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Im verbissenen System : Die albernen Piraten

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Ein bisschen Albernheit schafft Distanz und schützt davor, zu schnell verbrannt zu werden. So erklärt sich, weshalb die Piratenpartei möglicherweise bei ihrem Programmparteitag am Wochenende einen Antrag zum Thema „Zeitreisen“ behandeln wird. Mit der Nummer 582 erscheint er im offiziellen Antragsbuch: „Die Piratenpartei spricht sich für eine intensive Erforschung von Zeitreisen aus, mit dem Ziel, diese noch in diesem Jahrzehnt Realität werden zu lassen.“

Interaktion schafft Vertrauen

Man muss nicht unbedingt die Antragssteller, mit Sicherheit aber die Gepflogenheiten der Piratenpartei kennen, um zu wissen, dass hier nicht Trolle am Werk sind. Die Autoren verteidigen ihren Antrag leidenschaftlich und augenzwinkernd. Zeitreisen sind seit je einer der großen Menschheitsträume. Dieser Antrag unterstreicht, dass die Piratenpartei eben nicht nur verwalten, sondern Politik mit Visionen neu beleben will. Auch das bedingungslose Grundeinkommen ist für manche noch eine unrealistische Träumerei.

In der Antragsbegründung wird das Augenzwinkern noch deutlicher. Es wird erklärt, wie mit Hilfe von Zeitreisen problematische Ereignisse im Umfeld der Partei verhindert werden könnten. Als Beispiele werden Martin Delius’ Vergleich vom Wachstum der Piraten mit der NSDAP und die fehlenden Socken von Johannes Ponader genannt. Dies zeigt, dass sich Piraten durchaus ihrer Fehler bewusst sind und über die Konsequenzen reflektieren.

Humor gehört jedenfalls nicht zu den „Fehlern“ der Piratenpartei. „It’s not a bug, it’s a feature“, wie ITler formulieren würden - es ist kein Fehler, sondern Teil des Programms. Der Antrag zu Zeitreisen nimmt nur eine von weit über tausend Seiten im Antragsbuch ein. Dieses Buch, im Original eine kopierschutzfreie Pdf-Datei, enthält Anträge zu allen erdenklichen politischen Themen. Nicht selten finden sich komplett konträre Positionen. So zum Beispiel, wenn es um die Haltung zum Euro oder Auswege aus der Finanzkrise geht.

Einer der Zeitreisen-Fans hat unter anderem einen Antrag zur Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache als Amtssprache verfasst. Bei der Erarbeitung der Programmanträge zahlt sich die Netzaffinität aus. Viele Parteimitglieder, die gemeinsame Texte erstellt haben, haben sich außerhalb des Internets noch nie getroffen. In Etherpads, gemeinsam editierbaren Online-Dokumenten, werden Informationen und Meinungen gesammelt, sortiert und ausformuliert. Die ständige Interaktion über Twitter und andere Kanäle bildet Vertrauen und legt den Grundstein für die Arbeit.

Gerade die Möglichkeit, auch als einfaches Mitglied die Ziele und Inhalte der Partei mitbestimmen zu können, motiviert zahlreiche Menschen aller Altersgruppen und Schichten, sich in teils hochkomplexe Sachverhalte einzuarbeiten und politisch zu engagieren. Unbezahlt. Das Engagement, das Tausende von Piratinnen und Piraten in die inhaltliche Arbeit stecken, beweist, wie ernst es ihnen damit ist, neue, andere, vor allem Politik zu machen. Wir wissen, welches Potential wir haben. Deshalb dürfen wir bei all der Arbeit auch ab und an einen Witz machen. Wenn wir mit der Zeitmaschine unsere Fehler ausgebessert haben, stellen wir sie auch gerne anderen Parteien zur Verfügung. Vielleicht haben die dann auch mal wieder was zu lachen.

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