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Imame in Deutschland : Im Namen Erdogans

Gehorsam, Gottesfurcht und türkischer Patriotismus

Welcher Islam in Deutschland gepredigt wird, bestimmen letztendlich die Vorstände der Moscheegemeinden und Dachverbände. Der Religionspädagoge Rauf Ceylan hat für seine Studie „Die Prediger des Islam: Imame - Wer sie sind und was sie wirklich wollen“ (2010) Imame in Deutschland befragt. Die größte Gruppe in türkischen Moscheegemeinden nennt er „traditionell-konservative Imame“, sie machten etwa 75 Prozent aller Imame aus. Entscheidend für ihre Lehre sind Gehorsam, Gottesfurcht und türkischer Patriotismus. Sie pflegen Wertvorstellungen, die von Millionen gläubiger Türken gelebt werden - seien diese auch noch so unzeitgemäß. Die zweitstärkste Gruppe, die „traditionell-defensiven Imame“, verbreiten in ihren Predigten dagegen ein Weltbild, das im Glauben an Geheimlehren, böse Mächte und im türkischen Nationalismus fußt. Das Ende der Welt ist für sie schon nah, es kündigt sich beispielsweise an durch die wachsende Respektlosigkeit der jungen Generation und die Emanzipation der Frau. Sie sind überzeugt, die Türken in Deutschland würden immer mehr zu Deutschen. Dahinter vermuten sie eine systematische staatliche Germanisierungspolitik. Auch die Lehre des Volksislams ist Ceylan zufolge verbreitet. Gemeint ist ein Islam, der im Gegensatz zur klassischen Religion auch Aberglaube und Heiligenverehrung umfasst. Es sind Überreste von althergebrachten Traditionen, mit denen der Islam auf seinem Eroberungsfeldzug eine Symbiose einging. Manche islamische Theologen sagen: Nicht der Islam an sich sei eine Herausforderung für säkulare westliche Gesellschaften, sondern die patriarchalen Strukturen, die der Volksislam transportiert.

Imame, die ihm anhängen, würden niemals alte Lehren und religiöse Interpretationen in Zweifel ziehen. Sie ignorieren, dass die vorangegangenen Gelehrten auch nur Kinder ihrer Zeit gewesen sind und den Koran gemäß ihrem eigenen sozialen, kulturellen und politischen Kontext interpretierten. Imame, die bereit sind, die Verse des Korans aus ihrer historischen Schale zu lösen und kontextuell zu interpretieren, sind in Deutschland noch in der Minderheit. Sie setzen sich kaum an der Basis durch. Charismatische Persönlichkeiten sind selten, offensive Debatten über den Islam finden nicht statt. Die Religion kommt laizistisch glattgebügelt, funktionärstreu und spirituell-ausgehöhlt daher oder wertkonservativ und politisch aufgeladen. Themen, die junge Menschen interessieren könnten, bleiben außen vor. Dabei gibt es immer mehr junge Muslime, die sich einen zeitgemäßen Zugang zu ihrer Religion wünschen. Doch selbst wenn ihnen ein intellektuell aufgeschlossener Imam zur Seite steht, haben ihre Worte in der Gemeinde kein Gewicht. Viele junge Muslime wenden sich deshalb von ihren Gemeinden ab und der Religion im Privaten zu - oder dem Salafismus. Salafisten beobachten sehr genau, wer sich in den Gemeinden gut aufgehoben fühlt und wer nicht.

Seit einigen Jahren bieten mehrere deutsche Hochschulen Studiengänge an, die zur Tätigkeit des Imams befähigen. Noch gibt es kaum Absolventen. Wie viele von ihnen einmal als Imame in Deutschland wirken können, ist ungewiss. Die Ditib hat schon vor geraumer Zeit angekündigt, ihre Imame auch weiterhin in der Türkei ausbilden zu wollen.

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