https://www.faz.net/-gqz-103ii

Im Gespräch: Volker Schlöndorff : Bin ich überhaupt ein Künstler?

  • Aktualisiert am

Volker Schlöndorff ist als Regisseur eine feste Größe und als Autor eine Entdeckung. Jetzt hat er seine Erinnerungen geschrieben. Peter Körte sprach mit ihm übers Schreiben, das Kino und die Frage, was ein Meister ist

          Der Jaguar, den ihm Max Frisch geschenkt hat, ist in der Garage geparkt, vorm Haus steht ein toskanisches Olivenbäumchen im großen Terrakottatopf, im Flur hängt ein Spiegel aus Beirut – man sieht schnell, dass Volker Schlöndorff herumgekommen ist in der Welt, in mehr als fünfzig Jahren und fast dreißig Filmen. Nun hat der 69-Jährige, der heute, nach seinem Intermezzo als Manager beim Studio Babelsberg, nicht weit davon wohnt, seine Erinnerungen geschrieben: über Filme, Bücher, Länder, Frauen und Freunde.

          Ihr Buch beginnt mit einer Entlassung. Der Produzent des Projekts „Die Päpstin“ hatte Sie gefeuert. War das eine schwere Kränkung?

          Ja, und wie! Eine Frechheit war das (lacht). Wir haben ja einen anwaltlichen Kompromiss geschlossen, deshalb will ich mich dazu nicht weiter äußern.

          War diese Kränkung auch ein Antrieb zum Schreiben?

          Nein. Über Erinnerungen oder eine Autobiographie hatte ich mit dem Hanser-Verleger Michael Krüger schon öfter gesprochen. Ich wollte von meinen Jahren in Paris erzählen, weil ich danach immer wieder gefragt worden bin. Es war eine tolle Zeit, und die Jahre als Assistent fand ich immer schöner als die als Regisseur. Man lebt dieses ganze geliebte Filmleben, hat drei Filme pro Jahr und nicht nur alle zwei Jahre mal einen, und außerdem hat man keine Verantwortung für das Ergebnis. Es ist dasselbe Leben, bloß ohne die Angst. Und es gab einen anderen Stoff, den ich ganz lange machen wollte, für den mir aber die Story fehlt: die Nachkriegsjahre, die amerikanische Zeit in Deutschland, von 1945 bis 1950. Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie prägend die Amerikaner, wie aufregend diese Jahre waren, weil es außer der militärischen keine Autorität gab. Amerikanische Freunde haben mich öfter gedrängt, darüber etwas zu machen, über „The Americanization of little Volker“, wie sie das nannten. Und dann waren da später die Jahre in New York, mitten im Leben, das war ein völliger Neuanfang, ich fühlte mich wieder jung. Da hatte ich wirklich das Gefühl, mich verändert zu haben, da habe ich mich wirklich befreit. Ich habe diesen amerikanischen Satz „Just do it“ in mich aufgenommen. Jemand wie Arthur Miller konnte sich gar nicht vorstellen, dass man Skrupel hat und etwas lieber nicht tut, als es zu machen. 99 Prozent meiner Entscheidungen laufen darauf hinaus, etwas eher nicht zu machen, weil man sich ja täuschen könnte.

          Haben Sie viel nachlesen müssen in alten Unterlagen oder Notizen?

          Viele Geschichten sind mir nur so aus der Feder geflossen, weil ich die natürlich x-mal erzählt hatte. Alles, was von den Filmen handelt, habe ich sehr präsent, darüber habe ich oft geredet, weil man sich selbst ununterbrochen damit auseinandersetzen muss. Um das, „was sonst noch gewesen ist“, wie ich eigentlich das Buch nennen wollte, habe ich hart gerungen, darüber habe ich nie gesprochen, selbst meine Frau wusste das nicht, und als ich Margarethe von Trotta das Manuskript gegeben habe, weil ich wollte, das sie das Buch liest, bevor es herauskommt, hat sie auch gesagt: „Warum hast du das nie erzählt? Das habe ich ja alles gar nicht gewusst.“ Das Sonst ist ja das Eigentliche, damit hatte ich mich früher nicht auseinandergesetzt. Ich habe zwar über lange Strecken meines Lebens immer wieder Tagebuch geführt, aber das interessiert niemanden, das ist einem ja selber peinlich, wie sich alles im Kreis dreht und nichts vom Fleck kommt. Das geht gar nicht. Dann habe ich die Tagebücher weggelegt und frei geschrieben, und wenn ich etwas wissen wollte, bin ich gezielt an einen der Kartons gegangen.

