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Im Gespräch: Volker Schlöndorff : Bin ich überhaupt ein Künstler?

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Dass ich mich als Handwerker bezeichnet habe, war eher eine Provokation im Moment des jungen deutschen Films oder der Nouvelle Vague, wo jeder nur von sich als Autor und Autorität dachte. Da wollte ich nicht mitmachen. Der Zweifel dahinter war allerdings schon, ob ich denn überhaupt ein Künstler sein könnte. Ich hatte, zumal früher, eine große Bewunderung für Künstler als Auserwählte. Ich sagte mir, zu denen gehörst du natürlich nicht, du bist der Bub aus dem Wald und kannst dich damit nicht messen. Die Ironie, die Sie erwähnen, ist Ausdruck von Humor, auch mir selbst gegenüber.

Das Kapitel über Ihren Film „Der neunte Tag“ heißt: „Der wiedergefundene Glaube“. Das ist ironisch, weil Sie den Glauben an das Kino meinen, und zugleich sehr ernst, weil es eine Glaubenskrise voraussetzt.

Ich habe ja durch einen Jesuiten zum Teil das Kino entdeckt. Und die Krise ist doch klar: Wer heute aus meiner Generation noch Filme macht, der stellt sich schon die Frage, ob er wirklich noch daran glaubt oder ob sich das Kino nicht so verändert hat, dass man gar nicht erst damit anfinge, wenn man heute zwanzig wäre.

Es gibt den schönen Satz von Max Frisch: Wie anders soll man ein Bild von sich machen, als indem man erzählt? Fällt das in einem Buch leichter als in einem Film?

Es ist vielleicht leichter, mich in dem Buch wiederzuerkennen als in meinen Filmen. Aber ich hoffe auch, dass durch diese Selbsterzählung im Nachhinein manche Filme besser zu verstehen sind. Ein Film wie „Der Fangschuss“ zum Beispiel war nicht nur wegen Margarethe von Trotta wichtig, nein, schon als Zwanzigjähriger fand ich die ganze Ambivalenz der Beziehungen zwischen Männern und Frauen und auch die latente Homosexualität faszinierend. Eine meiner großen Lieben (es sind wenige!) nenne ich Karoline, ich hätte auch Albertine schreiben können.

Sie haben von Ihrer Generation gesprochen, und da fällt auf: Sie hatten Ihre Meister, Louis Malle, Alain Resnais, Melville. Aber Schüler haben Sie nicht.

Für unsere Generation stimmt das. Fassbinder hatte viele Nachahmer, aber keine Schüler. Auch ich, der ich mich eigentlich geeignet hätte, weil ich eine pädagogische Ader habe, kann nicht sagen, dass ich Schüler gehabt hätte. Meine beste Schülerin war Margarethe von Trotta. Die hat mich, wenn ich das mal so ironisch sagen darf, womöglich eher als Meister denn als Mann auserkoren, und dass es immer die Frauen sind, die die Wahl treffen, mit welchem Mann sie zusammen sind, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Wenn man Ihr Buch gelesen hat, bleibt der Eindruck: Deutschland war Ihnen immer zu eng.

Wer in den fünfziger Jahren aufgewachsen ist, erst recht in einer Rentnerstadt wie Wiesbaden, dem konnte es nur zu eng sein, wir hatten vor der Haustür die Amerikaner, und wir mussten nur auf die andere Rheinseite fahren, nach Mainz, da hatten wir den französischen Einfluss. Die nächste Großstadt war für uns Paris. Dass man nichts wie raus wollte aus diesem engen Tal, in dem wir aufgewachsen sind, verstand sich von selbst. Das ist sehr zeittypisch. Trampen war das große Wort, die alte deutsche Wanderlust.

Ihr Buch ist auch ein Reisebericht. Sie waren an Orten, die man damals nur vom Hörensagen kannte und nicht aus dem Reiseprospekt . . .

Das war damals alles noch sehr spannend, und ich betrachte es als großes Glück. Ich sehe das bei meiner 16-jährigen Tochter, wie wenig da aus eigener Erfahrung und wie vieles nur aus zweiter Hand stammt. Aber der eigentliche große Reisende im Sinne eines Abenteurers ist ja Werner Herzog. Ich bin mir immer wie ein Eroberer vorgekommen, im Sinne von etwas Aneignen. Man fährt irgendwo hin, um etwas zu machen - und dann ist man wieder weg. Da kommt der Homo Faber durch. Ich fühle mich auch nach 24 Stunden überall zu Hause, ich komme gar nicht in die Verlegenheit, etwas exotisch zu finden.

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