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Streit um Heimat-Video : Mamma Tirol

  • -Aktualisiert am

Hat sich etwas zusammengereimt: Jürgen Wirth Anderlan. Bild: Picture-Alliance

Südtirol hat ein Streitthema: Der Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes hat ein Neujahrsvideo aufgenommen, dessen Inhalt man als rassistisch und homophob wahrnehmen kann. Jürgen Wirth Anderlan sieht das ganz anders.

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          Der musikalische Silvesterkracher hat eine Weile nachgehallt. Dann ist er abrupt verstummt. Es handelt sich um das selbstgebastelte Deutschrap-Video „Mamma Tirol“, das Jürgen Wirth Anderlan zum Jahreswechsel aufgenommen hat. Wirth Anderlan, 49 Jahre alt, ist seit Mai 2019 Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes (SSB).

          Und so tritt er, bei sogenannten Anlässen, gewöhnlich auch auf: Lederhose, Trachtenjanker, Gamsbart. Wie es sich gehört für den Vorsitzenden eines Vereins, dem gut 5000 Schützen in 141 Mitgliedskompanien und drei Schützenkapellen angehören und dem die „Erhaltung der Heimat, die Traditionspflege und der Väterglaube am Herzen liegen“, wie man auf der Website des SSB liest.

          Doch Wirth Anderlan, der aus Kaltern bei Bozen stammt, pflegt auch ein anderes Outfit. Wenn er, in Cowboystiefeln und Jeansjacke, die Glatze mit dem Motorradhelm bedeckt, auf seiner mattschwarz lackierten Maschine sitzt, passt sein Südtiroler Rauschebart noch immer perfekt: Andreas Hofer meets Easy Rider. Oder doch die Proud Boys? Auf seinen Arm hat sich Anderlan unter anderem den Spruch tätowieren lassen: Nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom.

          Kurz vor dem Jahreswechsel jedenfalls hat sich der SSB-Boss in die „tiefsten, verborgenen Keller unseres Landes“ begeben und sich mit „drei Flaschen Lagrein Riserva“ auf den Dreh vorbereitet. So heißt es im schrägen Begleittext zu dem schrillen Video, das zur Neujahrsnacht auf der Website des Schützenbundes und später auf Youtube veröffentlicht wurde. Für „Mamma Tirol“ würden ihn die Kritiker „in der Luft zerreißen“, die Fans dafür „auf den Tischen tanzen“, heißt es im selbstironischen Grundton des Projekts.

          Der erste Teil der Prophezeiung ist gleich eingetreten. Der Song sei „rassistisch, homophob und sexistisch“, geißelten die Jungen Grünen Südtirols. Auch aus der in Bozen regierenden konservativen Südtiroler Volkspartei gab es Kritik. Der Landesbeirat für Chancengleichheit legte eine Petition zur Sperrung des Videos auf. Auch im Schützenbund selbst distanzierten sich manche. Donnerstagmittag hatte „Mamma Tirol“ auf Youtube 50.000 Klicks erreicht, es gab zustimmende und ablehnende Kommentare.

          Dann wurde das Video gesperrt. Von der offiziellen Website des Schützenbundes und dessen Seiten auf sozialen Medien aus gab es keinen Zugriff mehr. Man habe versehentlich die Persönlichkeitsrechte von Personen verletzt, teilte Wirth Anderlan mit. Den Vorwurf des Rassismus, der Frauenfeindlichkeit und der Homophobie wies er zurück – und stellte „als Beweis“ den Text auf die SSB-Website (schuetzen.com).

          Dort und anderswo im Netz kann man die Reimverse lesen. Ohne Ton und Bild sind sie von trauriger Gestalt. Von „Heimatverrätern“ ist die Rede, die den Kampf für die Abspaltung Südtirols von Italien und die Wiedervereinigung mit Nord- und Osttirol, mithin Österreich, aufgegeben hätten. Die „nicht mal Respekt vor ihren eigenen Vätern“ hätten und Greta Thunberg huldigten. Und vom „Park vor meinem Haus“ ist die Rede, dort „liebt der Dieter den Peter“, offenbar zum Missfallen des Betrachters.

          Gegen dies wird die „DNA des SSB“ gesetzt: Der „Glaube an die Freiheit ist unser Benzin“, aber mit rechten Rassisten, Neofaschisten und linken Populisten seien sie „nicht intim“. Stattdessen: „Wir sind Tiroler, Demokraten und Christen.“ Am Freitag ging die Amtszeit von Wirth Anderlan als SSB-Chef dann zu Ende: Am Abend trat der geistige Vater von „Mamma Tirol“ von seinem Amt als Landeskommandant zurück.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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