https://www.faz.net/-gqz-974gy

Kommentar zu Inés de Castro : Schwaben statt Berlin

  • -Aktualisiert am

Humboldtforum, welches Humboldtforum? Inés de Castro leitet lieber das Linden-Museum in Stuttgart. Bild: dpa

Inés de Castro will doch nicht die Leitung der Museen im Humboldtforum übernehmen. Dass sie Stuttgart vorzieht, wirft kein gutes Licht auf die Bundeskulturpolitik.

          Die Nachricht, dass die Stuttgarter Museumsdirektorin Inés de Castro die ihr angebotene Leitung der Museen im Humboldtforum ausgeschlagen hat, ist mehr als eine Personalie. De Castros Absage trifft das kulturelle Großprojekt des Bundes an seiner empfindlichsten Stelle: bei der Organisation. Das Humboldtforum, über dessen Fassade ein Jahrzehnt lang sinnlos gestritten wurde, während das Problem des Inhalts liegenblieb, war von Anfang an ein institutionelles Monstrum. Nun, da die Eröffnung Ende 2019 mit Riesenschritten näher rückt, treten seine Geburtsfehler immer offener zutage. Das Land Berlin soll eine eigenständige Dauerausstellung bekommen, zugleich aber den Wünschen eines vom Bund bestallten Intendanten gefügig sein. Die Humboldt-Universität wird ebenfalls in eine eigene Nische ziehen, obwohl ihr wichtigstes Exponat, das historische Lautarchiv, eigentlich mit dem Phonogrammarchiv der Staatlichen Museen fusionieren müsste. Auch der Posten, den der Stiftungsrat Preußischer Kulturbesitz Frau de Castro angetragen hat, war von zweischneidiger Qualität: Einerseits sollte sie als Leiterin der ethnologischen und asiatischen Sammlungen im Humboldtforum dem künftigen Intendanten unterstehen, andererseits als Museumschefin in Dahlem souverän über die dortigen Magazine und Werkstätten gebieten.

          Dass die Stadt Stuttgart der Direktorin ihres Linden-Museums ein gutes Angebot gemacht hat, um sie am Haus zu halten, glaubt man gern; dass aber die schwäbische Offerte offenbar attraktiver war als der Prestigeposten in Berlin, ist eine Hiobsbotschaft für die Bundeskulturpolitik. Denn Inés de Castro, eine ausgebildete Altamerikanistin mit breitem ethnologischen Interesse und erwiesenem Fingerspitzengefühl beim Thema Kolonialkunst und Provenienz, war die denkbar beste Kandidatin für das doppelte Direktorat. Der oder die Nächste, die der Preußenstiftungsrat jetzt erwählt, wird nicht nur mit dem Odium der Zweitbesetzung leben müssen; die neue Hoffnungsträgerin, wenn sie über eine Spur strategischen Instinkts verfügt, könnte mit der Stiftung auch die Grenzen ihres Amtes neu aushandeln.

          Das wiederum würde bedeuten, dass der Gesamtintendant des Projekts, der in diesem Frühjahr als Nachfolger der drei Gründungsintendanten benannt werden soll, von vornherein mit einem Handicap antritt: Nicht nur das Land Berlin, auch die Staatlichen Museen würden unter seiner symbolischen Führung ihr eigenes Süppchen kochen. Und dabei ist die Frage etwa nach den praktischen Konsequenzen des freien Eintritts, den die Kulturstaatsministerin sich wünscht, oder den Verbindungen zwischen Event- und Museumsarealen noch nicht ansatzweise geklärt. Viel zu lange hat die Kulturpolitik des Bundes die Strukturprobleme ihres Lieblingsspielzeugs vernachlässigt. Nun fallen sie ihr auf die Füße.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Literarische Triebabfuhr

          Roman von Corinna T. Sievers : Literarische Triebabfuhr

          Corinna T. Sievers hat einen Roman über eine nymphomane Zahnärztin geschrieben. „Vor der Flut“ soll provozieren, schlingert aber nur zwischen Geschmacklosigkeit und unfreiwilliger Komik durch die Feuchtgebiete der Genreliteratur.

          Topmeldungen

          Undatierte Aufnahme der „Stena Impero“

          Straße von Hormus : Iran stoppt Öltanker im Persischen Golf

          Die Lage im Persischen Golf spitzt sich zu. Nach eigenen Angaben setzt Iran einen britischen Öltanker in der Straße von Hormus fest. Ein zweites aufgebrachtes Schiff ist mittlerweile wieder freigegeben.

          Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

          Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.