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Im Gespräch: Volker Schlöndorff : Bin ich überhaupt ein Künstler?

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Wir müssen unbedingt auch noch über Politik reden. Sie waren dem linken, sozialdemokratischen Milieu immer verbunden. Dann wurden Sie auf einmal Manager in Babelsberg, und 2005 sind Sie für Angela Merkel eingetreten.

Politik ist schon noch eine Leidenschaft, aber Ideologien interessieren mich nicht mehr. Babelsberg bedaure ich wirklich, das war ein Schritt zu viel. Aber ich kann gar nicht anders, als morgens mindestens eine Zeitung zu lesen und Radio zu hören, weil ich mich dafür interessiere, was in der Welt los ist. Die Möglichkeiten, mit Politik darauf einzuwirken, mit Ideen, halte ich mittlerweile für gering. Es geht nur durch Menschen. Das ist wie in der Kunst: Man vertraut bestimmten Künstlern und interessiert sich dann für alles, was sie machen. Ich war ja nie so revolutionär, wie die Leute mich gesehen haben. Schon damals, als ich mit Louis Malle in Algerien war, war ich durch meine Pariser Freunde für die algerische Unabhängigkeit, und doch habe ich nur zu gut die französischen Siedlerfamilien verstanden, die dort seit mehr als hundert Jahren ansässig waren. Und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sah man doch, was dort im Namen einer Utopie passiert ist. Da sagt man sich: Bitte, nie wieder eine Utopie. In Babelsberg habe ich dann gesehen, wie ein solcher Betrieb funktionierte oder eben nicht funktionierte, wie die Menschen dabei zerstört wurden.

Der Mauerfall kommt dennoch nur sehr knapp vor, Sie sitzen im Flugzeug zwischen New York und Boston, der Pilot verkündet es über Lautsprecher, und das war's. Warum?

Für mich war die Wiedervereinigung insofern ein Schock, weil ich im Leben nicht daran geglaubt habe. Natürlich war sie willkommen, aber das große vaterländische Ereignis war sie für mich nicht. Mir war wichtiger, dass sie eben nicht nur Deutschland betraf, sondern die ganze Welt. Das Erschütternde war, dass sich endgültig bewiesen hatte, dass das sozialistische Modell in allen Varianten zusammengebrochen ist. Ich habe als Student in Paris geglaubt, dass es möglich ist, durch Planung und Analyse, nach den Prinzipien von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, die Welt in den Griff zu bekommen. Ich war ein hundertprozentiger Kommunist gewesen. Vierzig Jahre später zu erleben, dass diese schöne Utopie sich nicht in der Wirklichkeit umsetzen lässt, das ist doch das eigentliche Fazit aus dem Mauerfall.

Sie sind auch begeisterter Marathonläufer, und in jedem Lauf gibt es den Moment, wo der Mann mit dem Hammer kommt und nichts mehr zu gehen scheint. Wo war denn Ihr persönlicher Kilometer 35?

Beim Laufen ist er für mich nicht mehr so ein Schreckgespenst. Im Leben war er für mich eindeutig in New York, mein mir selbst noch unheimliches 47. Jahr, als ich zum Analytiker gegangen bin. Ich habe gedacht, ich komme nicht mehr in die Gänge. Noch während der Arbeit an „Homo Faber“ hielt das an. Das war der einzige Film, bei dem ich gedacht habe, der wird nicht zuende gedreht, weil ich nicht die Kraft spürte, ihn durchzuziehen, ich habe die Dinge schleifen lassen, ich bekam es nicht in den Griff. Sam Shepard war, auf gut Deutsch gesagt, ein Kotzbrocken, das sage ich jetzt im Interview, im Buch hätte ich es nicht geschrieben; aber in die Zeitung wird schließlich morgen Fisch eingewickelt, wie man so sagt. Und wie das so ist bei Kilometer 35, alle Muskeln werden so hart, dass man weder weiterlaufen noch stehen bleiben kann. Ich fühlte mich am Ende meiner Reserven, künstlerisch, emotional, finanziell. Auch im Schneideraum hatte ich noch lange das Gefühl, dass alles für die Katz ist. Max Frisch hat sich auch sehr beherrscht, denn bei der ersten Vorführung für ihn, da bin ich sicher, hat er gedacht: Was für ein Desaster! So haarscharf bin ich nie an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

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