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Von Berlin nach Prag : Der Gott der Eisenbahn muss ein Tscheche sein

  • -Aktualisiert am

Das Reich von Herrn Peterka und seinen Kollegen: ein Speisewagen der tschechischen Eisenbahngesellschaft Bild: Imago

Im Zug von Berlin nach Prag fühlt man sich wie in einer tschechischen Kneipe. Der Speisewagen ist eine kleine Welt in einer großen. Und die Fäden laufen bei Herrn Peterka zusammen.

          Man besteigt am Berliner Hauptbahnhof den weißblauen Eurocity nach Prag und schon ist man in Tschechien. Das liegt an dem Wagen mit den roten Ledersitzen und den großen weißgedeckten Tischen, dem Speisewagen. Die tschechischen Eisenbahner nennen ihn hospoda, Gasthaus. Ein böhmisches Dorf ohne hospoda ist unvorstellbar. Ein böhmisches Leben auch. Und ein Fernzug nach Prag ebenso.

          „Pivečko? Ein Bierchen?“ fragt gleich pan vrchní, Herr Ober, wie man in Tschechien immer noch sagt. Ich nicke. Er lacht: „Ich wusste es. Ich hätte auch gleich eins getrunken, aber ich kann noch nicht. Erst nach der Aufführung.“ „Aufführung?“ „Ja.“

          Wir fahren los und lassen Berlin hinter uns. Bald rasen wir durch das sommerliche Brandenburg Richtung Dresden. Der Eurocity ist überfüllt wie so oft im Sommer. Aber eigentlich auch im Winter. Prag zieht die Touristen genauso an wie die deutsche Hauptstadt. Und so ist es gleich auch im Speisewagen rappelvoll.

          „Where are you from?“ fragt Herr Ober zwei Fahrgäste. „Colorado.“ „Welcome to Europe. Welcome to the Czech Republic. Welcome to the Czech train. We have Czech specialities and very good Czech beer.“

          Jeder Kilometer eine neue Geschichte

          Das Paar aus Colorado bestellt zwei Pils und zwei Schnitzel mit Kartoffeln und Gurkensalat. Kurz danach hört man aus der Küche, wie das Schweinefleisch geklopft wird. Ein Geräusch, das man in vielen anderen Speisewagen nicht mehr vernehmen kann. Fröhlich pfeifend steht hier immer noch ein Koch an der Werkbank. Seine Eierspeisen zum Frühstück sind sehr beliebt. So auch der Lendenbraten, svíčková mit sechs fingerbreit geschnittenen Knödeln, die in der sahnigen Sauce wie versunkene Schiffe ruhen. „Doch das Schnitzel ist unser Klassiker, davon kann man nie genug braten.“

          Im Eurocity nach Prag wird noch richtig gekocht.

          Herr Ober heißt Pavel Peterka und ist Anfang fünfzig. Der stattliche Mann mit Vollbart stammt aus einer Eisenbahnerfamilie im Altvatergebirge, einer abgelegenen Region in Nordmähren, wo vor dem Krieg mehr Deutsche als Tschechen lebten. Als Jugendlicher wollte er auch zur Eisenbahn, doch dann hat er eine Brille bekommen. Er machte eine Lehre zum Koch und Kellner und landete vor siebzehn Jahren doch noch bei der Bahn. Seither ist er im Speisewagen unterwegs. Eine Woche Zug. Eine Woche Altvatergebirge.

          In einem Städtchen steht dort sein Haus, wo seine Frau auf ihn wartet. Seinen ältesten Sohn hat er bei sich. Er ist seit kurzem der zweite Kellner zwischen Prag, Berlin, Hamburg und Kiel. Jeden Monat fahren sie 16.000 Kilometer mit dem Zug. Und erleben 16.000 Geschichten.

          Herr Peterka kann viel erzählen. Und das tut er auch gern, wenn man ihn fragt. Und wenn er ein bisschen Zeit hat. „Ich habe hier schon alles erlebt.“ Er erzählt von Unwettern. Von Hochwasser. Von Verspätungen. Von vielen Liebschaften und Streitigkeiten und Trennungen und Tränen. Von einer Entgleisung. Von Selbstmördern auf den Schienen. Von dem Schnaps, den danach viele bei ihm bestellen. „Ich habe Dinge gesehen, die niemand sehen möchte.“ Er erzählt, und es hört sich wie ein Speisewagenblues an.

          Der Zug gleitet durch die glühende Landschaft, irgendwo zwischen Doberlug-Kirchhain und Elsterwerda. Die Kieferbäume sind grün, doch viele auch braun und erschöpft von der Trockenheit dieses Sommers.

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