          Wussten Sie denn von Anfang an, was Sie sagen und was Sie lieber verschweigen wollten?

          Nein, eigentlich wollte ich gar keine Grenzen. Manches habe ich aufgeschrieben, weil ich es mal loswerden wollte. Zunächst habe ich alles unzensiert hingeschrieben, soweit man das überhaupt kann. Dann setzte die Zensur aber beim Schreiben ein, ich bin ja auch ein sehr kontrollierter Mensch. Die Hitze, mit der ich Dinge in die Tagebücher geschrieben habe, hatte etwas Weinerliches, und ich war auch zu intolerant mit mir selbst. Man lässt da kein gutes Haar an sich selber.

          Und an den anderen?

          Ich bin mir bewusst, dass mein Vater schlecht wegkommt, man könnte auch ein Buch schreiben über seinen Ruhm. Einen Vater kann man entweder glorifizieren, oder man kann ihn fix und fertig machen. Das immense Verdienst, in der Nachkriegszeit drei Jungs großzuziehen, ohne Mutter, das sehe ich natürlich. Aber ich habe gemerkt, dass ich immer noch einen Groll gegen seine unkünstlerische Ader hatte. Und dass ich mir selber vorwerfe, eigentlich gar kein richtiger Künstler zu sein, sondern immer noch zu sehr Vernunftmensch geblieben zu sein, das kreide ich ihm an.

          Eine der heftigsten Szenen im Buch ist der Tod Ihrer Mutter. Sie beschreiben, wie sie 1944 verbrennt, weil sich beim Bohnerwachskochen ein Funke entzündet hat. Liegt in diesem traumatischen Erlebnis womöglich ein Grund, warum Sie sich immer gescheut haben, in Ihren Filmen von Selbsterlebtem zu erzählen?

          Ich wollte nicht zu viel reflektieren in dem Buch, im Interview erst recht nicht, aber ich wollte Anstöße geben. Bewältigen müssen es andere, die Leser. Es bricht manches immer wieder auf, man versteht als Kind nicht, was einem zustößt, man kann nicht lernen, mit solchen Verlusten umzugehen. Mir hat immer gefallen, was Günter Grass gesagt hat. Ich habe ihn gefragt, warum er nicht über seine Familie, seine vielen Kinder schreibe, und er hat gesagt: Diese Privatgeschichten werden erst interessant, wenn die Geschichte mit einem großen G sie durchkreuzt. Wenn ich an meine Zeit in Paris denke, dann waren das Prägendste nicht die Freundinnen und Freunde oder die Studien, es war der Algerienkrieg, den man in Paris praktisch an jeder Straßenecke spürte. Ich hatte immer mehr den Impetus, zu beobachten und zu beschreiben, was ich draußen sehe, als mich selbst zu beobachten. Das lässt sich auch auf die Adaptionen von Literatur in meinen Filmen übertragen: Man kann sich mit dem Text eines anderen sehr gut selbst erzählen.

          Sie sind sehr kritisch mit Ihrer Arbeit, das ist selten in Memoiren von Regisseuren oder Schriftstellern!

          Das ist die französische Schule, das ist auch Billy Wilder: dass man seine eigene Arbeit sehr ernst nehmen muss, aber nicht im Nachhinein. Nach dem Motto: It’s just another movie. Man analysiert, warum es bei dem einen Film funktioniert und bei dem anderen nicht. Das ist nicht kritisch aus grüblerischer Veranlagung, sondern um zu vermeiden, beim nächsten Mal den gleichen Fehler zu machen. Aber dann macht man beim nächsten Mal einen anderen. Wenn ich etwas sehr kritisiere, einen Film, eine Theateraufführung, meine ich nicht, dass man sich das nicht ansehen soll. Wenn ich über meine Filme spreche, wenn sie anlaufen, dann bin ich auch nicht kritisch. Dann muss man ja den Verkaufsjargon benutzen. Ich schwanke da sehr. Wenn ich den DVD-Stapel mit meinen Filmen sehe, bin ich schon stolz, aber natürlich sieht man neben den Höhepunkten auch die furchtbaren Abstürze.

          Sie wirken aber im Buch schon als ein Zweifler – und als Ironiker. Zugleich bezeichnen Sie sich als Handwerker. Handwerker haben jedoch eher selten Zweifel. Wie geht das zusammen?

