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Imame in Deutschland : Im Namen Erdogans

Gebet in einer deutschen Ditib-Moschee Bild: dpa

Welcher Islam in Deutschland gepredigt wird, steuert die türkische Religionsbehörde. Viele Imame, die nach Deutschland geschickt werden, können gar nicht anders, als eine regierungsnahe Agenda zu verfolgen.

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          Eine Zahl sorgt gerade für Diskussion: 970. So viele aus der Türkei importierte Imame predigen in den 900 Moscheen, die Ditib, der größte islamische Dachverband, in Deutschland betreibt. Den Vorwurf, die Imame seien nichts anderes als der verlängerte Arm des türkischen Staates, haben Ditib-Funktionäre als Polemik zurückgewiesen. Fakt ist jedoch: Der Verband untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet und diese direkt der türkischen Regierung. Kritischen Stimmen in der Türkei gilt die Behörde als Lieferant und Finanzier religiöser Dienstleistungen im Sinne Ankaras. Es wird dort sehr genau verfolgt, welche religiösen Weisungen die Diyanet der Ditib erteilt.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Verband wurde 1982 mit dem Ziel in Köln gegründet, alle türkischen Gemeinden unter ihrem Dach zu vereinen und sie auf den Staatsislam der Diyanet einzuschwören. Die Imame der Ditib sind türkische Staatsbeamte mit allen Rechten und Pflichten, die das mit sich bringt. Bei Dienstantritt müssen sie einen Gesinnungstest ablegen. Es ist bekannt, dass sie vor Parlamentswahlen in der Türkei in der Regel dazu aufrufen, für Erdogans AKP zu stimmen. Als 2015 in der Türkei gewählt wurde, chauffierte die Ditib ihre Mitglieder zur Stimmabgabe in den Konsulaten.

          Die wichtigsten Multiplikatoren

          Es mag ja sein, dass die Imame nichts predigen, was konträr zur deutschen Verfassung steht. Ihre Auslegung der Religion gilt als liberal. Für ältere Deutschtürken, die vielleicht nie wirklich in Deutschland heimisch geworden sind, mag ihre Türkei-Fixierung angemessen sein. Bei jungen Deutschtürken fördert sie jedoch die innere Zerrissenheit und wirkt sich integrationshemmend aus.

          Imame sind Autoritätspersonen und die wichtigsten Multiplikatoren in der muslimischen Community. In ihren Predigten nehmen sie Bezug auf Alltagsherausforderungen und auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Als Koranlehrer begegnen ihnen Tausende muslimische Jugendliche, als Seelsorger beraten und trösten sie Gemeindemitglieder in privaten Notlagen. Nicht nur in den Gemeinden der Ditib, sondern auch in den Moscheen der übrigen türkischen Verbände predigen fast ausschließlich Imame, die dafür aus der Türkei importiert worden sind. Sie reisen mit einem Touristenvisum ein und müssen nach einer Weile wieder zurück. Ein Aufenthaltsrecht von bis zu fünf Jahren genießen lediglich die Ditib-Imame, die als Angestellte der Konsulate geführt werden. Mit der deutschen Wirklichkeit sind nicht wenige Imame hoffnungslos überfordert. Vielleicht waren sie einmal in Mekka, ansonsten ist Deutschland oftmals ihr erster Auslandsaufenthalt.

          Im Ruhrgebiet habe ich einmal einen solchen Ditib-Imam kennengelernt: Ein Mann von Anfang fünfzig, Deutsch sprach er nur gebrochen. Von dem Land, in dem er nun schon zwei Jahre lebte, hatte er bisher kaum etwas gesehen. Besonders wohl in Deutschland fühlte er sich nicht. Vor allem mit den jungen Gemeindemitgliedern tat er sich schwer. Anfangs hätten sie ihn kaum verstanden. Ihre Türkischkenntnisse seien zu schlecht. Mittlerweile predige er nur noch in einer Art Kindergartensprache, und trotzdem kämen seine Worte nicht bei ihnen an. Letztendlich wisse er ja auch gar nicht, was sie beschäftige. Er kenne ihre Lebenswirklichkeit nicht; sie seien so ganz anders als die jungen Leute in der Türkei, nämlich respektlos und aufmüpfig, sagte der Imam.

