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Im Kartäuserkloster : Hier ist Raum für die große Stille geschaffen

Drei Farben Weiß: die Bethlehem-Schwestern auf dem Weg in die Kapelle Bild: Petra Steiner

Inmitten der rasenden Welt das Kreuz der Einsamkeit tragen: Der österreichische Architekt Matthias Mulitzer arbeitet für die verschwiegensten Bauherren der Welt: Er plant Klöster für Eremitenorden.

          10 Min.

          Seit einem Vierteljahrhundert fährt Matthias Mulitzer hier hinauf. Früher alle zwei Wochen, seit einiger Zeit einmal im Monat. Er ist in Sichtweite geboren, in Goldegg, „dem schönsten Ort der ganzen Gegend“, sagt Mulitzer - schön, weil nicht verschandelt. Unten im Luftkurort St. Veit ist ein „Thomas-Bernhard-Wanderweg“ ausgeschildert, weil der Schriftsteller hier im Lungensanatorium viele Monate zubrachte, sein Blick auf das Heukareck ist im Memoirenband „Die Kälte“ verewigt. Mächtig ragt im Westen das Kitzsteinhorn auf, im Osten liegen die Skiberge Wagrains und der allesverschlingenden Skiwelt Amadé. Nach Süden öffnet sich das Großarltal, und tief im lichtlosen Grund fließt die winterklamme Salzach.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Ein Sturm hat die Bergfichten umgemäht, nun liegt das Kloster „Maria im Paradies“ ohne Sichtschutz von oben da. Umso deutlicher erschließt sich die kongeniale Idee des Architekten, die Anlage in eine Mulde zu ducken, sie ans Gelände zu schmiegen. Die drei Zellenreihen formen einen sanften Bogen. Das Ensemble vermittelt Leichtigkeit, hat beinahe etwas Verspieltes - trotz der Strenge und Kompaktheit wirkt es filigran. Als wäre es eins mit dem Berg. Nur der Klang der Turmglocke schwingt in die Stille. „Der Wald wird sich das Kloster irgendwann wiederholen“, sagt Matthias Mulitzer voraus.

          Die Anfänge des Ordenslebens auf der Kinderalm waren von Entbehrungen geprägt. Ein paar zugige Hütten hatten im ehemaligen Lungensanatorium als Liegestätten gedient. Notdürftig winterfest gemacht, überlebten darin die ersten Schwestern die schneereiche Zeit. Eine Ahnung davon kann man heute noch im Unteren Haus bekommen, jenem Bereich des Klosters, der Laien den Zutritt gestattet. Dort können Besucher und Familienangehörige für ein paar Tage Einkehr halten. Eine dunkle Kapelle, simpel wie eine Baracke verbrettert, dient der Sammlung. Aus der Decke hängt das Glockenseil, das eine lautlos aus dem Dämmer auftauchende Schwester mit ganzem Körpereinsatz in Bewegung setzt. Betschemel stehen da, drei Gläubige knien oder liegen flach auf dem Boden, lebensgroße Ikonen verweisen auf die Tradition der Orthodoxie.

          Eins mit dem Berg: Auf der Kinderalm oberhalb von St. Veit steht Mulitzers Meisterwerk – das Kloster „Maria im Paradies“

          Ein paar hundert Meter bergauf dann die dunkel gebeizte Pforte zum Klausurbereich: Das Gelände ist zur Gänze von einem hohen Maschendrahtzaun umgeben, Schutz von außen wie innen, heißt es: Schaulustige würden sonst ungehemmt ins Kloster strömen, ein Leben nach der Ordensregel wäre nicht mehr möglich. Als sich die 1960 als Orden anerkannten Monialen von Bethlehem 1984 auf der Kinderalm ansiedelten, gab es im Tal Widerstand aus der Politik und von Seiten des Naturschutzes. Wieso mitten im Wald, reine Kontemplation, kein karitativer Einsatz - so und ähnlich lauteten die Einwände. Die Rodung von 0,7 Hektar Bergwald, vor der Baugenehmigung ein komplizierter Grundstückstausch, lange Rechtsstreitigkeiten - daran erinnert sich der Architekt. „Es war gut, dass wir diese Widerstände überwinden konnten mit der Kraft unserer Argumente. So waren am Ende alle wirklich überzeugt, und das ist immer besser.“

          Seit Kaiser Joseph II. gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung die damals bestehenden dreiundzwanzig Kartausen im Land aufhob, ist die Kinderalm die erste Kartäuser-Neugründung auf österreichischem Boden. In einem Landstrich, der fest in den Händen der Reformation war. Die Katholiken wurden vertrieben, dann vertrieb die Gegenreformation die Protestanten. Insofern kann man auch „Maria im Paradies“ als Akt der Rekatholisierung deuten. Ein Anziehungspunkt ist das Haus in jedem Fall, obwohl es weder in die Prospekte des Klostertourismus noch der Seelen-Wellness passt.

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