach.

          Was war so schlimm an Matthias Hartmann, dem ehemaligen Intendanten des Burgtheaters?

          Ach, das war damals mehr ein Groll gegen die Kulturpolitik, die ihn unterstützte. Ich hab’ mich einfach benutzt gefühlt durch die undurchsichtige Art, wie da der Intendantenposten vergeben wurde. Aber jetzt bin ich auf eine gewisse Art wieder nach Hause gekommen und wurde sehr herzlich empfangen.

          Sie selbst stehen ja im Ruf, ein strenger, rauhbeiniger Intendant zu sein. Wie viel autokratische Herrschsucht steckt in Ihnen?

          Gar keine! Und ich möchte mich ganz entschieden gegen diese Behauptung wehren. Autokratischer Führungsstil – das lehne ich ab, und es ist mir unvorstellbar, ein Theater anders als im Team zu leiten. Klar gibt es auch Momente, an denen man die alleinige Verantwortung hat. Da hilft einem dann höchstens Autorität, gewonnen aus Erfahrung, Menschenkenntnis und Führungskompetenz. Als Regisseur musste ich das schon früh lernen. Diese Lust an Führungspositionen kommt bei mir vielleicht auch daher, dass ich der älteste von fünf Geschwistern war. Und Kapitän in meiner Handballmannschaft.

          Als junger Regisseur haben Sie einen antiautoritären, revolutionären Gestus gepflegt. Kommt es einem da nicht komisch vor, wenn man zurückschaut und sich sagt: Jetzt bin ich das geworden, was ich früher angegriffen habe?

          Natürlich. Aber man versteht viele Zusammenhänge eben erst, wenn man an der Spitze einer so großen Institution steht, wie es das Residenztheater in München ist. Mit 55 kommt mir dieser wilde, revolutionäre Gestus auch etwas unpassend vor.

          Andere Kollegen scheinen in diesem Alter allerdings erst so richtig revolutionär in Fahrt zu kommen. In einem Interview zu Beginn Ihrer Intendanz in München haben Sie gesagt, Sie hätten viel wildere Ideen für das Theater hier, aber Ihnen sei klar, dass das in München nicht gefragt sei. Mit Blick auf Ihren Kollegen Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen: Wie sehr muss ein Intendant ein Theater machen, das auch der Stadt gefällt?

          Er hat die Verantwortung, Theater zu machen. Ob das der Stadt immer gefällt, ist eine andere Frage. Kunst ist keine Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern es müssen auch Dinge gewagt und ausprobiert werden, die sich nicht „rechnen“. Sonst könnte man verleitet sein, Theater nur unter Management-Gesichtspunkten zu betrachten.

          Sie verteidigen also, was Lilienthal an den Münchner Kammerspielen macht?

          Ich halte nichts davon, die Kammerspiele in eine Krise zu reden. Wenn man so will, heißt Krise ja Veränderung, und in diesem Stadium der Veränderung und Neuorientierung befindet sich Theater immer. Ich finde Lilienthals Weg irritierend und herausfordernd – Attribute, die Kunst auf jeden Fall ausmachen.

          Die „Iwanow“-Inszenierung von Martin Kušej am Münchner Residenztheater
          Die „Iwanow“-Inszenierung von Martin Kušej am Münchner Residenztheater : Bild: Matthias Horn

          Bevor Lilienthal kam, haben Sie und Johan Simons gegenseitig an den jeweiligen anderen Häusern inszeniert. Jetzt passiert das nicht mehr. Es gibt also doch schon eine inhaltliche Auseinanderentwicklung zwischen Residenztheater und Kammerspielen, oder nicht?

          Zwischen den Kammerspielen und dem Residenztheater gab es ja eine jahrzehntealte Feindschaft, die ich mit Johan Simons begraben habe. Unser künstlerischer Austausch war ein zeichenhafter. Jetzt habe ich immer wieder Kontakt zu Matthias Lilienthal, und ich schätze sehr, dass wir miteinander arbeiten und nicht gegeneinander.

