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Zum Tode von Robert Spaemann : Individualist aus dem Unterholz

Robert Spaemann, geboren am 5. Mai 1927 in Berlin, gestorben am 10. Dezember 2018 in Stuttgart Bild: Helmut Fricke

Als öffentlicher Intellektueller verschaffte er christlichen Positionen Resonanz, weil er keinen amtskirchlichen Jargon verwendete. Eine Kindheitserinnerung erschließt sein Denken: Zum Tode des Philosophen Robert Spaemann.

          Wie kam Robert Spaemann zur Philosophie? Eine Schilderung seines Weges hat er in einem der Gespräche mit dem Journalisten Stephan Sattler gegeben, aus denen Sattler das Buch „Über Gott und die Welt“ machte, das 2012 erschien, zu Spaemanns fünfundachtzigstem Geburtstag. Wie Martin Mosebach in seiner Besprechung hervorhob, sind die beiden Hauptwörter in der Titelwendung ganz buchstäblich zu nehmen. Ähnlich verhält es sich mit dem Weg: Um ein Bild seiner intellektuellen Entwicklung zu geben, beschrieb Spaemann einen Weg, auf den er im Wald gestoßen war, als Kind, beim Indianerspielen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Naturgemäß, wie es die wahrscheinlich nie ausdrücklich formulierte Regel des Spiels vorsah, schlug er sich durchs Unterholz. Er ignorierte also die gebahnten Wege. Bis eines Tages sein Weg wieder einmal einen der vorgefundenen Wege kreuzte. Und der junge Robert diesmal stehen blieb, weil ihm ein Gedanke kam: Was hätte ein echter Indianer getan? Die Antwort schien ihm offensichtlich: Dieser hätte die Schneise, die Chance des hellen, geraden, mit Bedacht oder vielleicht nur durch wiederholte Benutzung angelegten Weges, keineswegs verschmäht. Welchen Weg aber schlug nach dieser Einsicht der spätere Philosoph ein? Er ging zurück ins Unterholz. „Um weiter Indianer zu spielen, musste ich aufhören zu denken, wie ein echter Indianer in dieser Situation denken würde. Das Bemühen um Authentizität zerstörte sich selbst. Und das blieb mein Lebensthema: Unmittelbarkeit und das vergebliche Bemühen um Unmittelbarkeit und Authentizität.“

          Mehreres ist an dieser Erzählung von einer Urszene bezeichnend. Zuerst die Wortwahl. Unmittelbarkeit und Authentizität: Diese Begriffe haben für die Nachgeborenen einen existentialistischen Klang. Uns liegt der Verdacht nahe, dass sie das Philosophische nur beschwören. Und hätten wir, nach Spaemanns Lebensthema gefragt, nicht andere Begriffe genannt: das Wahre natürlich und sodann auch das Gute?

          Wieder leben wollen wie die Kinder?

          Über moralische Grundbegriffe hat Spaemann ein Taschenbuch geschrieben. Er hat, durchaus ähnlich wie Wittgenstein und Nietzsche, die unausgesprochenen Voraussetzungen des Gebrauchs unserer gewohnheitsmäßig zum Urteilen benutzten Wörter untersucht. Eine der praktischen Lektionen: eine Warnung vor Surrogaten. Wo „gut“ durch ein anderes Eigenschaftswort bestimmt und dann ersetzt wird, verliert das Gute seine Qualität eines Maßstabs, der von außen herangetragen wird. Beispiele für solche trügerischen, zeitgemäß erscheinenden Definitionen von „gut“ waren „fortschrittlich“ und „emanzipatorisch“; einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Spaemann, der in Stuttgart, Heidelberg und München lehrte, im Verein mit Studienfreunden aus dem Collegium philosophicum Joachim Ritters in Münster wie Hermann Lübbe als Kritiker des Menschenbilds der politisch gescheiterten, aber gesellschaftlich einflussreichen Achtundsechziger.

          Auch das Authentische ist ein solches begriffliches Gift, ein Ersatzstoff für das Gute: Eine Ethik der Authentizität richtet mit der Echtheit zwar einen Maßstab mit objektiver Anmutung auf, doch dahinter versteckt sich subjektive Befindlichkeit, eine bloß erfühlte Übereinstimmung von Welt und Ich, die in Begriffen nicht ausgewiesen werden kann und den Versuch ihrer Explikation nicht überlebt. Und so sagt es das kleine Lehrstück vom Indianerspiel ja auch: Das Bemühen um Authentizität zerstört sich selbst – wie die totale Emanzipation die Freiheit vernichtet. Umso interessanter, dass Spaemann in der Indianer-Anekdote für die Bestimmung seines Lebensthemas Stichworte mit psychologischem und ästhetischem Beigeschmack wählte. Die Vergeblichkeit des Bemühens um Authentizität war offenbar nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern erst der Anfang der Philosophie.

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