https://www.faz.net/-gqz-6l7qm

Im Gespräch: Romy Haag : Wie lebt man als Legende, Frau Haag?

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Burkhard Neie/xix

Sie duzt alle Welt und hat nie ein Blatt vor den Mund genommen: Die Entertainerin Romy Haag ist Deutschlands bekannteste Transsexuelle. In die unscheinbare Berliner Eckkneipe kommt sie nicht, um aufzufallen, sondern wegen Püree mit Erbschen.

          6 Min.

          Sie wohnen in keinem Berliner Trendbezirk, sondern im bürgerlichen Charlottenburg. Was bringt einen Paradiesvogel wie Sie hierher?

          Ich habe die ewige Bauerei am Hackeschen Markt in Mitte, wo ich vorher wohnte, nicht mehr ertragen, und bin schon vor Jahren in diese auf den ersten Blick spießige Gegend gezogen. Und ich fühle mich hier sehr wohl! Es ist so ruhig, herrlich.

          Wohnen Sie allein?

          Kind, in meinem Alter wohnt man natürlich allein, da hat man keinen Bock mehr auf etwas anderes . . . Wenn der Mann den ganzen Tag im Haus herumhängt oder abends mit Ansprüchen heimkommt - das hemmt meine Kreativität. Ich brauche meine Freiheit.

          Romy Haag, einst der schillernde Travestiestar des Berliner Nachtlebens, feiert ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Nostalgisch wird sie nicht.
          Romy Haag, einst der schillernde Travestiestar des Berliner Nachtlebens, feiert ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Nostalgisch wird sie nicht. : Bild: dpa

          Pardon, soll ich auch du sagen?

          Ja, klar.

          Du feierst jetzt dein fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Wo hast du denn so früh angefangen?

          Mit neun Jahren trat ich im Circus Strassburger in Scheveningen auf. Weil meine Eltern sehr nahe am Zirkusgelände gewohnt haben, bin ich natürlich immer zu den Tieren gegangen, habe sie gestreichelt und gepflegt und bin so in den Betrieb hineingerutscht. Dann habe ich in Kindermatineen nach der Schule mitgemacht, bin zum Beispiel mit musikalischen Clowns und mit roter Nase aufgetreten.

          Romy Haag ist eine Legende . . .

          Cheerio!

          . . . wie lebt man als Legende?

          Weiterarbeiten! Die Vergangenheit interessiert keinen Menschen. Ich will mich nicht ausruhen, deswegen heißt meine neue CD auch „Moving on“. Es geht weiter, ich kann mir nicht vorstellen aufzuhören, das wäre so langweilig! Musikmachen bereitet mir so viel Spaß. Die Singerei ist für mich wie eine Meditation, sie macht mich ausgeglichen.

          Mit neunundfünfzig Jahren denken andere Leute langsam an die Rente.

          Aber als Selbständiger merkt man gar nicht, wie die Zeit vergeht.

          Keine Sehnsucht nach einem geruhsamen Seniorenleben auf Mallorca?

          Um Gottes willen!

          Täuscht der Eindruck, oder war in den letzten Jahren weniger von Romy Haag zu hören?

          Entschuldige bitte, das trifft höchstens auf Leute zu, die nur vor dem Fernseher sitzen. Ich war viel auf Tournee, zuletzt mit dem Programm „Frauen, die ich nicht vergessen kann“, davor mit „Wild Side“, das war eine Show mit härterer Musik. Denn ich komme aus der Rockmusik. Natürlich singe ich Chansons und Balladen, ich werde ja älter, aber im Grunde meines Herzens bin ich rockig.

          Im neuen, schicken Berlin hat der sagenhafte Nachtclub „Chez Romy Haag“, den du 1974 eröffnet und bis 1983 geleitet hast und in dem sich Grace Jones, Tina Turner, Freddy Mercury, David Bowie oder die Rolling Stones amüsierten, keinen Nachfolger gefunden, oder?

