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Im Gespräch: Seamus Heaney : Retten Gedichte unsere Seele, Mr. Heaney?

  • Aktualisiert am

Dichtung als Versprechen, das wirklich etwas geschieht: der irische Lyriker Seamus Heaney Bild: Burkhard Neie

Das Haus des Lyrikers Seamus Heaney liegt direkt an der Bucht von Dublin. Durch ein Oberlicht kann der Nobelpreisträger bei der Arbeit einen verschwenderischen Himmel bestaunen.

          6 Min.

          Sie haben über die Häuser von W.B. Yeats und Thomas Hardy geschrieben, die Monumentalität des einen und die Herkömmlichkeit des anderen, und für die BBC durch Wordsworths Dove Cottage geführt. In welchen literarischen Gefilden steht das Haus, in dem Sie arbeiten?

          Das Haus, in dem wir uns befinden, ähnelt natürlich eher Hardys „Max Gate“ als „Thoor Ballylee“, dem Turm, in dem Yeats lebte. Aber Glanmore Cottage, mein Haus im County Wicklow, in das ich mich für gewöhnlich zum Schreiben meiner Gedichte zurückziehe, lässt mich oft an Wordsworths Cottage denken. Es handelt sich um ein altes Torhaus mit Schieferschindeln und so weiter - außerhalb von Dublin auf dem Land, wo es sehr still ist. Im Unterschied dazu ist dieses Haus hier eher eine Art Bürgerhaus - eine Maschine, in der das Familienleben betrieben wird.

          Haben Sie in den fünfunddreißig Jahren, die Sie inzwischen hier wohnen, nie ein Gedicht in diesem Haus geschrieben? Angeblich trommeln Sie den Rhythmus von Gedichten sogar auf Flugreisen aus.

          In meinen Zwanzigern und Dreißigern konnte ich tatsächlich im größten Durcheinander arbeiten, aber mittlerweile brauche ich die Stille. Ted Hughes sagte mir einmal: „Es ist gut, wenn man nicht gestört wird. Aber noch wichtiger ist zu wissen, dass man nicht gestört wird.“ Auf dem Land weiß ich, dass ich nicht gestört werde, und als wir 1976 in dieses Haus einzogen, hatte ich anfangs das Gefühl, Verrat zu üben, weil es sich um kein Schriftstellerhaus handelte. Ich musste mir hier erst ein Nest bauen.

          Das enge „Nest-unter-dem-Dach“, das Sie in Ihrem Gedicht „Das Oberlicht“ erwähnen?

          Richtig. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mich nach unserem Einzug ganz bewusst hinsetzte, um über einen Freund zu schreiben, der während des Nordirland-Konflikts, kurz nach dem „Blutsonntag“ ein paar Jahre zuvor, bei einer Explosion ums Leben gekommen war. Das Herumschieben der Strophen und Reime war hilfreich, um mit dem Tod dieses Mannes zurechtzukommen, und als ich das Gefühl hatte, dass mir ein gutes Gedicht gelungen war, dachte ich: „Okay, ich bin in diesem Haus sicher.“ Neben diesem Gedicht, „Opfer“, habe ich aber noch einige andere der in dem Band „Feldarbeit“ erschienenen Gedichte hier geschrieben - einige von denen, die mir selbst die liebsten sind.

          Welcher innere Zustand bringt ein Gedicht hervor?

          Ich kann nicht ohne eine gewisse Erregung anfangen, ohne ein Versprechen, dass irgendetwas geschieht. Hin und wieder beginne ich ein Gedicht zu früh, manchmal halte ich eine Idee, ein Bild oder die initiierende Energie zu lang zurück und verpasse den richtigen Moment des Anfangs. Für einen alten Lyriker wie mich ist es am besten, auf Teufel komm raus loszulegen, sich einfach mit Begeisterung oder Vertrauen kopfüber in die Sache hineinzustürzen - Risiken einzugehen, immer wieder bereit zu sein, Änderungen vorzunehmen, ein wenig herumzuspielen. Einen Großteil der Zeit ist man natürlich sehr ernst und mürrisch gegen sich selbst.

          Liest man „Human Chain“, Ihren 2010 erschienenen jüngsten Gedichtband, hat man den Eindruck, Sie bewegten sich mühelos zwischen Gegenwart und Vergangenheit und den verschiedenen Elementen, zwischen der Erinnerung an irische Lyrik des zwölften Jahrhunderts und der Beobachtung eines aufsteigenden Drachens. Welche Orte suchen Sie in Ihren jüngsten Gedichten am liebsten auf?

          Ich nehme an, dass ich am häufigsten an die Orte im nordirischen Ulster zurückkehre, an denen ich aufgewachsen bin. Meine Erinnerungen, meine Energie und meine Inspiration sind dort größtenteils verwurzelt. Orte waren für mich schon immer eine wichtige Inspiration, weshalb natürlich auch die Gegend um mein Cottage in Wicklow einer ist, über den ich oft geschrieben habe. Neuerdings wende ich mich auch gern Vergil zu, Dante und so weiter, und früher waren für mich die Reisen ins Werk mitteleuropäischer Lyriker wie etwa Czeslaw Milosz sehr wichtig, obwohl sich das in meinen Gedichten vielleicht nicht so zeigt. Milosz hatte ein starkes Bewusstsein für das menschliche Befinden: Er war frei und wahrhaftig, nicht schwermütig, aber ernst.

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