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Im Kino : In der Glamourwelt von Cannes

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Lost in Cannes? Anne Haug und Matthias Weidenhöfer in Isabell Šubas Spielfilmdebut. Bild: Missing Films

Isabell Šuba nutzt die Filmfestspiele an der Croisette als Kulisse für ihr satirisches Spielfilmdebut "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste". Auch wenn der männliche Chauvinismus im Filmbetrieb dabei nur am Rande kritisiert wird: Langweilen muss man sich nicht.

          Dieser abendfüllende Spielfilm ist zwar der erste der Regisseurin Isabell Šuba, aber es lässt sich trotzdem bereits ein Leitmotiv erkennen: das Sichzurechtmachen vor gesellschaftlichen Ereignissen – Augenschminken, Nägelschneiden und Entfernen von Körperbehaarung zeigt sie in Nahaufnahme und zwischen schnellen Schnitten, bei Frau und Mann. Der Gedanke, dass der Aufwand die Mühe nicht lohnt für die Anpassung, für die Aufrechterhaltung einer hübschen Fassade, die das Wesentliche verdeckt, kommt bei diesem Film daher leicht auf. Für das glitzernde Blendwerk rund um das Filmfestival in Cannes, um das es hier unter anderem geht, ist das keine ganz unpassende Metapher.

          Mit ihrem vielbeachteten Kurzfilm „Chica XX Mujer“, der die strapaziösen Schönheitspflegeprozeduren einer jungen Frau in Venezuela reflektiert, schaffte es Isabell Šuba 2012, zu den 65. Filmfestspielen nach Cannes eingeladen zu werden – in jenem Jahr, in dem kein einziger Film einer Frau im Wettbewerb lief. Der Aufforderung, ihren Film auf der internationalen Plattform vorzustellen, kam sie aber nur bedingt nach. Trotz der Anerkennung der Einladung war ihr wohl schnell klar, dass sie als Kurzfilmerin außerhalb des Wettbewerbs nicht im Fokus des allgemeinen Interesses stehen würde. Immerhin verschaffte ihr die Einladung aber die perfekte Kulisse für einen neuen Film.

          Netzwerkerei hinter der Glamourwelt

          Sie delegierte kurzerhand die Aufgabe und einmalige Chance, auf dem bedeutenden Filmfestival Kontakte zu knüpfen, künftige Projekte anzuwerben und in bester Festivallaune zu feiern, an die Schauspielerin Anne Haug, das heißt, sie trat ihre Identität an jene ab. Šuba selbst akkreditierte sich auf dem Festival unter falschem Namen als Filmstudentin und gab vor, eine Dokumentation zu drehen. In Wirklichkeit inszenierte sie innerhalb von fünf Drehtagen mit „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ einen Film, den man wohl metafiktional nennen kann. Die Idee ist genial, das Ergebnis des abenteuerlichen Unternehmens nicht, aber langweilen muss sich dabei niemand:

          Die resolute, lesbische Nachwuchsfilmerin Isabell Šuba (Anne Haug) wird für einen ihrer Kurzfilme nach Cannes eingeladen. Zusammen mit ihrem sorglos chauvinistischen Mannsbild von Produzenten (Matthias Weidenhöfer) will sie vor Ort ihr nächstes Projekt unterbringen, das heißt: potentielle Geldgeber finden. Die Netzwerkerei hinter der Glamourwelt aber gerät zum Desaster – einmal wegen der Unfähigkeit des sexistischen Aufschneiders, zum anderen wegen der Konkurrenzkämpfe, die sich schnell auf erotisches Gebiet verlagern. Das Buhlen um die Gunst einer früheren Geliebten oder einer vollbusigen amerikanischen Blondine im Bikini am Pool führt zu nichts. Am nächtlichen Horizont zeichnen sich Feuerwerk und hochfliegende Illusionen der Filmindustrie ab, die Heldin und ihr Begleiter aber bleiben Gestrandete an der Côte d’Azur.

          Šubas Film kommt die verwackelte, improvisierte Ästhetik im Spiel zwischen den Genres durchaus zugute. Die energische Kritik an der männlich dominierten Filmbranche, die der plakative, aufgesetzte Titel suggeriert, wird im Film inhaltlich aber nicht wirklich ausgearbeitet. Die halbdokumentarische Satire verhandelt vordergründig die Machtkämpfe und Eitelkeiten der beiden Protagonisten. Über das sausende Geplänkel hinweg zeigt Isabell Šuba eine starke filmische Doppelgängerin, die sich nicht anpasst, nicht fügt, keine Harmonie anstrebt und keine erreicht – so wenig wie dieser Film.

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