          Ich glaube nicht. Es hat sich inzwischen alles geändert, und natürlich auch die Jugend. Ich komme aus einer anderen Zeit - aber ich komme gut mit der Gegenwart zurecht. Als ich mit dreiundzwanzig Jahren den Laden aufmachte, war ich frisch aus New York hierher gezogen. Ich habe mit siebentausend Mark angefangen! „Chez Romy Haag“ war eigentlich ein Off-Laden, eine Diskothek für Kids, denn ich wollte ein Publikum in meinem Alter haben. Wir haben alles schwarz lackiert, einen roten Vorhang vor eine Art Bühne in die Ecke gehängt, that's it. Bevor die Show anfing, kam einer meiner Künstler als Papst verkleidet, mit einem Telefonbuch als Bibel unterm Arm, und hat die Leute mit einem Champagnerkühler und einer Klobürste gesegnet. Ich begann das Programm dann mit dem „Alabama-Song“ aus „Mahagonny“ von Brecht und Weill: „Show us the way to the next whisky bar.“ Voll im Paillettenkleid, stieg ich dazu nass aus einer Mülltonne heraus. So ein Laden war das! Und ich habe als Erste DJs aus London und New York einfliegen lassen, das hatte damals keine Disco.

          Du hast in großen New Yorker und Pariser Nachtclubs wie dem „Alcazar“ getanzt und warst berühmt für deine tollen Kostüme. Wo sind die hingekommen?

          Alle verschenkt. An Kollegen, denen es nicht so gut ging.

          Wie sieht deine neue Bühnengarderobe aus? Steckt die Diva jetzt im kleinen Schwarzen?

          Na, Schatz, das „kleine“ Schwarze würde ich bei meiner Statur nicht sagen . . . Mein Stylist Frank Wilde wird mir für die Jubiläumskonzerte ein Überraschungskleid entwerfen. Keine Ahnung, wie es aussehen wird, nur schwarz wird es sein, aber sicher nicht so ätherisch wie bei Juliette Greco oder Ingrid Caven.

          Ist die Zeit der großen Roben und der Revue-Prächtigkeit vorüber?

          Schon längst! Wenn ich heute auf Empfängen junge Stars in Paillettenkleidchen sehe, sehen die wie Transen aus den Sechzigern und Siebzigern aus. Und dazu diese aufgespritzten Lippen und Titten . . . Da frage ich mich schon, wie die in meinem Alter aussehen werden. Solche Eingriffe kann ich mir nicht leisten, da hätte ich keinen Ausdruck auf der Bühne, weil die Mimik durch die Schönheitsoperationen erstarrt. Natürlich habe ich auch etwas an mir korrigiert, ein kleines Lifting an den Wangen, das war alles. Ehrlich. Natürlich habe ich versucht, mich gut zu erhalten. Aber ich mache keine Dummheiten.

          Viele Künstler gerade aus der subkulturellen Unterhaltungsbranche verarmen, wenn sie älter werden. Denkst du an die Zukunft?

          Natürlich, aber jetzt habe ich mir trotzdem gesagt, ich investiere mein Erspartes lieber in eine neue CD. Wer weiß, wie viel Zeit ich noch habe. Was ist dein Sternzeichen?

          Steinbock.

          Oh, meines auch! Und was sucht der Steinbock am meisten auf der Welt?

          Sicherheit?

          Geborgenheit! Der werden wir ewig hinterherrennen, und bekommen werden wir sie nie. Daran muss man sich gewöhnen und - Zukunft hin, Altersvorsorge her - weitermachen.

          In den achtziger Jahren kannten mehr als achtzig Prozent der Deutschen Romy Haag als bekennende Transsexuelle.

          Ich lebe aber schon immer als Frau! Es stört mich nicht, dass in Bezug auf mich das Thema Transsexualität betont wird, das hilft mir auch in mancher Hinsicht. Es sollte bloß nicht das einzige Thema sein. Ich habe jahrelang in allen Talkshows die gleichen Fragen gestellt bekommen. Meine Fans konnten sich schon selbst die Antworten geben.

          Jedenfalls hast du dich 1984 einer operativen Geschlechtsanpassung unterzogen und giltst seitdem auch offiziell als Frau. Hast du diese Operation jemals bereut?

          Nein, niemals! Ich war spät dran, aber das war mein Glück, früher waren solche Operationen riskant. Wenn es jedoch eine zuverlässige Operationsmöglichkeit gegeben hätte, als ich sechzehn Jahre alt war, hätte ich mich mit Sicherheit schon damals unters Messer gelegt. Ich wollte nie ein Mann sein, iiih . . .

          Du warst von Anfang an heterosexuell und bist dementsprechende Beziehungen eingegangen?

