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Der Hass der „Incels“ : Männer ohne Sex

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Für die Incel-Community wurde Rodger zur Ikone. Sein Amoklauf sollte den Beginn einer Rebellion der sexuell Ausgeschlossenen markieren. Auf ihn verweist auch der Toronto-Attentäter: „All hail the Supreme Gentleman Elliot Rodger!“ „Supreme Gentleman“ ist ein Titel, den Rodger sich selbst verlieh und der das wirklich „verdrehte“ seiner Weltsicht markiert. Er sei der „perfekte Typ“, eben der „Supreme Gentleman“ gewesen und dennoch immer wieder abgelehnt worden. Nett gegenüber Frauen gewesen zu sein, nicht allzu aufdringlich, nicht gewalttätig, das ist es, was in dieser Logik doch ausreichen müsste, um sich Zuneigung und vor allem Sex zu verdienen. Wenn dieser Tausch „Gewaltlosigkeit gegen Sex“ nicht aufgeht, erscheint Gewalt für eine Community, die in solchen Austauschbeziehungen denkt, gerechtfertigt. Das Bild, das sich hier von der Beziehung zwischen Frauen und Männern, aber auch von Gesellschaft überhaupt abzeichnet, ist beängstigend. In ihm treffen halbverstandene liberale Denktraditionen, ein meist rassistischer Sozialdarwinismus und oft ein vermeintlich rationaler, aber in der Realität aggressiv auftretender Atheismus, aufeinander. Das Milieu radikalisierter Incels überschneidet sich mit den Communities libertärer Denkungsart, die für die Anfänge von 4chan eine große Rolle spielen und zuletzt ihre Spuren in den Gruppierungen der „alt right“ hinterlassen haben. Deren Ressentiments verschaffen sich Aufmerksamkeit als Kampf um Freiheiten: Die Diskriminierung von Homosexuellen maskiert sich als Religionsfreiheit, Anti-Islamismus als Meinungsfreiheit und – im Falle der Incels – Misogynie als sexuelle Selbstbestimmung.

Ein Begriff als Waffe

Ob es sich bei diesen Leuten um eine „neue“ Rechte handelt, darüber wird heftig debattiert. Fest steht, dass dieses Milieu mit großem Erfolg vormals emanzipatorische Begriffe vereinnahmt. So wird der Kampf um „free speech“ derzeit meist von Rechten wie dem ehemaligen Breitbart-Redakteur Milo Yiannopoulos im Mund geführt. Begonnen hat die Auseinandersetzung aber in der Zeit der Bürgerrechtsbewegung, in der es um die Redefreiheit schwarzer Studierender ging. Auch der Terminus „Incel“ ist eine Übernahme. Erfunden hat ihn bereits zu Beginn der 2000er die heute 45-jährige Kanadierin Alana (ihren Nachnamen nennt sie nicht), die damit zunächst ihre eigenen Erfahrungen am College auf einen Begriff bringen wollte. Explizit wollte sie Angehörigen aller Sexualitäten ein Forum geben, die aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage waren, ihre Sexualität auszuleben. Erst 2015, nach Rodgers Attentat, wurde sie auf die Karriere des Begriffs aufmerksam. Sie fühle sich „wie eine Wissenschaftlerin, die etwas erfunden hat, das zur Waffe gemacht wurde“, gibt sie zu Protokoll.

Was die rechte Übernahme solcher Begriffe auszeichnet, ist ein Anspruchsdenken, das sich als Kampf um scheinbar selbstverständliche Rechte artikuliert. Im englischsprachigen Diskurs hat sich dafür der Begriff des „entitlement“ eingebürgert. Die Publizistin Rebecca Solnit spricht im Gespräch über Elliot Rodger von einer „Kultur des ‚entitlement‘“ und meint damit, dass die männlichen Attentäter sich in einer Gedankenwelt aufhalten, in der sie für sich weitgehende Rechte in Anspruch nehmen, es aber als Angriff empfinden, dass Angehörige weniger privilegierter Gruppen für sich Mitsprache einfordern, wenn es um die Ausübung dieser Rechte geht.

In diesem Denken „schulden“ Frauen den „Nice Guys“, den netten Jungs, Sex: und Angehörige diskriminierter Minderheiten sollen sich „nicht so haben“, wenn sie beleidigt werden. Damit einher geht eine extreme Verletzlichkeit angesichts von Widerrede, Kritik oder Grenzen, die von Gesetzen und Manieren gezogen werden. Das, was Männern von Medien und Gesellschaft versprochen wird – Geld, Macht, Sex – nicht zu bekommen, wird zur unüberwindbaren Kränkung. Gewalt und Rache werden, wie im Fall von Alek Minassian, zum einzigen Ausweg stilisiert.

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