          Aber Sie als jemand, der auf eher klassische Weise mit Schauspielern und Texten arbeitet, müssen sich doch auch fragen: Wenn das die Zukunft des Theaters ist, wie verhalte ich mich dazu?

          Mit einigen Projekten in den Kammerspielen kann ich nichts anfangen. Trotzdem denke ich, dass die Versuche des dekonstruktiven, postdramatischen Theaters interessante Ergebnisse hervorgebracht haben. Die Idee vom performativen Theater kann aber keinesfalls das klassische Theater ersetzen, davon bin ich fest überzeugt. Dass junge Schauspieler momentan mancherorts nur noch als Performer ausgebildet werden, halte ich für fragwürdig. Für mich erfüllt sich immer wieder der an Heiner Müller angelehnte Satz: Wer das Theater bekämpfen will, muss es studieren. Deshalb bin ich für eine am Handwerk orientierte Ausbildung der jungen Künstler, so gut und umfassend es nur geht. Im Übrigen halte ich die Behauptung, das performative Theater wäre politischer und irgendwie näher an der Gesellschaft dran als das klassische Text- und Schauspieler-Theater, für nicht mehr als eine gute Marketing-Strategie. Ob die tatsächliche politische Wirkung der Theaterform von Matthias Lilienthal aktuell größer ist als anderswo, möchte ich in Frage stellen.

          Was heißt eigentlich politisches Theater? Oft hat man in letzter Zeit bei Theaterabenden das Gefühl, es ging darum, sich unbedingt richtig zu positionieren – den Zuschauern wird dabei wenig Raum für eigene Reflexion gelassen.

          Ja, das ist ein Problem. Ich glaube, dass der Zuschauer schon eine zentrale Rolle spielen sollte und dass diese Komponente vernachlässigt wird.

          Auch Sie haben zu Beginn Ihrer Spielzeit ein „neues politisches Theater“ gefordert. Was ist das Neue daran?

          Bei der Befragung unserer Zuschauer wurde ersichtlich, dass das Residenztheater zu wenig als „politisches Theater“ wahrgenommen wird. Das hat mich geärgert, denn die Auseinandersetzung mit Texten und Stücken, die sich politisch ausrichten, ist essentiell für uns. Darüber hinaus meine ich mit „politisch“ aber in der Tat noch etwas anderes: Nämlich, dass unsere Botschaften nicht in den Institutionen gefangen bleiben dürfen, im Hohlraum zwischen Theaterleuten und Zuschauern, die das bestätigt haben wollen, was sie schon vorher zu wissen meinen. Es geht vielmehr darum, meine Rolle als Repräsentant einer Institution in der Öffentlichkeit stärker wahrzunehmen und auf diese Weise die Plattform für die Kunst zu vergrößern, die wir in unseren Institutionen zeigen oder machen. Sie können zum Beispiel sicher sein, dass ich jetzt hier in Wien in den nächsten Tagen meine Rolle als öffentliche Person benutzen werde, um Haltung zu zeigen gegen eine bestimmte Politik, die mir zuwider ist.

          Heißt das, Sie würden auf Ihrer Premierenfeier am 22. Dezember einem frisch gewählten, theaterbegeisterten Präsidenten Hofer nicht die Hand geben?

          Nein. Definitiv nicht.

          „Point of No Return“, Performance von Yael Ronen an den Münchner Kammerspielen
          „Point of No Return“, Performance von Yael Ronen an den Münchner Kammerspielen : Bild: David Baltzer

          Das ist an einem Staatstheater eine schwierige Geste. Wenn Hofer am 4. Dezember Präsident wird, dann arbeiten Sie ja gewissermaßen in seinem Auftrag.

