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Im Kino: „Zettl“ : Dem Chauffeur ist nichts zu schwör

Schick für die neue Republik: Michael Bully Herbig wird als Max Zettl für den öffentliche Auftritt fitgemacht Bild: Warner Bros. Entertainment

Der Chronist des feinen München spottet jetzt über Berlin: Helmut Dietl wagt mit „Zettl“ eine Fortsetzung von „Kir Royal“ im Kino. Gelohnt hat es sich nicht.

          3 Min.

          Was Helmut Dietls alte Fernsehserie „Kir Royal“ von Helmut Dietls neuem Kinofilm „Zettl“ unterscheidet, sind ein Vierteljahrhundert, der Hauptdarsteller, der Schauplatz, die Länge (und das gleich doppelt: der Film dauert hundert Minuten, eine Serienfolge währte nur sechzig, aber alle sechs Episoden - und man kann sie erst als Gesamtheit richtig genießen - addierten sich auf sechs Stunden), der Drehbuchautor neben Dietl und auch der Regisseur. Denn der Dietl von 2012 ist nicht mehr der von 1986. Nicht nur seine Körperzellen haben sich seither mehrfach vollständig ausgetauscht, sondern auch sein Gespür.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und doch soll „Zettl“ die Fortsetzung von „Kir Royal“ sein. Damit wir es auch ja alle verstehen, selbst die Nachgeborenen, hat Dietl einen Prolog vorangestellt, in dem kleine Figuren des Karikaturisten Ivan Steiger (den Lesern dieser Zeitung wohlbekannt) auf einem Berliner Stadtplan in munterem Treiben die Lücke von sechsundzwanzig Jahren schließen. Vor allem aber muss in diesem Vorspann erklärt werden, warum das Gesicht von „Kir Royal“, Franz Xaver Kroetz als Gesellschaftsreporter Baby Schimmerlos, nicht wiederauftaucht, wo doch Senta Berger als seine Frau Mona und Dieter Hildebrandt als sein Fotograf Herbie ihre alten Nebenrollen für „Zettl“ noch einmal aufgenommen haben. Nun, Kroetz hat Gespür und deshalb Dietl abgesagt. Also muss Baby Schimmerlos sterben, und das geschieht mangels Akteur eben per Zeichentrick. Dazu wird ein Vierteljahrhundert in zwei, drei Minuten erzählt. Nicht schlecht.

          Misstrauen gegenüber dem eigenen Drehbuch

          Schlecht aber ist, dass im Film selbst das alles noch einmal erzählt wird, wenn auch nicht so konzentriert. Aber die Handlung beginnt auf einem Berliner Friedhof mit einer arrangierten Trauergemeinde, und da hört man noch einmal von Babys tödlichem Unfall. Und hört noch einmal von seiner Witwe und seinem Fotografen. Und hört noch einmal von den Plänen des Schweizer Milliardärs Urs Doucier (Ulrich Tukur, mit katastrophalem Akzent), in der deutschen Hauptstadt ein Magazin nach dem Vorbild des „New Yorker“ zu gründen. Und hört noch einmal, dass Douciers Chauffeur Max Zettl (Michael Bully Herbig als Münchner in der Berliner Hölle, als Einziger mit überzeugendem Akzent) den Tod des ursprünglich als Chefredakteur vorgesehenen Schimmerlos zum Anlass nimmt, sich selbst auf diese Stelle zu drängen. Und was wir jetzt aus dem Prolog nicht wiedergehört haben sollten, kommt garantiert später noch einmal.

          Noch schlechter als dieses Misstrauen gegenüber dem eigenen Drehbuch, an dem diesmal statt Patrick Süskind (München) Benjamin von Stuckrad-Barre (Berlin) mitgeschrieben hat, ist, dass Dietl eine ganze Riege von Stars sinnlos verschleißt. Frank Griebe, Tom Tykwers Kameramann, steht auch bei „Zettl“ hinter der Kamera, doch seine Arbeit hier sieht seinem sonstigen Schaffen so wenig ähnlich wie „Zettl“ „Kir Royal“. Harald Schmidt spielt den schwäbelnden Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern - nette alte Idee, die in die Nachwendezeit gepasst hätte, aber das lokale Geschmäckle wird gar nicht eingesetzt. Gäbe es nicht ein Insert, mit dem einige Akteure vorgestellt werden, wüsste man gar nicht, wo dieser Ministerpräsident regierte. Herumhuren tut er jedenfalls nur in Berlin.

          Hinter tausend Figuren keine Welt

          Ähnlich könnte man weiter aufzählen: Götz George als schwerkranker Bundeskanzler - eine Totgeburt; Karoline Herfurth als dessen (und manches anderen) Geliebte - lieblos; Gert Voss, der 1996 ein berauschender Zettel im „Sommernachtstraum“ war, in „Zettl“ als Prominentenarzt - verzettelt; Sunnyi Melles als alkoholabhängige Talkshowmoderatorin - schlaftrunken; Hanns Zischler als machtbewusster Vizekanzler - teddybärenböse; Dagmar Manzel als transsexuelle Regierende Bürgermeisterin - tertiärtugendsam. Die Prominenz gab sich die Klinke zum Studio in die Hand, aber ihr Talent musste leider draußenbleiben.

          Und Bully Herbig? Er spielt den aufstiegsgeilen Zettl als charmanten Opportunisten gut. Aber das hält den Vergleich mit dem grantelnden Schimmerlos von Kroetz nicht aus. Das Schöne an „Kir Royal“ war, dass Dietl darin den Münchner Journalismus jener Jahre (siehe untenstehenden Artikel) sarkastisch auf den Punkt gebracht hatte. Das Berlin, das „Zettl“ karikiert, hat dagegen so wenig mit der Gegenwart zu tun (die Pläne für einen Berliner „New Yorker“ liegen mindestens ein Jahrzehnt zurück) wie die Affären der Filmpolitiker mit aktuellen Ereignissen. Dietls Satire, die am nächsten Donnerstag in die Kinos kommt, ist nicht scharf- oder wenigstens hellsichtig, sondern blind gegenüber allem, was nicht für eine schnelle Pointe taugt. Hinter tausend Figuren keine Welt.

          „Unschlagbar charakterlos“ lautet der Untertitel zu „Zettl“. Das - und nur das in diesem Film - trifft genau die Wirklichkeit.

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