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Gina Thomas (G.T.)

England im Brexit : Frauen an der Macht

  • -Aktualisiert am

Habemus Premierministerin: Theresa May muss Großbritanniens Scheidung von der Europäischen Union ins Werk setzen. Bild: AP

Von der Königin über die Premierministerin bis zu den Ersten Ministerinnen Schottlands und Nordirlands. An der Spitze des britischen Staatswesens stehen Frauen. Bewältigen sie den Brexit?

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          Im Shakespeare-Jahr kam eine kleine Theatertruppe auf die Idee, mit vier Clowns sämtliche Bühnentode aus den 37 Dramen in einer absurden Schau aufzuführen, 75 an der Zahl, schließt man die symbolische Fliege in „Titus Andronicus“ ein, die der Bruder des Herrschers erschlägt. In Westminster hat sich wie im Schnellvorlauf seit dem 23. Juni zumindest im übertragenen Sinne ein ähnliches Gemetzel mit bisweilen clownesken Zügen abgespielt. Trotz Shakespearscher Anklänge trägt das Drama der englischen Politik allerdings eher den Charakter der blutrünstigen Tragödien von Christopher Marlowe, die ein düsteres Menschenbild zeichnen.

          Siegerin mit weißer Weste

          Aus diesem Blutbad ist nun Theresa May mit erstaunlich weißer Weste als Siegerin hervorgegangen. Selbst wenn der sich schon seit längerem äußerst geschickt positionierenden Pfarrerstochter das „Zwei-Pferde-Rennen“ - einige fanden, man hätte lieber „Zwei-Stuten-Rennen“ sagen sollen - nicht erspart geblieben wäre und sie heute noch nicht Einzug in die Downing Street hielte, war klar, dass Großbritannien wieder von einer Frau regiert werden würde.

          Zu den Ironien der britischen Politik gehört freilich, dass die auf Tradition ausgerichtete Konservative Partei bereits die zweite Premierministerin stellt, während Labour, die Partei des Fortschritts und der sozialen Gerechtigkeit, es bislang auf bloß zwei interimistische Parteiführerinnen gebracht hat. Das könnte sich ändern, wenn es Angela Eagle gelingt, sich gegen Jeremy Corbyn durchzusetzen.

          Doch auch so verdankt sich der turbulenten Kette von Ereignissen eine ungewöhnliche Konstellation aus Frauen, die jetzt, angefangen mit der Königin über die Premierministerin bis hin zu den Ersten Ministerinnen Schottlands und Nordirlands, an der Spitze des britischen Staatswesens stehen. In Schottland werden auch die Oppositionsparteien von Frauen geführt, in Wales hat die Nationalpartei Plaid Cymru ebenfalls eine Vorsitzende. Wie Titus Andronicus sind die noch vom Schock des Brexits benommenen Briten nach den Heimtücken der letzten Wochen „übersatt von Grausamkeit“. Die konservative Abgeordnete Anna Soubry suggerierte, dass Theresa May den von den Knaben angerichteten Schlamassel aufräumen werde, dessen das Land überdrüssig sei.

          Gar nicht machtbesessen?

          Bevor man jedoch der Einbildung erliegt, dass die Femokratie einen zivilisierenden Einfluss auf die Männerwelt habe, braucht man nur an die Frau des „Brexit“-Brutus Michael Gove zu denken, die ihren Mann zur Härte ermahnte und sich damit den Vorwurf eintrug, so machtbesessen vorzugehen wie Lady Macbeth. Eine genaue Betrachtung der jüngsten Possen zeigt auch, wie trügerisch die Vorstellung ist, dass die Übernahme politischer Spitzenämter durch Frauen selbstverständlich geworden sei. Es sind immer wieder die gleichen Klischees ins Spiel gebracht worden, ob bei den Tränen, die Angela Eagle in einem Interview vergoss, weil sie gegen ihren Parteiführer kandidiere, oder beim Eklat über Andrea Leadsoms Unterstellung, dass sie sich als Mutter der Zukunft des Landes stärker verpflichtet fühle als die kinderlose May. Dabei haben die Protagonisten der britischen Krise eine ganze Palette menschlicher Verhaltensweisen an den Tag gelegt, die nicht unbedingt als geschlechtstypisch gelten. Der weiblich-tränenerstickten Stimme David Camerons bei seiner Rücktrittserklärung könnte man die eisern-maskuline Entschlossenheit seiner Nachfolgerin als Beispiel entgegensetzen. Womit sich die gute Regel bestätigt: Möge der Bessere gewinnen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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