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Impressionismus und Moderne in London : Zu hohe Schätzungen bringen kein Glück

  • -Aktualisiert am

Claude Monets Nymphéas“ von 1906, geschätzt auf 20 bis 30 Millionen Pfund, brachten 28,25 Millionen Pfund. Bild: Sotheby's

Die Londoner Auktionen bei Christie’s und Sotheby’s müssen einige Rückgänge verschmerzen. Sind die Erwartungen der Einlieferer mittlerweile einfach zu hoch?

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          Seltenheit, Qualität, Marktfrische, Provenienz lautet das Mantra erfolgreicher Auktionsverkäufe. Die Londoner Veranstaltungen mit Impressionismus und Moderne in dieser Woche zeigen, dass die ersten beiden Worte die wichtigsten sind. Denn sie bezeichnen - neben dem Erhaltungszustand, der Anzahl der Werke eines Künstlers und deren Verfügbarkeit am Markt - die Bedeutung innerhalb von Werkentwicklung und Kunstgeschichte.

          Auch wenn Sotheby’s das bessere Ergebnis vorlegen kann, war das Ereignis der Woche Kurt Schwitters’ großes „Ja-Was?-Bild“ von 1920, eingeliefert aus der rheinischen Langen-Familiensammlung in die Abendauktion bei Christie’s. Nun wird das wichtige Werk eines Künstlers, der im Entstehungsjahr auch Köln besuchte, nicht mehr in der Langen-Foundation bei Neuss zu sehen sein. Es ist eines von nur fünf Bildern dieser Serie; die restlichen vier hängen in Museen. Die Schätzung lag bei vier bis sechs Millionen Pfund. Von sechs Millionen an waren nur noch zwei Telefone im Rennen, die sich in Hunderttausender-Schritten befeuerten. Der Sammler am Telefon der New Yorker Repräsentantin wurde ungeduldig und bot mehrfach gleich eine weitere halbe Million. Er war am Ende erfolgreich - beim Zuschlag von 12,4 Millionen Pfund. Inklusive Aufgeld sind das 13,97 Millionen: neuer Auktionsrekord für Schwitters, der den vorigen von 1,273 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) aus dem Jahr 2012 für ein „Merzbild“ von 1919 um mehr als das Zehnfache übertrifft.

          12,4 Millionen Pfund für Kurt Schwitters’ „Ja - Was? - Bild“, geschätzt auf 4 bis 6 Millionen Pfund
          12,4 Millionen Pfund für Kurt Schwitters’ „Ja - Was? - Bild“, geschätzt auf 4 bis 6 Millionen Pfund : Bild: Christie's

          Nach der Schwitters-Euphorie sackte die Stimmung im Saal erst einmal deutlich ab, als von den nächsten zehn Losen sechs unverkauft blieben. Christie’s hatte in den Abend einige zweitrangige Werke integriert, die man eher in der Tagauktion erwartet hätte, und so blieb am Ende ein Drittel der Lose unverkauft. Ein weiterer Grund waren manche zu hohe Taxen, wie der Auktionator Jussi Pylkkanen zugab. Allerdings haben die Häuser wenig Spielraum, wenn die Einlieferer ihre Erwartungen fest an einen bestimmten Preis knüpfen. Das Gesamtergebnis fiel daher bei Christie’s hinter die erwarteten 96,35 bis 141,45 Millionen zurück auf 85,784 Millionen Pfund.

          Dass die Strategie, den Bietern mehr Spielraum zu geben, erfolgreicher sein kann, bewies Sotheby’s am Abend zuvor beim Verkauf des Spitzenloses, eines Seerosenbeckens von Monet. Überhaupt waren dort vorsichtigere Taxen angesetzt - und 91,3 Prozent der 46 angebotenen Lose wurden verkauft. Im Juni 2010 hatte Christie’s denselben Monet in London angeboten, mit einem Preisschild von dreißig bis vierzig Millionen Pfund. Es sollte ein neuer Rekord werden; das Bild blieb aber unverkauft, weil die Schätzung - wie auch der damalige Leiter der Impressionismus-Abteilung, Thomas Seydoux, einräumte - einfach zu hoch war.

