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Gedenktag für „Charlie Hebdo“ : Trauer im Niemandsland

Blumen vor den ehemaligen Redaktionsbüros von „Charlie Hebdo“ Bild: AFP

Fünf Jahre nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ist das Viertel um die ehemalige Pariser Redaktion gespenstisch leer. Die stille Trauerstunde findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

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          Sie sind noch einmal zurückgekehrt, fünf Jahre nach den Morden, bei denen acht ihrer Kollegen starben und danach und noch vier weitere Menschen, die das Pech hatten, den Tätern zu begegnen. Die Redaktion von „Charlie Hebdo“ ist längst anderswo in Paris untergebracht, natürlich unter geheimer Adresse, natürlich unter ständiger Bewachung. Die ist am Morgen des 7. Januar mitgekommen und um ein Vielfaches verstärkt worden, denn die stille Trauerstunde, zu der Angehörige der Opfer und die Überlebenden sich am späten Vormittag am Tatort in der Rue Nicholas Appert eingefunden haben, findet unter Ausschluss jeglicher Öffentlichkeit statt: kein Politiker, keine Kamera, kein Wort nach außen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Abends wird eine Erinnerungsveranstaltung mit heutigen Redaktionsmitgliedern im Auditorium von Radio France stattfinden, und in der am Morgen erschienenen Spezialausgabe von „Charlie Hebdo“ zum Jahrestag finden sich Texte der Ermordeten und ihrer Hinterbliebenen. Bittere sind dabei wie der von Maryse Wolinski, der Witwe von Georges Wolinski, die noch einmal fragt, warum der Polizeischutz für die Redaktion trotz anhaltender Morddrohungen anderthalb Monate vor dem Massaker beendet worden war. Heute dagegen ist nicht nur der frühere Sitz der Zeitschrift selbst abgesperrt, sondern das ganze Quartier zwischen den Boulevards du Temple und Richard Lenoir.

          Französische Politiker bei der Gedenkfeier

          Letzterer ist auch deshalb von der Polizei blockiert, weil entlang des Mittelbanketts dutzendweise die Mannschaftswagen der eingesetzten Kräfte parken. Und weil hier das neunte Opfer des 7. Januar 2015 ermordet wurde: der Polizist Ahmed Merabet. Zwei Gedenktafeln sind seit einiger Zeit an den Todesorten angebracht, doch heute wird nur dem Gedenken der Familien Raum eingeräumt – einer martialisch durch Maschinengewehre und Gitter bewehrten Trauer, von denen ein Bruchteil vor fünf Jahren ausgereicht hätte, das Verbrechen zu verhindern. Am Jahrestag wird Ausnahmezustand simuliert, und angesichts der vielen geschlossenen kleinen Geschäfte ringsum in der immer noch bestreikten Stadt erweckt das 11. Arrondissement noch mehr als der Rest von Paris den Eindruck eines urbanen Niemandslandes.

          Ein paar Blocks nördlich liegt die Place de la Republique, das zentrale Aufmarschfeld für Demonstrationen. Am 12. Januar 2015 waren hier mehr als eine Million Menschen in Solidarität mit „Charlie Hebdo“ zusammengekommen, angeführt vom französischen Präsidenten. Der hat heute andere Probleme, die sich auch auf dem Platz zeigen: Er ist an diesem Mittag so leer ist wie sonst nie. Niemand verweilt, denn all die Fußgänger an diesem Mittwoch sind zwischen Bus- oder Metrohaltestellen unterwegs, die nicht bedient werden. Auf dem eigenen Fußmarsch vom Bahnhof zur Rue Nicholas Appert führte der Weg kurz nach dem Platz an Flauberts ehemaliger Wohnung auf dem Boulevard du Temple vorbei, dem Domizil eines Schriftstellers, der von einem „livre de rien“, einem Buch über das Nichts, träumte. Der fünfte Jahrestag des Attentats kommt dieser Vorstellung nahe. Wäre doch nur vor fünf Jahren nichts geschehen.

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