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Integration mit Tinder : Wegwischen und ankommen

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Der Kosmos der anderen – Tinder entlarvt durch die Konzeption der Äußerlichkeit eine tiefe Oberflächlichkeit. Bild: Kat Menschik

Bei Tinder geht es nur um Äußerlichkeiten? Für Flüchtlinge kann genau das eine große Befreiung bedeuten. Der kalifornische Traum vom Internet, das allen die gleichen Chancen gibt, wurde für Said wahr.

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          Der kalifornische Traum vom Internet, das allen die gleichen Chancen gibt, wurde für Said in einer heruntergekommenen Turnhalle in Berlin-Neukölln wahr. Er tippte in sein Smartphone: „Ich bin aus Syrien, ich bin Flüchtling. Willst Du mich trotzdem treffen?“ Noch bevor er sein Handy zurück in die Hosentasche stecken konnte, vibrierte es. Klar wolle sie ihn treffen, schrieb Nina.

          Das ist der Beginn einer nahezu perfekten Liebesgeschichte – und einer Geschichte über das integrative Potential der Dating-App Tinder für Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Eine Zielgruppe, für die gerade laufend neue Apps entwickelt werden, etwa zur Hilfe bei Behördengängen, zum Lernen der deutschen Sprache oder zur Information über das Alltagsleben hierzulande. „Aber keine kann das einlösen, was wir uns alle so wünschen“, sagt Said: „Kontakt zu Deutschen.“

          Er sitzt in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Elektronische Musik umweht die alten Holzmöbel. „Hier sieht es aus wie bei meiner Oma“, sagt Said. Seine kurzen Haare sind leicht zurückgelegt, der Bart ist frisch rasiert, er trägt ein kariertes Flanellhemd und Jeans. In Syrien war er Banker, er hatte Wirtschaftswissenschaften studiert, gut verdient und trotzdem noch mit seinen Geschwistern bei den Eltern gewohnt. „Das ist bei uns eine Regel“, sagt er.

          Ankommen ohne auf das Willkommen-Sein zu warten

          Bis man eine eigene Familie gründe, wohne man zu Hause. Auf der Flucht rief ihn seine Mutter zwei Mal täglich an, um zu fragen, ob er auch genügend gegessen habe. Auf jener Flucht, auf der er trotz Ersparnissen schnell kein Geld mehr für Lebensmittel hatte, aber mehr an Heimweh als Hunger litt. Ohne das Telefon in seiner Tasche hätte er die Sehnsucht nicht ausgehalten. Ohne das Telefon hätte er auch Facebook oder andere Online-Netzwerke nicht nutzen können, um sich am schnellsten mit anderen Menschen auf der Flucht über die neuesten Routen auszutauschen und Kontrollen zu umgehen.

          Dieses Telefon, das auch den entscheidenden Unterschied gemacht hat, als er in Deutschland angekommen war und nach Berlin geschickt wurde, in eine Notunterkunft in Neukölln. Said schlief neben 150 anderen Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Serbien, die Duschen reichten nicht, vor den Toiletten musste er ewig in der Schlange stehen. Warten, das ganze Leben bestand aus warten. „Dort war ich so einsam wie noch nie“, sagt Said. Jeden Tag fuhr er zum Landesamt für Gesundheit und Soziales, der zentralen Erstaufnahmestelle der Hauptstadt, immer in der Hoffnung, an der Reihe zu sein, vergeblich. Er fühlte sich immer unerwünschter.

          Die Dating-App Tinder ist bei vielen als Symbol für oberflächliche Beziehungen verschrieen.

          Doch dann erzählten ihm zwei junge Männer in der Turnhalle von der Dating-App Tinder. Er meldete sich an und lud ein Bild hoch: Said an einem Strand – als die Zeiten noch andere waren. Er ging online und verstand plötzlich, warum die beiden Männer oft lächelnd auf ihren Pritschen saßen. Genauso wie man Facebook und Co. für die Logistik der Flucht nutzen konnte, ließ sich über Tinder die Organisation des Ankommens selbst in die Hand nehmen – ohne darauf warten zu müssen, dass einen irgendjemand willkommen heißt.

          Gefühle in Zeiten des Kapitalismus

          Tinder preist alle Mitglieder mit einem Foto auf dem Handybildschirm an – in der Reihenfolge des geographischen Abstands: Wer am nächsten am Benutzer dran ist, wird als Erstes angezeigt. Wischt man mit dem Daumen über das Display nach links, erscheint ein neues Bild, ein neuer Kandidat. Hat man Interesse an der Person auf dem Foto, streicht man das Bild nach rechts. Erst wenn die andere Person genau so reagiert, kann man Kontakt aufnehmen.

          Auf anderen Online-Plattformen zur Partnervermittlung gilt es, sich ein ganzes Profil anzulegen, Fragen nach Biographie, Bildungsgrad und Lieblingsessen so zu beantworten, dass man möglichst authentisch, aber doch besonders attraktiv und unterhaltsam rüberkommt. Man kreuzt an, ob man lieber ins Theater oder ins Kino geht und ob man eher eine Affäre oder eine feste Beziehung sucht. Auf Tinder lässt sich der Beruf angeben, aber nicht einmal das ist üblich. Auf Tinder gibt es nur Fotos, Vornamen, Alter und Entfernung. Daumen nach rechts oder nach links, Match oder kein Match, treffen oder nicht treffen.

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