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Im Kino: „Shame“ : Der Sex-Marathon-Mann

Ein einsamer Augenblick von Nähe: Michael Fassbender und Carey Mulligan als Bruder und Schwester in „Shame“ Bild: dapd

Gedehnte Traurigkeit und ein Solo für Michael Fassbender: Steve McQueens „Shame“ erzählt nicht von der Sexsucht. Dieser Film seziert sie.

          4 Min.

          Als Brandon erwacht, ist die Kamera bei ihm. Er liegt wie ein Toter auf seinem Bett; dann zwinkert er mit den Augen, und schließlich erhebt er sich, um seiner Hauptbeschäftigung nachzugehen: Sex. Sex mit Prostituierten, Barbekanntschaften, Frauen aus der U-Bahn, Cybersex, Telefonsex, Masturbation. Brandon ist nicht der erotische Dienstleister, den Richard Gere als „Mann für gewisse Stunden“ gespielt hat, obwohl er durchaus den Körperbau dafür hätte. Brandon ist der Kunde. Er zahlt für die gewissen Stunden, die Leiber, die Bilder, die Stimmen, und die Welt zahlt es ihm zurück: mit Einsamkeit.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vor vier Jahren hat Michael Fassbender für Steve McQueen den IRA-Kämpfer Bobby Sands verkörpert, der sich sechsundsechzig Tage lang im Gefängnis zu Tode hungerte. Der Film, „Hunger“, machte die beiden bekannt, den irischen Schauspieler, der zuvor Nebenrollen in französischen und amerikanischen Produktionen gespielt, und den britischen Installationskünstler, der eine preisgekrönte Karriere zurückgestellt hatte, um Regie zu führen. In „Shame“, ihrem zweiten gemeinsamen Film, spielt Fassbender jetzt kein Individuum mehr, sondern einen Typus. Brandon Sullivan ist ein Destillat aus sieben Männern, die McQueen für seinen Film befragt hat, sieben Patienten, die wegen Sexsucht in Behandlung waren. Um das Gefühl auszudrücken, das sie nach der Befriedigung ihres Drangs überkam, verwendeten alle dasselbe Wort; es gab dem Film den Titel: „Shame“ - Scham.

          In der Schwebe

          „Shame“ ist im Kern keine Kinoerzählung, sondern eine Fallstudie. Das ist der Witz des Films und seine Achillesferse, sein Stolz und sein Makel. Denn auch der Fall Brandon braucht eine Geschichte, die zu der Figur passt, ohne ihre Typik einzuschränken, und da kommt McQueen von Anfang an ins Rudern. Brandon wohnt auf der besseren Seite von Manhattan, er arbeitet in einer Firma, die von der Krise unberührt bleibt, und sein Chef traut ihm nicht zu, dass er die Ferkeleien, von denen die Festplatte seines Computers überquillt, selbst angesehen hat; so weit, so allgemein.

          Aber dann verguckt sich Brandon in eine Kollegin (Nicole Beharie), auch sie ist nicht abgeneigt, die beiden verabreden sich in einem Restaurant an der Upper West Side, und auf einmal muss der Film auf konventionelle erzählerische Art zur Sache kommen. Das passt Brandon nicht, der sich wie ein Knabe anstellt, wenn er etwas über sich verraten soll, und es passt auch McQueen nicht, der seinen Helden lieber weiter in der Schwebe lassen will.

          Kein Entkommen: Brandons Gegner ist die eigene Kindheit

          Während die beiden also am Tisch sitzen und Banalitäten austauschen, springt die Kamera plötzlich auf die Straße und blickt von außen durch die Scheibe zu ihnen herein, als könnte sie genauso gut eine ganz andere Geschichte erzählen. Das ist die dramaturgische Grundbewegung des Films. McQueen will, dass uns „Shame“ auf andere Art nahekommt als die gewöhnlichen Männergeschichten im Kino, in denen am Ende geheiratet, in die Prärie geritten oder würdevoll gestorben wird; deshalb hält er uns Brandon vom Leib wie ein Seuchenforscher einen ansteckenden Kranken. Wir sollen ihn nicht lieben. Wir sollen ihn fürchten.

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