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Der Hass der „Incels“ : Männer ohne Sex

  • -Aktualisiert am

„Liebe für alle, Hass für keinen“ versichern die Beileidsbekundungen für die Opfer des Amoklaufs von Toronto. Der Täter empfand das genau umgekehrt. Bild: AP

In Online-Gruppen radikalisieren sich „Incels“ – die unfreiwillig Zölibatären. Der Attentäter von Toronto war einer von ihnen.

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          Nicht mehr als vier Sätze umfasst der Eintrag, der auf Alek Minassians Facebook-Profil erschien – am Montag, kurz bevor er in einer belebten Einkaufsstraße in Toronto zehn Menschen bei einem Anschlag tötete und dreizehn weitere verletzte. Als „Private“, als Soldat, meldet sich Minassian vor seinem „Sergeant“, dem Messageboard 4chan. Die „Incel Rebellion“ habe begonnen. So kurz der Eintrag auch ist, seine Bezüge sind klar. Sie geben Einblick in die Ideologie einer Online-Subkultur, in der sich toxische Vorstellungen von Männlichkeit unter Einbeziehung der amerikanischen Nerd-Kultur zu gewaltbereiten Einstellungen formen.

          ‚Incel‘ ist in der Community von 4chan, aber auch auf Websites wie reddit.com, der Begriff für vorwiegend Männer, die unfreiwillig zölibatär, also im „involuntary celibate“ leben. Die, die sich mit dieser Bezeichnung identifizieren, empfinden sich als abgelehnt von der Gesellschaft und nicht attraktiv genug für die Versprechen von Liebe und Sex, mit denen eben diese Gesellschaft sie unablässig konfrontiert. Das unfreiwillige Zölibat sei aber auch das Ergebnis einer feministischen Verschwörung, die Männer in sexueller Abhängigkeit halte. Bevor reddit das dazugehörige Forum r/Incels vor wenigen Monaten geschlossen hat, war es einer der düstersten Orte im an düsteren Orten sicher nicht armen Internet. Nach eigenen Angaben bis zu 40000 User versicherten sich dort gegenseitig ihrer Unattraktivität, der Aussichtslosigkeit ihrer sexuellen Annäherungsversuche und ihres Hasses gegen Frauen.

          Gegen eine Gesellschaft der „Normies“

          Die Feindbilder dieser Gruppe haben klare Namen, sie heißen „Stacy“ und „Chad“ und bezeichnen die Frauen, die die Incels nicht kriegen, und die Männer, die ihnen eben diese Frauen wegnehmen. Diese Stereotypen repräsentieren, in ungezählten Memes verarbeitet, wovon sich Incels ausgeschlossen fühlen: eine Gesellschaft der „Normies“, der Normalos. Die gilt es laut Minassians Facebook-Post zu „stürzen“ („We will overthrow all the Chads and Stacys!“).

          Der Ursprung dieser Überzeugungen ist an den amerikanischen College-Kosmos gebunden. Dessen typische Erzählungen sind auch in Deutschland hinlänglich bekannt; in ungezählten Filmen und Serien kann man sie betrachten: Stellt die Highschool noch eine Art Purgatorium dar, in welchem sich vermeintliche Nerds den Quälereien der Quarterbacks und den Demütigungen der Cheerleaderinnen ausgesetzt sehen, soll spätestens auf dem College alles anders werden. Immerhin regieren die Nerds, die Mark Zuckerbergs und Jeff Bezos, seit kurzem die Welt.

          Das College ist immer auch ein Heiratsmarkt gewesen. Nicht nur Zukunftschancen, auch Sexualität und Attraktivität werden permanent ausgestellt und bewertet. Aber der reale und mediale Erfolgszug des Nerds schützt nicht davor, dass es auch auf diesem Markt Teilnehmer gibt, denen es angesichts der Hollywood-Versprechungen von Dauerpartys und enthemmter Sexualität so vorkommt, als würde das alles ohne sie ablaufen.

          Das Manifest des Elliot Rodger

          Die Hilfe, die jemand braucht, der sich derart als ausgeschlossen empfindet, findet sich aber nicht in den Communities der Incels. Auf reddits r/Incels beispielsweise wurde im Laufe der Zeit zunehmend die Ansicht geteilt, dass zwischen Incels und Normies ein unüberbrückbarer Graben bestünde, Resozialisierung der Betroffenen ausgeschlossen. Man verstieg sich zu Rachephantasien und Aufrufen zur Gewalt, was reddit schließlich veranlasste, das Forum zu schließen. Das erste Attentat eines bekennenden Incels hatte da bereits stattgefunden.

          Am 23. Mai 2014 tötete der damals 22-jährige Elliot Rodger in Isla Vista, nahe dem Campus der University of California, Santa Barbara, sechs Menschen, verletzte vierzehn weitere und nahm sich anschließend selbst das Leben. Er hinterließ ein mehr als hundertseitiges Manifest, das seine „Twisted World“, seine verdrehte Welt, beschreiben sollte. In einem Youtube-Video äußerte er, warum in seinen Augen seine Opfer den Tod verdient hatten: „Mädchen gaben ihre Zuneigung, Liebe und Sex anderen Männern, aber nie mir. Ich bin 22 Jahre alt, und ich bin immer noch Jungfrau. Ich weiß nicht, warum ihr Mädchen euch nicht zu mir hingezogen fühlt, aber ich werde euch alle dafür bestrafen.“

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