          Dass ich mich als Handwerker bezeichnet habe, war eher eine Provokation im Moment des jungen deutschen Films oder der Nouvelle Vague, wo jeder nur von sich als Autor und Autorität dachte. Da wollte ich nicht mitmachen. Der Zweifel dahinter war allerdings schon, ob ich denn überhaupt ein Künstler sein könnte. Ich hatte, zumal früher, eine große Bewunderung für Künstler als Auserwählte. Ich sagte mir, zu denen gehörst du natürlich nicht, du bist der Bub aus dem Wald und kannst dich damit nicht messen. Die Ironie, die Sie erwähnen, ist Ausdruck von Humor, auch mir selbst gegenüber.

          Das Kapitel über Ihren Film „Der neunte Tag“ heißt: „Der wiedergefundene Glaube“. Das ist ironisch, weil Sie den Glauben an das Kino meinen, und zugleich sehr ernst, weil es eine Glaubenskrise voraussetzt.

          Ich habe ja durch einen Jesuiten zum Teil das Kino entdeckt. Und die Krise ist doch klar: Wer heute aus meiner Generation noch Filme macht, der stellt sich schon die Frage, ob er wirklich noch daran glaubt oder ob sich das Kino nicht so verändert hat, dass man gar nicht erst damit anfinge, wenn man heute zwanzig wäre.

          Es gibt den schönen Satz von Max Frisch: Wie anders soll man ein Bild von sich machen, als indem man erzählt? Fällt das in einem Buch leichter als in einem Film?

          Es ist vielleicht leichter, mich in dem Buch wiederzuerkennen als in meinen Filmen. Aber ich hoffe auch, dass durch diese Selbsterzählung im Nachhinein manche Filme besser zu verstehen sind. Ein Film wie „Der Fangschuss“ zum Beispiel war nicht nur wegen Margarethe von Trotta wichtig, nein, schon als Zwanzigjähriger fand ich die ganze Ambivalenz der Beziehungen zwischen Männern und Frauen und auch die latente Homosexualität faszinierend. Eine meiner großen Lieben (es sind wenige!) nenne ich Karoline, ich hätte auch Albertine schreiben können.

          Sie haben von Ihrer Generation gesprochen, und da fällt auf: Sie hatten Ihre Meister, Louis Malle, Alain Resnais, Melville. Aber Schüler haben Sie nicht.

          Für unsere Generation stimmt das. Fassbinder hatte viele Nachahmer, aber keine Schüler. Auch ich, der ich mich eigentlich geeignet hätte, weil ich eine pädagogische Ader habe, kann nicht sagen, dass ich Schüler gehabt hätte. Meine beste Schülerin war Margarethe von Trotta. Die hat mich, wenn ich das mal so ironisch sagen darf, womöglich eher als Meister denn als Mann auserkoren, und dass es immer die Frauen sind, die die Wahl treffen, mit welchem Mann sie zusammen sind, davon bin ich zutiefst überzeugt.

          Wenn man Ihr Buch gelesen hat, bleibt der Eindruck: Deutschland war Ihnen immer zu eng.

          Wer in den fünfziger Jahren aufgewachsen ist, erst recht in einer Rentnerstadt wie Wiesbaden, dem konnte es nur zu eng sein, wir hatten vor der Haustür die Amerikaner, und wir mussten nur auf die andere Rheinseite fahren, nach Mainz, da hatten wir den französischen Einfluss. Die nächste Großstadt war für uns Paris. Dass man nichts wie raus wollte aus diesem engen Tal, in dem wir aufgewachsen sind, verstand sich von selbst. Das ist sehr zeittypisch. Trampen war das große Wort, die alte deutsche Wanderlust.

          Ihr Buch ist auch ein Reisebericht. Sie waren an Orten, die man damals nur vom Hörensagen kannte und nicht aus dem Reiseprospekt . . .

          Das war damals alles noch sehr spannend, und ich betrachte es als großes Glück. Ich sehe das bei meiner 16-jährigen Tochter, wie wenig da aus eigener Erfahrung und wie vieles nur aus zweiter Hand stammt. Aber der eigentliche große Reisende im Sinne eines Abenteurers ist ja Werner Herzog. Ich bin mir immer wie ein Eroberer vorgekommen, im Sinne von etwas Aneignen. Man fährt irgendwo hin, um etwas zu machen - und dann ist man wieder weg. Da kommt der Homo Faber durch. Ich fühle mich auch nach 24 Stunden überall zu Hause, ich komme gar nicht in die Verlegenheit, etwas exotisch zu finden.

