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Andrea Diener, Redakteurin im Feuilleton

Social-Media-Stress : Instagrammable

  • -Aktualisiert am

Bitte beachten Sie nicht die dreihundert Influencer, die noch hinter mir stehen: Auf der Trolltunga über dem norwegischen Ringedalsvatnet-See ist man nur noch selten allein. Bild: dpa

Der Kodak-Moment ist tot, es lebe die Instagrammibilität: Der Millenial, so heißt es, sucht seine Urlaubsziele nach ihrer Social-Media-Verwertbarkeit aus. Das macht sich die Tourismusbranche gern zu Nutze.

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          In den neunziger Jahren erfand die Firma Eastman Kodak für eine Werbekampagne den „Kodak Moment“, ein Begriff, der bald in die englische Umgangssprache einging. Er bezeichnete einen perfekten Augenblick des Alltags, zum Beispiel Meilensteine im Leben der Kinder, die es wert sind, auf Fotos festgehalten zu werden. Das Baby krabbelt, das Kind schaukelt, alle im Urlaub, Kuchen zu Tante Ilses Siebzigstem: Da holt man gerne einmal die Kamera heraus und bringt später den Film zum Entwickeln, was für die üblichen 36 Bilder leicht zwanzig bis dreißig Mark kostete.

          Doch vorbei die goldenen Zeiten der Firma Kodak, vorbei auch der eher geizige Umgang mit lichtbildnerischen Erzeugnissen im innerfamiliären Alltag. Das Smartphone ist stets dabei, und der Nachwuchs muss sich heute keine Sorgen mehr machen, dass zu wenige Fotos auf zu schlechtem Film von ihm existieren. Wir erleben vielmehr eine Inflationierung des besonderen Augenblicks. Verfolgt man das Familienleben einiger Bekannter auf Facebook, könnte man glauben, sie verbrächten ihre Tage in einem einzigen langen Kodak-Moment.

          Wenn das Foto wichtiger ist als die Erholung

          Es gilt nun also, neue Maßstäbe zu setzen, und zu Hilfe kommen uns – hurra! – die Tourismusindustrie sowie die Fotoplattform Instagram. Eine große deutsche Reederei baut ein neues Schiff und verspricht ihren Gästen laut Pressemitteilung „instagrammable moments“, da sie in „unterschiedlichste Szenarios und Raumerlebnisse mitgenommen“ würden. Ein arabisches Luxushotel prahlt, es gehöre zu den „most instagramable“ Hotels. Was ja eigentlich bedeutet, dass das Foto am Ende wichtiger ist als die Erholung.

          Wie genau sich dieser neue Begriff schreibt, scheint noch nicht ganz ausgemacht. Das amerikanische Wörterbuch Merriam-Webster, in dem er seit September verzeichnet ist, schlägt Großschreibung mit doppeltem m vor, und gibt den Satz „to snag an Instagrammable moment“ als Erläuterung bei. Nun ist es nicht nur so, dass Schiffe und Hotels danach konzipiert werden, dass sie auf den Urlaubsfotos der Gäste gut aussehen, weil diese Gäste wiederum vor ihren Followern gut dastehen wollen. Die Umfrage einer englischen Versicherungsfirma ergab, dass vierzig Prozent aller Reisenden unter 33 Jahren ihr Reiseziel nach Instagrammibilität aussuchen, weshalb einige Reiseziele derzeit besonders boomen. Neuseeland erweist sich anscheinend als äußerst Instagrammable, ebenso Norwegen.

          Inzwischen stehen sich die Influencer zu Hunderten an der Felszunge Trolltunga bei Skjekkedal die Beine in den Bauch, und jeder einzelne fotografiert sich so, als sei keine Menschenseele außer ihm gerade dort. Weil das dauern kann, bis alle ihr Fotochen geknipst haben, schaffen es ein bis zwei pro Woche nicht mehr im Hellen nach Hause und müssen aus den Felsen gerettet werden, was dann leider nicht so Instagrammable ist. Der Kodak Moment war da doch weniger verlogen, denn das Kind krabbelte wirklich und Tante Ilse hatte echten Kuchen. Und wenn man im Leben die Wahl hat zwischen Schlange stehen und Kuchen essen, was tut da ein vernünftiger Mensch? Genau.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

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