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Inklusionsdebatte : Keine Schule für alle

Die körperbehinderte Jalina (rechts) spielt in der Roemerstadtschule in Frankfurt am Main in der Pause mit Klassenkameraden Seilhüpfen Bild: dapd

Kann man Behinderungen wegdiskutieren? Für Inklusionisten entfällt der sonderpädagogische Förderbedarf, weil es „nur behindernde äußere Umstände gibt“. Kritiker werfen ihnen das Unsichtbarmachen von Behinderungen vor. Leidtragender der Debatte ist der Behinderte selbst.

          Es geht nicht darum, gegen die wünschenswerte gesellschaftliche Integration von Behinderten zu fechten. Aber unter dem Stichwort der Inklusion wird derzeit das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Anders gesagt: Nach dem kontrafaktischen Motto „Es gibt keine Behinderung, es gibt nur behindernde äußere Umstände“ redet man einer Pädagogik der Vielfalt, einer Schule für alle das Wort. Blindheit, Taubheit, körperliche und geistige Behinderungen aller Art sollen demnach nicht anders als sonstige menschliche Besonderheiten aufgefasst werden – wie Geschlecht, Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung, wie Armut oder Reichtum. Für die radikalen Inklusions-Theoretiker entfällt somit jeder sonderpädagogische Förderbedarf, der Leidtragende dieses Ideologems ist im Zweifel der Behinderte selbst, dem programmatisch die Aufmerksamkeit entzogen wird. Behinderung wird zu einem diffusen Teil des bunten Lebensspektrums.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine Realitätsverweigerung, gegen die der Berliner Erziehungswissenschaftler Bernd Ahrbeck mit seiner Streitschrift „Der Umgang mit Behinderung“ (Kohlhammer Verlag) ficht. Er ist überhaupt nicht gegen die schulische Integration von Behinderten, solange sie dem Einzelnen zugute kommt. Aber er kritisiert die zunehmende „Dekategorisierung“, das Unsichtbarmachen von Behinderung und schaltet sich mit ein paar grundsätzlichen Fragen in die derzeitige, moralisch hoch aufgeladene Debatte zwischen Inklusionisten, für die wir alle Behinderte sind, und den Verteidigern des sonderpädagogischen Förderbedarfs ein: „Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn in einer Fachsprache gefasst wird, dass eine konkrete Person blind ist oder eine starke Sehbehinderung aufweist? Was ist so unerträglich an einem besonders langsam und wenig erfolgreich lernenden Kind, dass es sich verbietet, seine Schwierigkeiten kategorial zu benennen? Warum dürfen gravierende psychische und soziale Probleme, die Kinder zu massiven Verhaltensstörungen führen, nicht als solche in einer klarifizierenden Fachsprache begrifflich erfasst werden? Warum soll man nicht anerkennen und entsprechend benennen, dass Menschen durch eine massive Beeinträchtigung ihrer sprachlichen und intellektuellen Fähigkeiten im Leben ernsthaft behindert sind? Oder auch deshalb, weil sie kaum noch etwas oder (fast) gar nichts mehr hören?“

          Abschaffung von Kategorien der Behinderung

          Die Realität, so der rote Faden des Buches, lässt sich nicht dadurch auflösen, dass man ihr die Begrifflichkeit entzieht. Die gleichsam wortmagische Verleugnung von Leiden funktioniert nicht. Ahrbeck nennt Beispiele für ein Inklusionsbegehren, das unter Maximen auftritt wie „Behinderungen gibt es nicht“ oder „Behindert sind wir alle“ und entlarvt einseitig ressourcenorientierte Erziehungsprogramme, die sich über ausbleibende Befähigungen mit unbedarften Stichworten wie „Kinder als Konstrukteure ihrer selbst“ oder „Kinder als Experten ihres Lebens“ hinwegtäuschen möchten. Eine überkandidelte Begrifflichkeit, die im konkreten Fall des Behinderten nicht ohne zynischen Beiklang ist.

          Bernd Ahrbeck: „Eine Mäßigung in der Sprachwahl würde der fachlichen Auseinandersetzung gut tun.”

          Wer das inklusive Vokabular derart auf die Spitze treibt, zielt auf die Abschaffung von Kategorien der Behinderung, nicht auf ihre selbstverständlich auch von Ahrbeck befürwortete Schärfung und Verbesserung. Unter den Generalverdacht der Diskriminierung geraten hier nicht nur die Leitkategorien des sonderpädagogischen Klassifizierungssystems, sondern auch alle anderen, nachgeordneten Unterscheidungen, die auf Behinderung verweisen. Als vorwärts treibende Kräfte der totalen Inklusion treten eine institutionelle Entdifferenzierung auf, die nur noch eine Einheitslösung zulässt, und theoretische Simplifizierungen, die den Widersprüchlichkeiten bei der Beschulung Behinderter nicht standhalten.

          Die Beschulung wird zur Frage auf Leben und Tod

          Statt sich mit der kleinteiligen Empirie zu befassen, geht man rhetorisch aufs Ganze. Die moral- und rechtsphilosophisch gut begründete Argumentation, welche sich gegen Selektion des behinderten Lebens in allen seinen Stadien richtet, wird nun für Debatten über die richtige Schulform usurpiert. Mit einem Mal werden Fragen der Beschulung zu Fragen auf Leben und Tod. So wird eine differenzierte, an den Lernbedürfnissen Behinderter ausgerichtete Diskussion erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.

          Der Druck auf diejenigen, die schulische Trennungsprozesse befürworten und herbeiführen, ist denn auch erheblich. Die in der pädagogischen Debatte allgegenwärtigen Vokabeln des Aussortierens, Aussonderns und Selektierens zeugen davon. Ahrbeck: „Es sind Begriffe der Ausstoßung, versehen mit einem diskreditierenden Unterton, hässliche Vokabeln, die unschöne Assoziationen hervorrufen, von Gemeinheit und Unrecht zeugen. Eine Mäßigung in der Sprachwahl würde der fachlichen Auseinandersetzung gut tun. Mit dem Ziel, dass leichtfertige Schuldzuweisungen und Spaltungen unterbleiben, die anders Denkende in die Nähe eines feindlichen Lagers rücken.“ Voraussetzung dafür sei allerdings, „dass schulische Trennungsprozesse nicht mehr fast automatengleich mit einem Ausstoßungsmodus assoziiert werden.“ Überfällige Worte in komplett vermintem Gelände.

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