          Gehorsam, Gottesfurcht und türkischer Patriotismus

          Welcher Islam in Deutschland gepredigt wird, bestimmen letztendlich die Vorstände der Moscheegemeinden und Dachverbände. Der Religionspädagoge Rauf Ceylan hat für seine Studie „Die Prediger des Islam: Imame - Wer sie sind und was sie wirklich wollen“ (2010) Imame in Deutschland befragt. Die größte Gruppe in türkischen Moscheegemeinden nennt er „traditionell-konservative Imame“, sie machten etwa 75 Prozent aller Imame aus. Entscheidend für ihre Lehre sind Gehorsam, Gottesfurcht und türkischer Patriotismus. Sie pflegen Wertvorstellungen, die von Millionen gläubiger Türken gelebt werden - seien diese auch noch so unzeitgemäß. Die zweitstärkste Gruppe, die „traditionell-defensiven Imame“, verbreiten in ihren Predigten dagegen ein Weltbild, das im Glauben an Geheimlehren, böse Mächte und im türkischen Nationalismus fußt. Das Ende der Welt ist für sie schon nah, es kündigt sich beispielsweise an durch die wachsende Respektlosigkeit der jungen Generation und die Emanzipation der Frau. Sie sind überzeugt, die Türken in Deutschland würden immer mehr zu Deutschen. Dahinter vermuten sie eine systematische staatliche Germanisierungspolitik. Auch die Lehre des Volksislams ist Ceylan zufolge verbreitet. Gemeint ist ein Islam, der im Gegensatz zur klassischen Religion auch Aberglaube und Heiligenverehrung umfasst. Es sind Überreste von althergebrachten Traditionen, mit denen der Islam auf seinem Eroberungsfeldzug eine Symbiose einging. Manche islamische Theologen sagen: Nicht der Islam an sich sei eine Herausforderung für säkulare westliche Gesellschaften, sondern die patriarchalen Strukturen, die der Volksislam transportiert.

          Imame, die ihm anhängen, würden niemals alte Lehren und religiöse Interpretationen in Zweifel ziehen. Sie ignorieren, dass die vorangegangenen Gelehrten auch nur Kinder ihrer Zeit gewesen sind und den Koran gemäß ihrem eigenen sozialen, kulturellen und politischen Kontext interpretierten. Imame, die bereit sind, die Verse des Korans aus ihrer historischen Schale zu lösen und kontextuell zu interpretieren, sind in Deutschland noch in der Minderheit. Sie setzen sich kaum an der Basis durch. Charismatische Persönlichkeiten sind selten, offensive Debatten über den Islam finden nicht statt. Die Religion kommt laizistisch glattgebügelt, funktionärstreu und spirituell-ausgehöhlt daher oder wertkonservativ und politisch aufgeladen. Themen, die junge Menschen interessieren könnten, bleiben außen vor. Dabei gibt es immer mehr junge Muslime, die sich einen zeitgemäßen Zugang zu ihrer Religion wünschen. Doch selbst wenn ihnen ein intellektuell aufgeschlossener Imam zur Seite steht, haben ihre Worte in der Gemeinde kein Gewicht. Viele junge Muslime wenden sich deshalb von ihren Gemeinden ab und der Religion im Privaten zu - oder dem Salafismus. Salafisten beobachten sehr genau, wer sich in den Gemeinden gut aufgehoben fühlt und wer nicht.

          Seit einigen Jahren bieten mehrere deutsche Hochschulen Studiengänge an, die zur Tätigkeit des Imams befähigen. Noch gibt es kaum Absolventen. Wie viele von ihnen einmal als Imame in Deutschland wirken können, ist ungewiss. Die Ditib hat schon vor geraumer Zeit angekündigt, ihre Imame auch weiterhin in der Türkei ausbilden zu wollen.

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