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Zum Tode von Robert Spaemann : Individualist aus dem Unterholz

War es denn für den modernen, in Städten groß gewordenen Menschen möglich oder vielleicht sogar ethisch geboten, wieder leben zu wollen wie die Indianer oder die Kinder – und die Straßen zu ignorieren? So war ein Philosoph verstanden worden, dem Spaemann eine Reihe von Aufsätzen widmete, die unter dem Titel „Bürger ohne Vaterland“ als Buch erschienen: Rousseau.

Just als sich die Kirche zur Versöhnung bereitmachte

Durch die Lektüre Rousseaus waren Robert Spaemanns Eltern, Heinrich Spaemann, ein sozialistischer Publizist mit kunsthistorischem Studium, und Ruth geborene Krämer, eine Tänzerin aus der Schule von Mary Wigman, dazu angeregt worden, sich mit Religion zu befassen und in die katholische Kirche einzutreten. Robert Spaemann, geboren am 5. Mai 1927, wurde erst 1930 getauft. Nach dem frühen Tod der Mutter ließ sich der Vater zum Priester weihen.

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1962, in seinem ersten Aufsatz über Rousseau, stellte Spaemann den Gedanken des Genfers vor, dass mit dem Christentum etwas revolutionär Neues in die politische Welt gekommen sei: Im Gegensatz zu den antiken Stadtreligionen ist der Christ ein Bürger unter Vorbehalt. Seine Identität ist nicht ausschließlich durch politische Zugehörigkeit bestimmt, er geht im Gemeinwesen nicht auf. 1962 fand auch die erste Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils statt. Just in dem historischen Moment, da die Kirche sich zur Versöhnung mit der Religionsfreiheit bereitmachte, betonte Spaemann mit Rousseau die Momente des traditionellen, überzeitlichen katholischen Wahrheitsbegriffs, die schon in der Alten Welt die Pluralisierung der Gesellschaft begünstigten – weil Christen darauf bestehen mussten, ihren Weg zu gehen, als Kirche und als Individuen.

Kann das wahr sein?

Spaemanns Interventionen in die Debatten von Kirche und Staat blieben durch diese Konstellation bestimmt. Er musste es noch erleben, dass heute die Bischöfe bis hinauf zum Papst Anstalten machen, das Christentum zu einer Weltstadtreligion umzubauen. Als „offenbarungsgläubiger Christ und vernunftgläubiger Philosoph“ veröffentlichte Spaemann in seinem Hausverlag Klett-Cotta zuletzt zwei Bände Psalmenauslegungen. Das Katholische an seinem Wahrheitsbegriff war ein radikaler Universalismus. Die große Wirkung seiner Einwürfe zur Biopolitik erklärt sich daraus, dass er nie mit christlichem Sondergut argumentierte, sondern den auf ständige Überschreitung von Grenzen erpichten Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmern das Menschenbild vorhielt, auf das ihre Handlungen hinausliefen.

Kritisch sah Spaemann das Projekt der Inkulturation, die Idee, dass der christliche Glaube in der Kultur heimisch werden kann und dass sich in verschiedenen Kulturen verschiedene Aspekte der Wahrheit enthüllen. Erst recht bemerkenswert ist dann sein Bild des Indianers: Er sah ihn gerade nicht als Naturmenschen, der die Kulturwelt instinktiv mit einem Tabu belegt hätte.

Kann es wahr sein, dass der Mensch von Natur aus eine christliche Seele hat? Stieße ein solcher Mensch im Wald auf einen Weg, würde er darauf schließen, dass seinesgleichen vor ihm dasselbe Ziel hatten wie er. Robert Spaemann ist am Montag im Alter von 91 Jahren in Stuttgart gestorben.

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