          Garantie für Monets Seerosen

          Nun versah Sotheby’s diese „Nymphéas“ mit einer Erwartung von zwanzig bis dreißig Millionen Pfund. Das Bild war mit einer Garantie versehen, doch sie wurde vom erzielten Preis geschlagen: Also verdienten Sotheby’s und der Garantiegeber daran. In einem Wettstreit an Telefonen gewann der Kunde am Telefon des amerikanischen Spezialisten David Norman gegen das Telefon von Kevin Ching, der bei Sotheby’s verantwortlich ist für die Expansion ins chinesische Festland. Der Hammer fiel bei 28,25 Millionen Pfund, der teuerste Zuschlag des Abends. Hier konnte sich ein Wettstreit richtig entfalten; das erste - garantierte - Gebot hatte bei zwanzig Millionen gelegen. Sotheby’s setzte an dem Abend 121,957 Millionen Pfund um, sogar etwas mehr als die obere Erwartung von 121,55 Millionen.

          Schmerzhafter Rückgang für Christie’s: Alberto Giacomettis Bronze „La Main“, geschätzt auf 10 bis 15 Millionen Pfund
          Schmerzhafter Rückgang für Christie’s: Alberto Giacomettis Bronze „La Main“, geschätzt auf 10 bis 15 Millionen Pfund : Bild: Christie's

          Zum Erfolg bei Sotheby’s trugen wohl auch die intensiven Recherchen zuvor bei, die einen Überblick geben sollen, welche Sammler gerade welche Künstler oder Werke zu welchem Preis suchen. Sotheby’s sicherte sich außerdem mit Garantien ab, während Christie’s auf einige Überraschungs-Gebote gehofft haben mag. Das fiel besonders beim starken Kontingent an Giacomettis bei Christie’s auf, für das sich einfach nicht genug Interessenten fanden; von acht dieser Lose wurden nur vier verkauft. Besonders schmerzhaft war der Rückgang von „La main“, der stark beworbenen ausgestreckten Hand, bei der die Untertaxe von zehn Millionen Pfund wohl der vom Einlieferer mindestens erwartete Preis war. Derartig rigide hohe Vorstellungen wurden enttäuscht. Auch mit seinem Mondrian war Sotheby’s erfolgreicher als Christie’s, das Bild war ebenfalls mit einer Garantie abgesichert: „Composition with Red, Blue and Grey“ von 1927 erzielte 13,5 Millionen Pfund (Taxe 13/18 Millionen). Der Christie’s-Mondrian „Composition A, with Double Line and Yellow“ von 1935 - mit aufgesprungener Ölfarbe - (5/6 Millionen) blieb unverkauft. Bei Sotheby’s stieg außerdem Max Beckmanns Frankfurter „Stillleben mit Grammophon und Schwertlilien“ auf 4,2 Millionen Pfund (1,8/2,5 Millionen); es geht in eine Privatsammlung in den Vereinigten Staaten.

          Piet Mondrians „Composition with Red, Blue and Grey“ von 1927, geschätzt auf 13 bis 18 Millionen Pfund, spielte 13,5 Millionen Pfund ein.
          Piet Mondrians „Composition with Red, Blue and Grey“ von 1927, geschätzt auf 13 bis 18 Millionen Pfund, spielte 13,5 Millionen Pfund ein. : Bild: Sotheby's

          Bei Christie’s setzten die weiteren Lose aus der Sammlung der Familie Langen in der Abendveranstaltung 20,335 Millionen Pfund (inklusive Aufgeld) um; die Gesamttaxe lag bei 9,6 bis 14,1 Millionen. Im Mai in New York hatte eine erste Langen-Tranche bereits umgerechnet 47 Millionen Pfund eingespielt. Auch Langen-Provenienz trägt Max Ernsts „Forêt“, die mit 700.000 Pfund (350.000/550.000) den Rekord für eine Papierarbeit des Künstlers aufstellte. Aus der Sammlung Ahlers wurde Franz Marcs leuchtendes „Kinderbild (Katze hinter einem Baum)“ für 5,5 Millionen (5/7 Millionen) verkauft, während Gabriele Münters kleines „Gelbes Haus mit Schneebäumchen“ (300.000/400.000) - ohne Signatur auf der Vorderseite und wohl eher für die Tagesauktion geeignet - unverkauft blieb. Aus der Sammlung Selinka in Ravensburg - im Katalog nur als „distinguished German collection“ angekündigt - wurde aus dem Eigentum der Erbin Kirchners „Nacktes Mädchen vor grünem Sofa“ eingereicht, das zur unteren Taxe von zwei Millionen Pfund Deutschland und wohl bald die Website der Selinka-Stiftung verlässt.

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