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Gedenken an Hitler-Attentat : Taube in Kirche, ratlos

Im Christ Church College in Oxford wurde den Opfern des 20. Julis gedacht. Bild: Picture-Alliance

In der Kirche des Christ Church Colleges in Oxford wurde am Vorabend des 75. Jahrestages des Hitler-Attentats all derer gedacht, die ihr Leben im Widerstand gegen das Nazi-Regime verloren haben. Ein besonderer Moment.

          In Oxford, oder zumindest einem kleinen Teil davon, gehen die Uhren anders. Dort hält das Christ Church College an der an der Sonne ausgerichteten Zeitrechnung fest, die im neunzehnten Jahrhundert redundant wurde, als der Ausbau des Eisenbahnnetzwerkes die Standardisierung der kleinteiligen Zonen notwendig machte, um einen einheitlichen Fahrplan erstellen zu können. Demnach bleiben die Uhren an dem größten und prachtvollsten der Oxforder Colleges fünf Minuten und zwanzig Sekunden hinter der Greenwich Mean Time zurück in symbolhafter Zurschaustellung von Eigenständigkeit und Traditionspflege.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Von diesem Geist war auch der ebenso berührende wie bezeichnende Gottesdienst in der zugleich als Kathedrale von Oxford dienenden Kirche des College geprägt, der am Vorabend des 75. Jahrestages des missglückten Attentates auf Hitler all derer gedachte, die ihr Leben verloren haben im Widerstand gegen das Regime sowie ihrer britischen Fürsprecher, allen voran des Bischofs George Bell, eines ehemaligen Studenten und Dozenten von Christ Church, dessen wiederholtes Plädoyer, zwischen Deutschen und Nationalsozialisten zu unterscheiden, bei der britischen Regierung auf taube Ohren stieß.

          Als Verfechter des christlichen Widerstandes und eloquenter Kritiker der Flächenbombardierung, deren Rechtfertigung aus Zweckmäßigkeit er gleichsetzte mit der „Nazi-Philosophie, dass Macht Recht ist“, wurde der Bischof von Chichester zu einer unbequemen moralischen Instanz. Im britischen Außenministerium, das die Emissäre des Widerstandes subversiver Aktivitäten gegen Britannien verdächtigte, hieß Bell herablassend „unser kleiner deutscher Bischof“. Obwohl Bell im Einzelnen einiges bewirken konnte mit seiner Unterstützung für deutsche Flüchtlinge, die als „feindliche Ausländer“ interniert wurden, und für Verfolgte, die dank seiner Vermittlung in Britannien Aufnahme fanden, vermochte er keinen Einfluss auszuüben auf die britische Politik.

          Zwischen Vorsicht und Feigheit

          Wie die Männer vom 20. Juli scheiterte auch er mit seinem Ansinnen. Doch bleibt die Symbolwirkung. Bei der Abendandacht galt es nicht zuletzt, die ewige Gültigkeit der christlich-humanistischen Werte zu würdigen, für die George Bell ebenso eintrat wie jene Mitglieder des Widerstandes, wie Adam von Trott zu Solz und Helmuth James von Moltke, die eine besondere Beziehung zu Oxford hatten.

          Das bekräftigte nicht nur die unter Federführung von Bells Biograph Andrew Chandler sorgfältig zusammengestellte Agende mit der auf die Kritik an der Flächenbombardierung Bezug nehmenden Passage aus dem Buch Genesis über das Töten der Gerechten mit den Gottlosen und den Versen aus dem ersten Petrusbrief über die christliche Hoffnung in Bedrängnis und Verfolgung, sondern auch die bewegende Predigt von Nigel Biggar, des Regius-Professors für moralische und pastorale Theologie, der auch ein Kanoniker der Kathedrale von Christ Church ist.

          Die Grauzonen zwischen Vorsicht und Feigheit, zwischen Mut und Leichtsinn hervorhebend, beleuchtete Biggar am Beispiel Moltkes den Mut jener unter der Diktatur lebenden Deutschen, deren Gewissen sie dazu trieb, den Blick nicht abzuwenden, sondern Stellung zu beziehen, in dem Wissen, dass die Bedeutung ihrer Handlungen nicht so sehr in der Wirksamkeit der Tat liege, sondern in ihrer Aussage.

          Eine Kerze am Altar

          In der Öffentlichkeit hat dieser Gottesdienst kaum Aufmerksamkeit gefunden, doch ist ihm in zweierlei Hinsicht Bedeutung beizumessen. Zum einen, weil die Briten, wie Biggar im Gespräch hervorhob, mangels eigener Erfahrungen mit dem Totalitarismus, sonst dazu neigen, gegen jene zu moralisieren, die nicht Widerstand geleistet haben. Zum anderen, weil Christ Church mit der ausdrücklichen Würdigung des 1958 verstorbenen Bischofs Bell ein Zeichen setzte in der Auseinandersetzung über die unerwiesene Beschuldigung, die 2015 publik wurde, dass er in den späten vierziger und fünfziger Jahren ein junges Mädchen missbraucht habe.

          Sich über das Unschuldprinzip hinwegsetzend, hat die Kirche zunächst voreilig die Partei der Klägerin ergriffen. Selbst nachdem Bell nach eingehender Prüfung entlastet worden ist, spricht die Kirche von einem Schatten, der den Ruf des Bischof trübe. Insofern ist die Veranstaltung auch als kleiner Akt des Widerstandes aufzufassen. Umso eindringlicher wirkt im Anschluss an den Gottesdienst die Versammlung um den Altar aus der die Brandschäden der Bombardierungen beschwörenden Räuchereiche, den Christ Church zur Jahrtausendwende Bischof Bell widmete.

          Während der Historiker Timothy Garton Ash und andere Passagen aus den Schriften der Widerstandskämpfer verlasen, die von deren christlichen Ethos gezeichnet waren, wurde eine Kerze auf dem Altar angezündet. Dass währenddessen eine Taube durch den Kirchensaal flatterte und vergeblich nach einem Ausgang suchte, schien dem Ganzen zusätzliche Symbolkraft zu verleihen.

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