          Wir müssen unbedingt auch noch über Politik reden. Sie waren dem linken, sozialdemokratischen Milieu immer verbunden. Dann wurden Sie auf einmal Manager in Babelsberg, und 2005 sind Sie für Angela Merkel eingetreten.

          Politik ist schon noch eine Leidenschaft, aber Ideologien interessieren mich nicht mehr. Babelsberg bedaure ich wirklich, das war ein Schritt zu viel. Aber ich kann gar nicht anders, als morgens mindestens eine Zeitung zu lesen und Radio zu hören, weil ich mich dafür interessiere, was in der Welt los ist. Die Möglichkeiten, mit Politik darauf einzuwirken, mit Ideen, halte ich mittlerweile für gering. Es geht nur durch Menschen. Das ist wie in der Kunst: Man vertraut bestimmten Künstlern und interessiert sich dann für alles, was sie machen. Ich war ja nie so revolutionär, wie die Leute mich gesehen haben. Schon damals, als ich mit Louis Malle in Algerien war, war ich durch meine Pariser Freunde für die algerische Unabhängigkeit, und doch habe ich nur zu gut die französischen Siedlerfamilien verstanden, die dort seit mehr als hundert Jahren ansässig waren. Und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sah man doch, was dort im Namen einer Utopie passiert ist. Da sagt man sich: Bitte, nie wieder eine Utopie. In Babelsberg habe ich dann gesehen, wie ein solcher Betrieb funktionierte oder eben nicht funktionierte, wie die Menschen dabei zerstört wurden.

          Der Mauerfall kommt dennoch nur sehr knapp vor, Sie sitzen im Flugzeug zwischen New York und Boston, der Pilot verkündet es über Lautsprecher, und das war's. Warum?

          Für mich war die Wiedervereinigung insofern ein Schock, weil ich im Leben nicht daran geglaubt habe. Natürlich war sie willkommen, aber das große vaterländische Ereignis war sie für mich nicht. Mir war wichtiger, dass sie eben nicht nur Deutschland betraf, sondern die ganze Welt. Das Erschütternde war, dass sich endgültig bewiesen hatte, dass das sozialistische Modell in allen Varianten zusammengebrochen ist. Ich habe als Student in Paris geglaubt, dass es möglich ist, durch Planung und Analyse, nach den Prinzipien von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, die Welt in den Griff zu bekommen. Ich war ein hundertprozentiger Kommunist gewesen. Vierzig Jahre später zu erleben, dass diese schöne Utopie sich nicht in der Wirklichkeit umsetzen lässt, das ist doch das eigentliche Fazit aus dem Mauerfall.

          Sie sind auch begeisterter Marathonläufer, und in jedem Lauf gibt es den Moment, wo der Mann mit dem Hammer kommt und nichts mehr zu gehen scheint. Wo war denn Ihr persönlicher Kilometer 35?

          Beim Laufen ist er für mich nicht mehr so ein Schreckgespenst. Im Leben war er für mich eindeutig in New York, mein mir selbst noch unheimliches 47. Jahr, als ich zum Analytiker gegangen bin. Ich habe gedacht, ich komme nicht mehr in die Gänge. Noch während der Arbeit an „Homo Faber“ hielt das an. Das war der einzige Film, bei dem ich gedacht habe, der wird nicht zuende gedreht, weil ich nicht die Kraft spürte, ihn durchzuziehen, ich habe die Dinge schleifen lassen, ich bekam es nicht in den Griff. Sam Shepard war, auf gut Deutsch gesagt, ein Kotzbrocken, das sage ich jetzt im Interview, im Buch hätte ich es nicht geschrieben; aber in die Zeitung wird schließlich morgen Fisch eingewickelt, wie man so sagt. Und wie das so ist bei Kilometer 35, alle Muskeln werden so hart, dass man weder weiterlaufen noch stehen bleiben kann. Ich fühlte mich am Ende meiner Reserven, künstlerisch, emotional, finanziell. Auch im Schneideraum hatte ich noch lange das Gefühl, dass alles für die Katz ist. Max Frisch hat sich auch sehr beherrscht, denn bei der ersten Vorführung für ihn, da bin ich sicher, hat er gedacht: Was für ein Desaster! So haarscharf bin ich nie an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.