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Hamburger „Zukunftscamp“ : Es reicht nicht mehr für alle

  • -Aktualisiert am

Statt Verkäufern: ein mobiler „Shopping-Assistenzroboter“ beim Probeeinsatz in einem Baumarkt Bild: ddp

Welche Entwicklungen für Leben und Arbeit bringen die nächsten hundert Jahre? In einem Hamburger „Zukunftscamp“ entwarfen Experten Prognosen, die äußerst unterschiedlich ausfielen.

          3 Min.

          Es war nicht nur eine gute Nachricht - der Demographieforscher Reiner Klingholz sprach beim Hamburger „Zukunftscamp“ auf dem Kampnagel-Zentrum selbst von einer Erlösung mit Nebeneffekten: „Im Jahr 2300 wird Hamburg wahrscheinlich überflutet sein.“ Das sei aber nur ein kleiner Preis dafür, dass sich der Rest der Welt bis dahin zu einem „Paradies der Nachhaltigkeit“ entwickeln werde. Und Klingholz hatte weitere frohe Botschaften parat: Was Deutschland auch tue, die Bevölkerung des Landes schrumpfe; das tue sie bereits in der Mehrzahl aller Länder auf der Welt mit Kinderzahlen kleiner als 2,1 (Durchschnittswert) pro Frau; das sei selbst in den größten Ländern so: Brasilien, China, in der Türkei, Japan werde sich absehbar auf ein Drittel seiner heutigen Bevölkerung reduzieren. All dies passiere binnen eines Menschenlebens.

          In Iran beispielsweise sei innerhalb von dreißig Jahren die Kinderzahl von sieben Kindern pro Frau auf 1,8 gesunken. Im kommenden Nachhaltigkeitsparadies würden in rund 300 Jahren letztlich nur noch drei Milliarden Menschen auf der Welt leben. Sie werden alt sein, daher keine Kriege führen und in beträchtlichem Wohlstand leben, ohne die Natur auszubeuten, sagte Klingholz. Nur warum sollen das alles hoffnungsfrohe Botschaften sein?

          Klingholz antwortete auf einen Vortrag von Stephen Emmot, Forscher bei Microsoft Research, der ganz andere Zahlen nannte: Im schlimmsten Fall, so Emmot, lebten zum Ende des Jahrhunderts 28 Milliarden Menschen auf der Erde, im besten Fall nur 10 Milliarden. Was so oder so bedeute, dass in dreißig Jahren so viele Menschen in Städten leben wie heute insgesamt auf der Erde. Die Agrarproduktion werde sich verdoppeln müssen, die Landausbeute für Anbaufläche sei jedoch schon ausgereizt, die Meere überfischt, das Öl aufgebraucht und das Saatgut zu einem genetischen Einheitsbrei verkommen. Noch immer wäre Kohle der wichtigste Energielieferant. Milliarden Menschen wären auf das Verbrennen von Holz angewiesen, der halbe Planet wäre luftverschmutzt wie Peking heute. Alle Süßwasserreserven wären der Fleischproduktion zum Opfer gefallen, und der Kohlendioxidausstoß hätte ein global tödliches Level erreicht. Emmot hatte nicht eine einzige gute Nachricht, nur eine letzte Botschaft: „Was zu tun ist? Ich weiß es nicht!“

          Weder Dystopie noch Paradies

          In einem stimmten Emmot und Klingholz dann aber überein. Weder die totale Dystopie noch die Aussicht auf das Paradies seien bislang politisch thematisiert oder gar geplant worden. Deshalb leide die Gesellschaft sowohl unter den schlechten Prognosen zum Jahrhundertende als auch unter den Diagnosen, dass mit Wachstum schon heute nicht mehr zu rechnen sei. Darin sah insbesondere Klingholz den eigentlichen Haken: Warum könne die Gesellschaft nicht das Schrumpfen lieben lernen? Man sehe doch an Dänemark, dass die Kinderzahl von 1,8 pro Frau kollektiv funktionierte und jeden Einwohner zum durchschnittlich glücklichsten auf der Welt mache. Umfragen bestätigten dies jedes Jahr aufs Neue. Das dänische Modell zu akzeptieren, statt wie in Deutschland auch nach vierzig Jahren ständig mit neuen politischen Programmen für Bevölkerungswachstum zu scheitern, das sei wahrlich zukunftsträchtig. Nur weil man keine Konzepte habe, um die Entwicklung zu verstehen und zu begrüßen, müsse man schließlich nicht sogleich an ihr verzweifeln.

          Die Frage, womit die drei oder die dreißig Milliarden Menschen künftig ihre Zeit verbrächten, wurde kurz darauf geklärt. Der Ökonom Carl Frey referierte aus einer aktuellen Studie, mit der er in Amerika für Furore sorgte. Nach der Untersuchung von 702 Berufen, deren Bedarf an Kreativität, sozialer Intelligenz und motorischer Feinfühligkeit er erforschte, stellte er fest, dass 47 Prozent einem starken Automatisierungsrisiko ausgesetzt sind. Die Hälfte aller Jobs würden folglich alsbald Maschinen und Computern zum Opfer fallen, die es längst gibt und die nur noch auf juristische und versicherungstechnische Freigaben warten würden.

          Wie zu Zeiten der Einführung der E-Mail

          Constanze Kurz, die in der IG-Metall zur Zukunft der Arbeit forscht, sagte, sie halte zwar „Industrie 4.0“ für einen Modebegriff. Doch verspreche er nicht zu wenig: Nach den wuchtigen Industrierobotern stünden nun kleine technische Helfer bereit, cyberphysische Systeme, die Software, Sensorik und Robotik raffiniert verknüpfen und bislang Unmögliches schaffen könnten. Nur weil noch immer viele Arbeitsprozesse wie zu Zeiten der Einführung der E-Mail abliefen, bedeute das nicht, dass ein radikaler Wandel der Arbeitswelt nicht direkt bevorstehe. Man müsse die konstruktive Wende jetzt schaffen, Qualifizierungsmaßnahmen überdenken, für ein Auskommen von An- und Ungelernten sorgen und den Wandel der Arbeitswelt als gesellschaftliche Revolution begreifen.

          Frank Rieger berichtete von seinen Recherchen für das Buch „Arbeitsfrei“, das er mit der anderen Constanze Kurz, Informatikerin und mit ihm Sprecherin des Chaos Computer Clubs, schrieb. Innerhalb einer Generation sei der Arbeiteranteil, den man brauche, um 1000 Tonnen Getreide zu mahlen, von 400 auf einen Müller pro Schicht gesunken. Ebenso personalreduziert würden heute Hühnerhöfe mit mehren zehntausend Tieren geführt. Die Automatisierung der Arbeitswelt habe in der Agrarwirtschaft begonnen und kenne heute nur noch wenige Grenzen. Sie mache insbesondere dort keinen Halt, wo Menschen behaupteten, geistige und kreative Arbeit zu erledigen.

          Als Nächstes gehe es um eine halbe Million Fernfahrer, deren Lastkraftwagen von selbst führen, prognostizierte Rieger. So groß die Chancen aber seien, die Automatisierung als Befreiung zu verstehen und angenehmere, qualifiziertere Arbeit zu schaffen: „Allein die Weiterbildung zu anderer Arbeit kann nicht die Lösung für all das sein.“

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