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Manifest über Europas Zukunft : Resäkularisierung und Selbstbehauptung

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Dominiert derzeit eine „falsche“ Idee von Europa? Die „Pariser Erklärung“ skizziert den Gegenentwurf eines „wahren Europas“. Bild: dpa

Eine Gruppe konservativer Intellektueller hat ein Manifest über das „wahre Europa“ geschrieben. Sie wollen es nicht den Vulgärauslegern der Tradition überlassen.

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          Unter dem Titel „Pariser Erklärung“ firmierte bislang ein 2005 verabschiedetes politisches Konsenspapier, das verschiedene Grundprinzipien einer effektiveren internationalen Zusammenarbeit in der Entwicklungshilfe definierte. Darunter fiel beispielsweise eine Stärkung der nationalen Eigenverantwortung, die Harmonisierung der von den Geberländern angestoßenen Hilfsinitiativen und die Einschärfung der Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit.

          Jetzt hat eine Gruppe von konservativ gesinnten Intellektuellen den Titel gekapert und damit ein Manifest überschrieben, in dem eine geistige Renovation Europas gefordert wird. In sechsunddreißig Proklamationspunkten wird die gegenwärtig dominierende, „falsche“ Idee von Europa attackiert und mit dem Gegenentwurf eines „wahren Europas“ konfrontiert.

          Diskursmüde und konsumgesteuert

          Das „falsche Europa“, so kann man hier lesen, zeichnet sich durch eine geschichtsvergessene und fortschrittsbesessene, universalistische Überheblichkeit aus, die allein schon den Hinweis auf kulturelle Differenzen reflexartig als reaktionär diffamiert und insgeheim doch von der eigenen zivilisatorischen Überlegenheit überzeugt ist. Die säkularen und moralischen Assimilationserwartungen, die dieses Europa an muslimische Migranten stelle, seine Freiheitsdogmatik, die in Wahrheit nur einen zügellosen Regulationswahn kaschiere, der Inklusionsanspruch, der das urchristliche Ideal der universellen Wohltätigkeit propagiere und gleichzeitig seine christlichen Wurzeln verleugne – all das sind „arglistige“ Paradoxien des „falschen Europa“. Angeführt werde es von einer politischen Klasse, die – trunken von den Versprechungen der Globalisierung – supranationale Organisationen schaffe, um ungestört von nationaler Souveränität agieren zu können.

          Das Resultat ist in diesem Zeitbild eine diskursmüde, konsum- und mediengesteuerte Gesellschaft ohne ideellen Zusammenhalt, die ihren unerfüllten Willen zu Solidarität und Bekenntnis durch eine fanatische Fußballleidenschaft kompensiert. Von Vergangenheit will sie nichts wissen, ihre eigene Lebenswelt nicht verteidigen. Überall nur Lethargie. Rückzug. Weiße Fahnen. Was also tun?

          „Die Arbeit an einer Erneuerung beginnt mit theologischer Selbsterkenntnis“, lautet der die „Tendenzwende“ markierende Schlüsselsatz des Manifests. Der universalistische Anspruch des „falschen Europass“ komme einer „Ersatzreligion“ gleich, so dass es gelte, „das öffentliche Leben in Europa zu re-säkularisieren“. Gleichzeitig müsse das „wahre Europa“ sich allerdings auch wieder darauf besinnen, dass seine Haupttugenden – Gerechtigkeit, Mitgefühl, Gnade – christlichen Ursprungs seien. Wo vom Christentum die Rede ist, bleibt die Antike nicht fern; der römische Stolz auf die bürgerliche Mitbestimmung sowie der griechische Geist philosophischen Zweifels seien „im wahren Europa niemals vergessen worden“.

          Die Gefahrenmeldung geht leicht von der Hand

          Widersprüchlich ist das Thesenpapier in seinem Verhältnis zum Islam. Einerseits heißt es, von der muslimischen Immigration gehe keine große Gefahr aus, andererseits werden muslimische Einwanderer als „Kolonisten“ bezeichnet, die „in einer Art informeller Autonomie unter lokalen Gesetzen leben“. Eben noch zeigt man sich skeptisch gegenüber einem europäischen Wertepaternalismus, der als Notwendigkeit annimmt, dass „sie so werden wie wir“, dann heißt es an anderer Stelle markig: „Immigration ohne Assimilation ist Kolonisation und muss abgelehnt werden.“

          Wie so oft geht auch hier die Gefahrenmeldung leichter von der Hand als die Rettungsplanung. Für eine wirklich überzeugende neokonservative Europa-Ethik reichen die Vorschläge nicht aus. Neben ein paar feinsinnigen Bekenntnissen zum breiten Boulevard und öffentlichen Park als Symbolträger europäischen Bewusstseins läuft das meiste doch auf die Evergreens konservativer Antragsprosa – Familie, Sicherheit, Tradition – hinaus. Und doch ist die unter anderem von Gelehrten wie Robert Spaemann, Roger Scruton, Chantal Delsol, Ryszard Legutko und Rémi Brague unterzeichnete „Pariser Erklärung“ als Zeitdokument nicht uninteressant. Es kristallisiert die Bemühungen einer verunsicherten Rechtsintellektualität, die sich den diskursiven Schneid nicht von den im Aufwind begriffenen Vulgärauslegern ihres Weltbilds abkaufen lassen will.

          Die Idee eines „Europas der Vaterländer“

          Paradigmatisch dafür ist der recht unverhohlene Elitismus, der sich von der systemstabilisierenden Funktion sozialer und kultureller Hierarchien überzeugt gibt und die Verwendung von Sprache als „empfindliches Instrument, nicht als Keule“ propagiert. Im Bereich der Bildung und Kunst schicken die Unterzeichner sich an, den dekonstruktivistischen Zeiger zurückzudrehen: Statt „einfältiger Zurückweisung der Vergangenheit“ fordern sie eine „Pflicht zur Erinnerung“. Die „hohe Kultur“ und das „ästhetische Ideal“ Europas wollen sie erneuern und die „Herabsetzung der Kunst zu politischen Propagandazwecken“ rückgängig machen.

          Gute Vorsätze stehen in diesem Manifest neben etwas abgegriffenen Provokationsformeln. Am Ende läuft das Ganze auf die (nicht unbekannte) Idee eines „Europas der Vaterländer“ hinaus. Um sich in die Tradition kulturell konnotierter Europa-Definitionen zu stellen, wie sie in den achtziger Jahren etwa ein Gerd-Klaus Kaltenbrunner formuliert hat, fehlt diesem Pamphlet die Entschiedenheit. Vom „Geist Europas“ ist am Ende nämlich doch wieder zu wenig die Rede. Und die Alarmglocken läuten dagegen etwas zu laut.

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