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Innsbrucker Festwochen : Männer im Höhenrausch

  • -Aktualisiert am

MeToo barock: Silla (Bejun Mehta) nähert sich Ottavia (Eleonora Bellocci) mit nicht-einvernehmlichen Berührungen. Bild: Birgit Gufler

Carl Heinrich Grauns Oper „Silla“ ist in Innsbruck mit vier phänomenalen Countertenören zu erleben: Bejun Mehta, Valer Sabadus, Samuel Marino und Hagen Matzeit. Sie eröffnen die diesjährigen Festwochen Alter Musik glanzvoll.

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          Er selbst habe diese Oper lediglich „in Verse gebracht“, schrieb der preußische Hofpoet Giovanni Pietro Tagliazucchi im Vorwort zu seinem Libretto für Carl Heinrich Grauns dreiaktige Opera seria „Silla“, die 1753 in Berlin aus der Taufe gehoben wurde. Sie sei „das glückliche Kind eines erhabenen Geistes, der in kriegerischen Unternehmungen ebenso wie in philosophischen Betrachtungen und den lieblichen Wendungen der schönen Musen bewandert ist“. Der Hinweis auf den Autor des in „vortrefflichem Französisch“ verfassten Prosaentwurfs galt dem damals unschwer zu erratenden König Friedrich II. von Preußen. Mit der Wiederbelebung des seit rund zweieinhalb Jahrhunderten nicht mehr aufgeführten Stücks hat Alessandro De Marchi nun die 46. Innsbrucker Festwochen Alter Musik glanzvoll eröffnet.

          Grauns „Silla“ handelt vom gleichnamigen Diktator, der Ottavia, die Braut des Ratsherrn Postumio, mit Gewalt zu seiner Frau machen möchte. Historisches Vorbild für die vor Graun bereits von Georg Friedrich Händel sowie später von Johann Christian Bach und dem jungen Wolfgang Amadé Mozart zum Opernhelden gemachte Figur war der römische Feldherr Lucius Cornelius Sulla, der als Alleinherrscher nach grausamem Terror überraschend zurücktrat.

          Auch Grauns Silla steigt seine Macht zu Kopfe. Erst als ihm sein Vertrauter Metello die Gefolgschaft aufkündigt, kommt er zur Besinnung, dankt ab und gibt dem befriedeten Volk seine Freiheiten zurück. Postumio und Ottavia dürfen heiraten, während Sillas mephistophelischer Berater Crisogono in die Verbannung gehen muss. Die Eskalation der Gewalt ist im Libretto gut herausgearbeitet. Etwas eindimensional wirken freilich die Charaktere und ihre Motive. Vielleicht verbirgt sich ja hinter zeitüblichem Understatement in Tagliazucchis Vorwort auch eine dezente Distanzierung des Librettisten vom recht simpel gestrickten Plot des „Silla“.

          Mit dem vom Despoten zum Weisen geläuterten Titelhelden, der seine Taten nachträglich als staatserhaltende Notwendigkeit rechtfertigt, feierte der Autor Friedrich II. nicht zuletzt sich selbst als aufgeklärten Monarchen und Verfechter jener politischen Ideale, die er als Kronprinz an seinem Musenhof auf Schloss Rheinsberg in seiner Schrift „Anti-Machiavel“ propagiert hatte.

          Als Freund der Philosophie, der schönen Künste und der Musik hatte er dort auch illustre Komponisten wie die Brüder Franz und Georg Benda, seinen Flötenlehrer Johann Joachim Quantz, den Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel sowie die Gebrüder Johann Gottlieb und Carl Heinrich Graun in seine Dienste genommen.

          In Innsbruck dauert Grauns „Silla“ mit zwei Pausen viereinhalb Stunden. De Marchi stellt das Werk ungekürzt zur Diskussion. Mit dem vital und farbreich musizierenden Festwochenorchester und einem exzellenten Gesangsensemble kann er sich das leisten. Der erste Akt lässt sich Zeit. Abwechslungsreiche Arien sind zwischen plastisch erzählende Rezitative eingebettet. Zunehmend stellt sich jedoch ein dramatischer Sog ein, der sich gegen Ende fulminant zuspitzt. Auch Ansätze zu bühnenwirksamer Ensemblegestaltung in Form von Duetten und einem Terzett lassen nun aufhorchen.

          Italienische Kantabilität und artistischer Ziergesang

          Vor allem aber ist nicht zu überhören, dass Graun ein hervorragender Sänger gewesen ist, der sich italienische Kantabilität und artistischen Ziergesang wie vor ihm schon Händel und Johann Adolph Hasse südlich der Alpen angeeignet hat.

          Im Gedächtnis bleibt der bis in die Orchesterbegleitung hinein köstlich auskomponierte Versuch Sillas, die zwangsweise hereingeführte Ottavia für sich zu entflammen. Weihevoll parfümierte Bläserfarben untermalen das verlogene Schmachten Sillas und alternieren in gegenläufiger Vehemenz mit Ottavias immer explosiver artikulierter Abwehr, die dem lüsternen Macho die Grenzen seiner Macht aufzeigt.

          Als Postumio hereinplatzt, eskaliert die Auseinandersetzung zum belcantistischen Schlagabtausch für und wider die Tyrannei. Bejun Mehta in der Titelrolle, Eleonora Bellocci als selbstbewusste Ottavia und Samuel Mariño als Postumio machen das hinreißend. Vier phänomenale Countertenöre – neben Mehta und Mariño sind noch Valer Sabadus als Metello und Hagen Matzeit als Ratsherr Lentulo mit von der Partie – überbieten sich gegenseitig in der einst von Kastraten zelebrierten Kunst hoher Männerstimmen.

          Der junge venezolanische Shootingstar Mariño punktet mit einem blitzblanken, vollen Sopran, extremen Spitzentönen ohne Schärfe und perfekt ausgependelten Trillern, bleibt aber darstellerisch etwas blass. Hagen Matzeit verbindet die Register seines imponierenden Stimmumfangs nahtlos bis zu tiefen Brusttönen, reiht aspirationslos seine Tonketten und bezaubert mit originellen Kadenzen. Sabadus beglaubigt Metellos Zähmung des Tyrannen durch überirdisch schöne Kantilenen. Roberta Invernizzi nutzt als Mutter Ottavias die enorme Flexibilität ihres Mezzosoprans, um im Hintergrund Fäden zu ziehen, während der Bariton Mert Süngü als machiavellistischer Bösewicht Crisogono seine Ziele mit metallenen Koloraturen verfolgt.

          Georg Quanders ebenso opulente wie im Detail subtile Innsbrucker Inszenierung wird als Ko-Produktion 2023 von den Osterfestspielen Rheinsberg übernommen. Jutta Dietrichs Ausstattung kombiniert Anleihen bei friderizianischer Mode phantasievoll mit Zutaten aus anderen Zeiten von damaligen Theaterkostümen für Römer-Dramen über preußische Militäruniformen bis zu modernen Plissee-Röcken. Römische Ruinen im Hintergrund zitieren Rokoko-Malerei. Von einem Rückzug in die Einsamkeit, wie Silla sie am Ende der Oper ankündigt, wollte Friedrich II. nach deren Uraufführung nichts wissen. Drei Jahre später startete er jene „kriegerische Unternehmung“, die Preußen in den Besitz Schlesiens brachte und als europäische Großmacht etablierte.

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