https://www.faz.net/-gqz-8eora

Gedenken an den Philosophen : Sanft geruht auf Nietzsches Grabplatte

Ob Nietzsche seine letzte Ruhe exakt unter dieser Platte gefunden hat, ist nicht geklärt. Im Hintergrund ist das ehemalige Schulgebäude von Röcken zu sehen. Bild: interTOPICS/STAR-MEDIA

Heimholung des ungeliebten Sohns: In Röcken, dem Geburts-, Tauf- und Begräbnisort des Philosophen, tut man wieder etwas für dessen Andenken.

          4 Min.

          Das Leben von Friedrich Nietzsche hat seine Fixpunkte in Röcken: Hier wurde der Philosoph geboren, hier wurde er getauft, hier liegt er begraben. Geheiratet hat er ja bekanntlich nie. Man könnte meinen, er wäre gar nicht weggekommen aus dem dreihundert Einwohner zählenden Dorf in Sachsen-Anhalt. Dabei verbrachte Nietzsche nur wenig mehr als die ersten fünf Lebensjahre hier; nach dem Tod des Vaters 1849 und des jüngeren Bruders wenig später zog die Mutter mit ihrem ältesten Sohn und dessen dreijähriger Schwester Elisabeth nach Naumburg. Von dort ging es dann weiter an die bekannten Stationen der Biographie: Schulpforta, Leipzig, Basel, Sils Maria, Nizza, Turin und nach dem geistigen Zusammenbruch wieder nach Naumburg sowie schließlich nach Weimar, wo die geschäftstüchtige Schwester ihr Nietzsche-Archiv eröffnet hatte. Dort starb der Philosoph 1900 im Alter von 55 Jahren, und dass er doch noch einmal in seinen Geburtsort Röcken zurückkehrte, lag nur daran, dass seine Schwester keine Genehmigung bekam, ihn im Garten des Archivs zu begraben. Nach Sils Maria, wo Nietzsche selbst bestattet werden wollte, gab sie ihn nicht ab, stattdessen wählte sie Röcken, wo bereits die Eltern ruhten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Ort tat sich schon immer schwer mit seinem größten Sohn. Der evangelische Pfarrer verweigerte seinerzeit seine Mitwirkung an der Beerdigung des atheistischen Nietzsche, gewährte aber gegen eine Sachzuwendung an die Gemeindekasse die Genehmigung dazu: Immerhin war Nietzsche ja der Sohn seines früheren Amtsvorgängers an der winzigen Dorfkirche mit ihrem Turm aus dem zwölften Jahrhundert, und Geburtsstätte des Philosophen war das Pfarrhaus von Röcken. So kam er neben die Eltern direkt an die südliche Außenmauer der Kirche zu liegen, und 1935 ließ sich die Schwester Elisabeth, die es durch Manipulationen seiner Schriften – das angeblich nachgelassene Buch „Der Wille zur Macht“ war ihre eigene Zusammenstellung – und Anbiederung an die Nazis geschafft hatte, aus dem stolzen Unverstandenen einen angeblichen Vordenker Hitlers gemacht zu haben, auch noch hier bestatten und zwar mitten in der Grabstelle, so dass seitdem niemand mehr weiß, wo genau denn der Philosoph gelegen hat. Die beiden gigantischen Porphyrplatten für Nietzsche und seine Schwester, die heute den Ort dominieren, wurden damals in der Erwartung angefertigt, hier die Weihestätte für einen NS-Philosophen zu begründen. Aber Hitler kam nie vorbei. Nach 1945 gereichte der ideologische Missbrauch Nietzsches dem Dorf Röcken nur noch zum Nachteil.

          Späte Hinwendung zum Geburtsort

          Trotzdem ließ die DDR Nietzsches Grab 1987 unter Denkmalschutz stellen, allerdings ohne offizielle Bekanntgabe. Das war dennoch insofern bedeutend, als Röcken die Zerstörung drohte, denn die Braunkohleabbaugebiete in der Leipziger Tieflandsbucht rückten der Ortschaft immer näher. Bis heute gibt es keinen endgültigen Abbauverzicht, daran erinnert auf einem Hausgiebel direkt neben dem Kirchenareal ein Transparent, das Nietzsches Satz „Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer“ zitiert und dann auf Englisch die deutschen Abbaugesetze als Menschenrechtsverletzung geißelt.

          Weitere Themen

          Acht Rubens im Niemandsland

          Spanien : Acht Rubens im Niemandsland

          Die Hochebene der kastilischen Provinz Soria ist ein Paradebeispiel für das „leere Spanien“. Doch sie hält einige Überraschungen bereit.

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.