          Das sähe er gerne so! Denn so ist sein Demokratieverständnis. „Wir haben jetzt die Macht und deshalb haben wir jetzt auch das Sagen.“ Ich verstehe aber unter Demokratie etwas anderes. Es geht ja in der Politik im Moment vor allem um wahlstrategische Dinge, die mit Inhalten überhaupt nichts zu tun haben. Die rechten, populistischen Parteien beherrschen diese Techniken, Wählerstimmen mit allen erdenklichen Mitteln zu gewinnen, perfekt. Da hängt die Linke total hinten nach, weil sie das nicht verstanden hat, dass heute Politik nach Marketing-Richtlinien und nicht nach politikwissenschaftlichen Richtlinien gemacht wird.

          Würden Sie das Theater als Marketing-Maschine für linke Ideen begreifen?

          Nein, wenn, dann ist es eine Marketing-Maschine für Menschlichkeit, für den klaren menschlichen Verstand, für Nächstenliebe, für Toleranz.

          Eigentlich alles vorpolitische Werte, oder?

          Absolut. Der Rest ist mir egal.

          Als Intendant und Regisseur – für wen machen Sie eigentlich Theater?

          Ich mache das für Menschen, die verführbar sind, die sich einer Irritation aussetzen oder sich ästhetisch anregen lassen wollen. Ich bin von einer Verführungskunst des Theaters überzeugt, die fast eine spirituelle Ebene erreichen kann. Theater ist ein absolut wichtiger Bestandteil der Gesellschaft, auch wenn sein Platz im digitalen Zeitalter gefährdet ist. Die bürgerliche Schicht, die ihre Kinder früher immer ins Theater mitgenommen hat, verschwindet. Theaterleidenschaft muss also anders geweckt werden.

          Ist Ihnen der Ensemblegedanke noch wichtig? Auf einer Pressekonferenz sollen Sie, auf den Abgang von Birgit Minichmayr angesprochen, nur gesagt haben: „Grüßen Sie sie von mir, wenn Sie sie sehen.“

          Die Frage kam völlig unvermittelt, das heißt, ich wusste wirklich nicht, wo Birgit gerade war. Der Punkt ist, dass Schauspieler sich heute nicht mehr so einfach fest an ein Ensemble binden wollen. Ich bin aber der Meinung, dass sich ein Theater über verschiedene Schauspielerpersönlichkeiten definieren sollte und ihnen einen Ort der künstlerischen Zugehörigkeit bieten muss.

          Wie wichtig ist Ihnen eine selbstbewusste, nicht nur managende Dramaturgie?

          Es ist meine Überzeugung, dass die Dramaturgie der eigentliche Motor des Theaters, gewissermaßen sein Herzstück ist. Hier wird der kreative Prozess überhaupt erst angestoßen. Auch für den Austausch zwischen Regisseur und Text sind die Dramaturgen eine enorm wichtige Instanz. Deshalb verstehe ich nicht, warum sie heute in so vielen Produktionen marginalisiert werden. Für mich sind Dramaturgen immer Partner, mit denen ich Klartext reden kann. Ohne die Gespräche mit ihnen nach der Probe kann ich mir Theatermachen schwer vorstellen.

          Sie haben während Ihres Studiums mal über Robert Wilson gearbeitet. Bedeutet er Ihnen noch etwas? Hat man in Ihrem Alter, mit Ihrem Renommee überhaupt noch Vorbilder?

          Wilson bedeutet mir nichts mehr, und die alten Vorbilder sind tot – heute interessiere ich mich beispielsweise eher für Fußballtrainer, die erfolgreich arbeiten.

          Also spielt ein historisches Gedächtnis bei Ihrem Theatermachen keine Rolle?

          Überhaupt nicht. Ich schaue nicht zurück. Deshalb ist das Theater meine Kunst. Hier zählt der unwiederbringliche Augenblick, der Moment, in dem alles passiert. Das ist ja das Prinzip von Theater: Jetzt.

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