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Im Gespräch: Seamus Heaney : Retten Gedichte unsere Seele, Mr. Heaney?

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Ich glaube, man verliert ein Gefühl für den Ernst, für die Erdschwere der menschlichen Existenz. Gedichten wie „Beowulf“ ist eine Art von psychischem Gewicht zu eigen, das sich von dem Diskurs, dem wir im Alltag oder in der Alltäglichkeit heutiger Literatur begegnen, grundlegend unterscheidet. Im ersten Teil ist Beowulf ein junger Mann, der sich als Krieger und als Held erst beweisen muss, aber die eigentliche Schönheit des Gedichts liegt im zweiten Teil, in dem der gealterte Beowulf abermals von etwas herausgefordert wird, das in der Macht seines Schicksals steht und ihn schließlich zerstört. Ich glaube, das Leid oder die Trauer, die diesem zweiten Teil eingeschrieben sind, ist für die Faszination, die dieses Gedicht auf seine Leser nach wie vor ausübt, nicht weniger verantwortlich als die darin beschriebene Entfesselung von Gewalt. „Furcht und Mitleid“, wie Aristoteles in seiner Poetik schreibt. Ich glaube, die Sehnsucht nach dem Gewicht einer Ernsthaftigkeit, wie sie Gedichte wie „Beowulf“ auszeichnet, existiert in vielen Menschen. Das Wesen des Menschen hat sich in den letzten tausend Jahren nicht wirklich verändert, und auch wenn ein angelsächsisches Publikum aus „Beowulf“ vielleicht noch mehr herausgelesen hätte als ein heutiger Leser, ist das Timbre des Textes nach wie vor spürbar.

In seinem Nachwort zu „Die Amsel von Glanmore“ erinnert Michael Krüger daran, dass in der poetischen Rede etwas zum Ausdruck kommen könne, „das sonst nicht vorkommt“. Ist die Lyrik angesichts der unablässigen Talkshow unserer globalen Kommunikation von besonderer Relevanz?

Ich denke schon, dass die Lyrik in einer Welt, in der der Einzelne von morgens bis abends, sei es an seinem Mobiltelefon oder im Internet, einer Vielzahl von oft nicht sehr eindringlichen linguistischen Begegnungen ausgesetzt ist, ein guter Kompass sein kann. Wir erwarten von jedem Gedicht eine Ahnung dessen, was in der Sprache möglich ist, und spüren sofort, wenn es ihm daran ermangelt. Aber sogar ich ändere meine Gewohnheiten und muss Ihnen gestehen, dass ich in den letzten vier oder fünf Jahren zu einem Googler geworden bin: Ich hätte vor unserem Gespräch Ihren Namen googlen sollen.

„Alles kann geschehen, die höchsten Türme können/ Umgestürzt, die Hochstehenden eingeschüchtert,/ Die Übersehenen beachtet werden“: Wie verändert sich unser Blick auf die Realität vertrauter, fortwährend reproduzierter Bilder wie jenen von den Anschlägen auf das World Trade Center, wenn sie von einem Gedicht beleuchtet wird?

Auf der glatten Oberfläche der Bilder, die uns im Alltag umgeben, kann ein Gedicht allenfalls ein Haken sein, an dem der Leser Halt findet. Aber die Aktualität oder der unmittelbare Zeitbezug, wie ich ihn zuletzt in einigen Gedichten meines vor fünf Jahren erschienenen Bandes „District and Circle“ gesucht habe, kann sich als problematisch und vordergründig erweisen. Es gibt einen amerikanischen Lyriker, der als Soldat den Krieg im Irak oder in Afghanistan überlebt und darüber geschrieben hat. Seine Gedichte handeln von den Schrecken des Krieges, sie beinhalten viele Informationen, dringen aber nicht bis zu der menschlichen Erfahrung wirklichen Leids vor. Derartige Gedichte sind eher wie guter Journalismus und erzählen uns eigentlich gar nichts darüber, was es heißt, Mensch zu sein.

Wenn Lyrik eine „Bewegung der Seele“ ist, wie Sie einmal geschrieben haben: Wie schützen Sie Ihre Seele vor den Anstürmen der Gegenwart?

Durch Widerstand. Man muss sich der Dinge bewusst sein, die um einen herum existieren, und diesen widerstehen. Man schützt seine Seele, indem man sein Werk schützt - soweit das eben geht. Es ist ein schweres Geschäft.

Zur Person

Seamus Heaney wird am 13. April 1939 als erstes von neun Kindern einer Viehhändlerfamilie in der Nähe des nordirischen Toomebridge geboren.

1957 nimmt Heaney das Studium der englischen Literatur am Queen‘s College in Belfast auf. Sein erster Lyrikband, „Death of a Naturalist“, erscheint 1966. 1972 zieht er nach Dublin, um am Carysfort College zu lehren. Im selben Jahr erscheint „Wintering Out“.

1985 übernimmt Heaney einen Rhetorik-Lehrstuhl in Harvard, wo er bis 2006 lehrt. Zusätzlich übt er von 1989 bis 1994 eine Poetik-Professur in Oxford aus. 1990 erscheint sein erstes Theaterstück „The Cure at Troy“.

1995 erhält Heaney den Literaturnobelpreis. Vier Jahre später wird seine Übersetzung des Versepos „Beowulf“ ein großer Erfolg. Sein jüngster Gedichtband, „Human Chain“, erscheint 2010.

Heaney ist mit der Lehrerin Marie Devlin verheiratet und hat zwei Söhne.

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