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Bestsellerautor Wohlleben : Bäume sind so tolle Lebewesen

Peter Wohlleben, Hüter des Waldes und Kenner des „Wood Wide Web“ Bild: Stefan Finger

Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster, sein Buch über „Das geheime Leben der Bäume“ steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Der Hype findet kein Ende. Wohlleben sei ein Baumflüsterer, heißt es. Aber stimmt das?

          Peter Wohlleben, 1,98 Meter groß, drahtig, bärtig, steht neben einer Buche, die rechte Hand streicht über den Stamm. Auch Buchen seien bei Gewitter gefährlich, selbst wenn der Volksmund etwas anderes behaupte, sagt er. Um die glatte Rindenstruktur legt sich ein Wasserfilm, durch ihn fließt die Elektrizität ab. Schlägt ein Blitz ein, sieht man deshalb im Gegensatz zur Eiche keine Blitzrinne. Wohlleben blickt nach oben, der Wind frischt auf und treibt dunkle Wolken über den Wald, seinen Wald. Er lächelt und sagt: „Bei Bäumen denken die Menschen an Sauerstoffspender, Schattenspender, Wasserreiniger und Holzlieferanten, aber keiner denkt daran, was für tolle Lebewesen das sind.“

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Peter Wohlleben ist Förster der kleinen Gemeinde Hümmel in der Eifel. Seit einigen Monaten ist er auch Bestsellerautor. Sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“, das Ende Mai im Ludwig Verlag erschien, steht an diesem Tag an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste, vor der Papstbiographie, vor Helmut Schmidts „Was ich noch sagen wollte“, vor Guido Westerwelles Krebs-Buch, vor Peter Scholl-Latour. Inzwischen hat es sich mehr als 150 000 Mal verkauft. Vierzehn Auslandslizenzen sind unter Dach und Fach, darunter Italien, Frankreich, Kanada, Spanien, Norwegen, Dänemark, Holland und Brasilien. Mit Korea, wo sich gleich fünf Verlage ein Bietergefecht lieferten, hatte das Auslandsgeschäft seinen Anfang genommen. Wohlleben sagt: „Der Erfolg hat mich genauso überrascht wie alle anderen.“ Er glaubt sogar, dass sein Buch anfangs „leichtes Gähnen“ in den Redaktionen hervorgerufen habe. Nach dem Motto: „Das geheime Leben der Bäume? Da gibt es doch Spannenderes!“ Als er und seine Frau das Buch kurz nach Erscheinen bei Thalia im nahen Euskirchen suchten, fanden sie es im Esoterik-Regal. Wohlleben ist amüsiert. Er ein Esoteriker?

          Doch genau dieses Bild drängt sich auf: der Buchtitel, das Cover mit Baum, Wiese und untergehender Sonne, dieses Achtsamkeit suggerierende Zusammenspiel. Der Förster Wohlleben muss einer sein, der Bäume umarmt, der mit ihnen spricht, die zu ihm sprechen, wie einst die Berge zu Luis Trenker. Wohlleben, der Baumflüsterer. Das sage ja manches über die Deutschen und ihren „spirituellen Hunger aus“, schrieb ein Kritiker, wenn ein Papstbuch oben auf der Bestsellerliste stehe, hinter einem esoterischen Förster, der vom zärtlichen Familienleben der Bäume erzähle.

          Die Deutschen und ihr Wald, schon wieder

          Peter Wohlleben bückt sich, hebt ein Blatt vom laubbedeckten Boden auf. Zwei Waldspaziergänger grüßen. „Im Grunde laufen wir hier durch Toilettenpapier“, sagt er. „Bevor der Winter kommt, befreit sich der Baum von überflüssigen Stoffen, die dann in den abgeworfenen Blättern zu Boden fallen.“ Der Winter, die Zeit der Ruhe. Im Buch vergleicht er den Laubfall mit dem Gang des Menschen aufs „stille Örtchen vor dem Zubettgehen“. Wohlleben nennt Bäume auch mal „Muffel“, „Dickköpfe“ und „Eigenbrötler“, er spricht von „Baumbabys“, „Freundschaft“, „Gruppenkuscheln“, „pädagogischer Erziehung“ und „pubertärer Akne“. Selbst Peter Maffay kommt vor: „,Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir‘ - dieser Satz aus einem Schlager von Peter Maffay könnte von einem Baum geschrieben worden sein.“ Der tote Körper sei für den Kreislauf des Waldes unverzichtbar. Über Jahrhunderte hinweg habe er Nährstoffe aus dem Boden gesaugt, in Holz und Rinde gespeichert. „Er stellt einen kostbaren Schatz für seine Kinder dar.“

          Es heißt jetzt oft, Wohlleben habe den Deutschen ihren Wald zurückgegeben. Die Deutschen und der Wald, wieder einmal. Goethe, Tieck, Eichendorff, an Verzückungszeugnissen mangelt es nicht. Erst unter dem Blätterhimmel werde der Mensch zum Menschen, schrieb Tieck über den Rückzugsort Wald. Sentimentalität unter Tannen. Heute rollen ausgebrannte Städter auf der Suche nach Tiefenentspannung ihre Yogamatten in ihm aus.

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