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Im Gespräch: Ulrich Raulff : Welche Zukunft hat das Literaturarchiv, Herr Raulff?

Der bekommt einige Megabyte oder Gigabyte auf den Tisch und einen kleinen Stapel Papier. Das ist zumindest meine Vermutung.

Ist nicht die begrenzte Haltbarkeit dieser Speichermedien ein Problem? Was vor zwanzig Jahren auf der Floppy Disk gespeichert wurde, ist doch heute schon nicht mehr lesbar.

Das stimmt, die modernen Speichermedien haben in der Regel eine Haltbarkeit von wenigen Jahren. Das ist noch schlimmer als bei den rasch vergilbenden Farbfotos der sechziger Jahre. Die hatten immerhin eine Lebenserwartung von zwanzig, dreißig Jahren. Digitale Zähne fallen noch viel schneller aus. Deshalb hat man heute gigantische Datenverbünde, in denen die Daten ständig als Strom fließen und gar nicht mehr materialisiert und abgelegt werden. An diese Datenverbünde sind auch wir angeschlossen - mitsamt den dazugehörigen Sicherungsmaßnahmen.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Autor hinterlässt einige Floppy-Disks, deren Inhalt überspielt wird, bevor die Disk unlesbar ist. Der geistige Gehalt ist also gerettet. Aber wo ist nun das Original? Welche Folgen hat die Digitalisierung für unseren Begriff des Originals? Schafft sie das Original nicht schlicht ab?

Wir versuchen nicht nur, den flachen Text durch die Übertragung zu konservieren. Es gibt mittlerweile eine Art Elektropaläografie oder digitale Archäologie, die sämtliche digitale Vorstufen eines Textes entziffern kann: alle Varianten, Vorstufen, Streichungen lassen sich herauslesen und festhalten. Und genau das tun wir auch.

Wissen die Autoren das? Oder kann es passieren, dass ein Autor glaubt, er liefert eine Diskette mit dem perfekten Manuskript ein, und dann geht das Archiv hin und klamüsert alle Vorstufen und verworfenen Passagen wieder heraus?

Das hat der Autor in der Hand. Wenn er das nicht will, kann er uns ja lediglich einen Ausdruck seines Manuskripts überlassen.

Das Ansehen des Dichters korrespondiert mit der Schriftgläubigkeit einer Gesellschaft: Im Dichter ehren wir auch die Schrift und das Buch als Medium ihrer Speicherung. Ist damit nun Schluss? Sind unsere Schriftsteller auf dem Wege, zu profanen Content-Providern zu werden?

Man sollte die Bedeutung des Speichermediums nicht überschätzen. Da spielen doch auch soziologische Faktoren eine Rolle. Unser zukünftiges Bild des Autors hängt gewiss nicht allein davon ab, welcher Speichermedien er sich bedienen wird. Meiner Ansicht nach findet zurzeit eine Differenzierung statt: Viele Autoren sinken in der Tat zu Content-Providern ab und sind damit vielleicht auch ganz zufrieden. Das hat es immer schon gegeben, wie es auch immer schon Gebrauchsgrafiker gab. Aber die Mechanismen, die dafür sorgen können, dass so etwas wie der Großschriftsteller entsteht, sind nach wie vor intakt.

Welche Mechanismen sind das?

Es gibt zum Beispiel den Generationenwechsel. Das erleben wir ja derzeit in Deutschland: Die Generation der über Achtzigjährigen bereitet sich darauf vor, eine Bühne zu räumen, die ihre Nachfolger dann vielleicht ganz anders bespielen werden. Die literarische Öffentlichkeit, die Medien, das Literaturpreiswesen und anderes mehr, das ist ja alles weiterhin wirksam und bewirkt nicht nur die Kanonbildung, sondern erschafft auch Autoren und Autorenbilder. Dazu trägt auch das Archiv bei, wenn es einen Autor um seinen Nachlass bittet. Da legen auch wir so weltliche Kriterien wie Erfolg und Präsenz zugrunde. Aber bitte keine Missverständnisse: Kanon bedeutet Selektion, bedeutet Exklusion, immer und unbarmherzig. Unser Auftrag ist ein anti-kanonischer: Wir widmen uns auch den Vergessenen, den Verlierern dieses literarischen Darwinismus. Weil wir wissen, dass er fehlbar ist.

Zur Person

  • Ulrich Raulff wird am 13. Februar 1950 in Meinerzhagen geboren.
  • Er studiert Philosophie und Geschichte in Marburg und wird 1977 promoviert.
  • Darauf folgt eine freiberufliche Tätigkeit als Publizist, Übersetzer und Mitarbeiter verschiedener Verlage. Raulff habilitiert sich 1995 an der Berliner Humboldt-Universität im Fach Kulturwissenschaft.
  • 1994 wird er Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung und übernimmt drei Jahre später dessen Leitung. 2001 wechselt Raulff ins Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“.
  • Im November 2004 wird Raulff Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar. Seit 2005 ist er Mitglied im Präsidium des Goethe-Instituts.
  • Raulff hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „Marc Bloch - Ein Historiker im 20.Jahrhundert“, „Wilde Ernergien- Vier Versuche über Aby Warburg“ sowie zuletzt „Kreis ohne Meister - Stefan Georges Nachleben“.

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