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Coronavirus in Italien : Kein Beistand aus dem Jenseits

Geschlossen wegen der Corona-Pandemie: Die Kirche San Biagio e Santa Maria Immacolata in Cordogno. Bild: dpa

In Italien bleiben wegen des Coronavirus auch die Kirchen geschlossen. Wohin sollen sich die Gläubigen jetzt wenden?

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          Karneval abgebrochen, Dreharbeiten zu „Mission Impossible“ ausgesetzt, Giorgio Armanis Modenschau nur als Livestream, Fußballspiele verlegt oder vor Geisterkulisse, Universitäten, Schulen und Kitas, Theater und Museen geschlossen, mehrere Kleinstädte abgeschottet: Die Vorkehrungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Italien verfolgen eine, so Ministerpräsident Giuseppe Conte, „harte Linie“ – und treffen auch die Kirche.

          Nach den Diözesen Mailand und Padua haben das Patriarchat von Venedig und das Bistum Turin alle Gottesdienste, zunächst bis einschließlich Sonntag, abgesagt. Mario Delpini, der Erzbischof von Mailand, entspricht damit den Anordnungen der staatlichen Gesundheitsbehörden, die öffentliche Versammlungen untersagt haben. Im katholischen Italien muss das, auch wenn Kirche und Staat getrennt sind, irritieren.

          Denn wohin soll der gläubige Christenmensch sich wenden, wenn die Kirchen als Orte des Gebets und der Zuflucht ausfallen? Wer dort anklopft, steht vor verschlossenen Türen. Nicht einmal eine Kerze zur Fürbitte lässt sich anzünden. Taufen und Hochzeiten können bis auf weiteres nicht, Bestattungen nur im engsten Familienkreis, jedoch ohne Messfeier, abgehalten werden, die Kommunion darf nur auf der Hand und nicht mehr direkt mit dem Mund empfangen werden.

          Der Bewusstseinswandel, der sich hier abzeichnet, ist grundlegend. Beistand aus dem Jenseits zu erwarten, ist nicht vorgesehen, der Raum für Transzendenz gestrichen, das Heilsversprechen des Glaubens scheint aufgegeben. Die Kirche, seit Jahrhunderten Ansprechpartner bei Katastrophen, tritt zurück.

          Wer Hilfe sucht, wird an das Gesundheitsamt verwiesen. Und wird womöglich leichte Beute des Rattenfängers und Lega-Chefs Matteo Salvini, der sich gerne als Erlöser aufspielt und politisches Kapital aus der Krise zu schlagen versucht. Dass der Mailänder Dom, der vor allem eine Touristenattraktion, aber auch ein Gotteshaus ist, geschlossen bleibt, während das schräg gegenüber liegende Kaufhaus „La Rinascente“, das zu Stoßzeiten ähnlich große Besucherströme anzieht, bis 20 Uhr geöffnet ist, bestätigt es: Der Konsum ist das größere Heilsversprechen.

          Noch ist nur der Norden des Landes betroffen, im Süden dürften sich die Behörden mit der Umsetzung der Vorkehrungen schwerer tun. Inzwischen wurden aus dem Vatikan erste besondere Maßnahmen bekannt: Großveranstaltungen werden künftig nicht mehr in geschlossenen Räumen stattfinden, sondern an die frische Luft verlegt, Desinfektionssprays stehen zur Verfügung, und um weitere Ansteckungen zu vermeiden, wurden die Weihwasserbecken in den Kirchen entfernt. Dass Papst Franziskus die nächste Generalaudienz vor dem Petersdom mit einer Atemschutzmaske abhalten wird, ist schwer vorstellbar. Ausgeschlossen erscheint es nicht mehr. 

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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