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Im Gespräch: Ulrich Raulff : Welche Zukunft hat das Literaturarchiv, Herr Raulff?

Ulrich Raulff: „Literaturausstellungen haben in den letzten Jahren zweifellos an Popularität gewonnen.“

Ulrich Raulff: „Literaturausstellungen haben in den letzten Jahren zweifellos an Popularität gewonnen.“ Bild: Burkhard Neie / xix

Er trägt eine Armbanduhr, schaut aber während unseres Gesprächs nicht ein einziges Mal darauf. Ulrich Raulff, Direktor auf der Marbacher Schillerhöhe, misst den Pulsschlag der deutschen Literaturgeschichte nicht mit dem Sekundenzeiger.

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          Nirgendwo schlägt der Takt des Literaturbetriebs schneller als auf der Buchmesse, die in der nächsten Woche eröffnet wird. Und nirgendwo schlägt er langsamer als im Archiv. Das besagt zumindest die romantische Vorstellung: das Archiv, ein zeitenthobener Ort, ein Idyll der Ruhe und Bedächtigkeit. Wenn das jemals gestimmt hat, was ist davon noch geblieben? Gehen die Uhren im Archiv heute schneller als vor zehn Jahren?

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, einige schon. Aber das Archiv hat nicht nur eine Uhr. Es muss verschiedene Tempi kennen. Das Archiv schließt mit jedem, der ihm einen Bestand anvertraut, einen kleinen Vertrag für die Ewigkeit. Der Kontrakt besagt: Wir werden das, was du uns anvertraust, nach Maßgabe des uns Möglichen ohne jede zeitliche Begrenzung aufheben. An diesem Zeitmaß hat sich nichts geändert und kann sich auch nichts ändern. In diesem Punkt steht ein Archiv geradezu am Rand der Zeitlosigkeit. Aber es gibt auch den Modus der mittleren Geschwindigkeit, etwa im Bereich der Erschließung. Und es gibt natürlich auch die Zone der schnell laufenden Zeit, etwa wenn man bei Erwerbungsmöglichkeiten schnell reagieren und zugreifen muss. Dasselbe kann im Bereich der Themen gelten: Manchmal muss eine Tagung oder eine Ausstellung schnell organisiert werden. Und ich bin durchaus stolz darauf, dass wir mit unserem Museum in der Lage sind, in solchen Fällen - ich denke da etwa an Kafkas Ottla-Briefe, an unsere kleinen Suhrkamp-Ausstellungen oder auch an die Ausstellung mit Robert Gernhardts nachgelassenen „Brunnenheften“ - eine passable Reaktionsgeschwindigkeit zu erreichen. Da hängen wir manche Fachzeitschrift ab.

          Marbach ist aber nicht nur schneller geworden, auch der Marbacher Ausstellungsstil hat sich verändert. Warum? Was verlangt das heutige Publikum von einer Literaturausstellung?

          In Marbach verlangt es wahrscheinlich etwas anderes als in Hamburg, Amsterdam oder Berlin. Damit meine ich, dass man diese Frage nicht generell beantworten kann. Aber von uns wird sicherlich erwartet, dass wir Originale zeigen. Und zwar möglichst unverkitscht und pur, also ohne übermäßigen Inszenierungsaufwand. Erwartet wird eine ästhetische Präsentation, die informativ ist, kritisch, intellektuell und anspruchsvoll - bis hin zu einem wissenschaftlichen Niveau. Das sind zumindest meine Vermutungen, und sie werden durch die Besucherzahlen bestätigt. Als ich 2004 nach Marbach kam, hatten wir weniger als 20000 Besucher im Jahr; im letzten Jahr waren es über 87000, und dabei war 2010 nicht einmal ein Schillerjahr. Man darf nicht vergessen, dass das Zeigen von Literatur immer noch eine Nischenangelegenheit ist.

          Ja, aber die Nische dehnt sich aus, sie wächst kontinuierlich.

          Literaturausstellungen haben in den letzten Jahren zweifellos an Popularität gewonnen. Aber das große Publikum geht doch eher in die Staatsgalerie oder ins Porschemuseum. Wer zu uns kommt, weiß was ihn erwartet: in der Regel unscheinbare kleine Zettel.

          Warum sind literarische Veranstaltungen dennoch erfolgreicher denn je?

          Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele kulturelle Anbieter haben in den letzten Jahren erkannt, dass Literatur einerseits immer noch eine ungeheuer wichtige Kunstform ist: Sie erklärt uns unser Leben, man kann im Fernsehen darüber reden, sie liefert den Theatern und der Filmindustrie einen riesigen Anteil ihrer Stoffe. Wie sähe unser gesamter Kulturbetrieb ohne Literatur aus? Unvorstellbar. Aber Literatur ist nicht nur die vielleicht nach wie vor wichtigste Kunstform, sie ist andererseits auch vergleichsweise billig, sogar unglaublich billig. Was kostet eine große Kunstausstellung, eine Oper, ein Film? Einen renommierten, sogar international anerkannten Schriftsteller können Sie für tausend oder zweitausend Euro am Abend bekommen. Bieten Sie eine solche Summe mal einem berühmten Pianisten oder Tenor an - wenn Sie den Mut dazu haben.

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