          Ne, ich hatte viele Phasen, auch lesbische. Aber mich interessiert der Mensch. Mir ist ein guter Charakter wichtiger als alles andere, ich bin very old-sexual. Trotzdem machen mich Männer, Frauen, Transsexuelle an.

          Nimmst du noch Hormone?

          Ja, das muss ich mein Leben lang tun, aber ganz wenig. Nur wenn ich daran denke und Lust habe. Es gibt Zeiten, da nehme ich nichts. Das ist okay. Ich brauche die Hormone, weil es sonst für meine Knochen zu gefährlich ist.

          Weil du an Osteoporose erkranken könntest - eine richtige Frauengeschichte also?

          Ja. Puh! Worte sind das . . .

          Marlene Dietrich hatte bei aller Divenhaftigkeit eine häusliche Ader und kochte gern. Wie ist das bei dir?

          Das tue ich nicht. Ich habe überhaupt keine häusliche Neigung und eigentlich immer Männer, die kochen.

          Ist das Alter des Partners für seine Attraktivität entscheidend?

          Nein, das ist ganz unterschiedlich. Ich bin überhaupt kein Mensch der Äußerlichkeiten.

          Und Geld?

          Ach, na ja, das war früher, als ich von zu Hause weggelaufen bin: Ich war jung und brauchte das Geld.

          Als Mann in Frauenkleidern bekamst du viele Diskriminierungen zu spüren. Wäre deine Situation heute leichter, wo ein Buch wie Judith Butlers „Das Unbehagen der Geschlechter“ zum Hit wurde und ein Thema wie Transgender die Öffentlichkeit nicht mehr erregt?

          Wer weiß? Du musst freilich bedenken, je schlechter es den Menschen ökonomisch geht, desto mehr sinkt ihre Toleranz. Erst kommen die Ausländer dran, dann die Schwulen, die Behinderten. Wenn die Leute keinen Job haben, werden sie ganz schnell ungemütlich.

          Du hast beruflich viele Dinge gemacht - Gesang, Tanz, Striptease, Model, Moderation, Schauspielerei. Warum sieht man dich kaum mehr im Film?

          Es ist verrückt: Seit ich 1997 meinen Teddy Award - den queeren Filmpreis der Berlinale - bekommen habe, gab es keine guten Filmangebote mehr. Man will mich meist nur nach den immer gleichen Klischees besetzen, also als die verrückte Transe, und das interessiert mich nicht. Aber eine vernünftige Rolle würde ich schon gern spielen. Leider bin ich für die meisten Produzenten und Regisseure viel zu emanzipiert. Die haben eine fixe Vorstellung von mir, und wenn sie dann mit mir sprechen, merken sie, oh, die ist schlimmer drauf als Alice Schwarzer. Ich glaube jedoch, dass die Zuschauer viel offener, viel liberaler und viel klarer im Kopf sind, als es ihnen die Chefs da oben in ihren Büros zutrauen.

          Du hast dich immer gekonnt für die Medien inszeniert, und die Medien haben dich gern inszeniert. Für eine unangepasste Frau mit fast sechzig Jahren ist das komplizierter, oder?

          Wir müssen durchhalten, was willst du sonst tun. Die großen Medien sind nur noch auf Randale und Krawall aus. Würde ich morgen einen Riesenskandal anzetteln, wäre ich gleich wieder überall drin. Aber ich liebe meinen Mittelweg viel zu sehr.

          Wie passen das schillernde Fabelwesen Romy Haag und der Mittelweg zusammen?

          Tja, mein Schatz, wundere dich, aber ich sehe mich wirklich auf einem schönen Mittelweg. Ich fühle mich sehr gut dabei, in kleinen und mittleren Häusern aufzutreten. Und ich bin sehr dankbar, dass ich das immer noch machen kann. Ich war mit David Bowie auf Tour, mit einem Haufen Drogen und so, und einmal spielte ich mit meinen Leuten als Vorgruppe von Udo Lindenberg in der Berliner Waldbühne vor 20 000 Leuten! Das war mir jedoch alles too much, obwohl ich durchaus ehrgeizig war, und ich fragte mich irgendwann: Willst du das wirklich so haben? Da ist mir mein Mittelweg lieber. Ich bin populär, aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Den Medien bin ich inzwischen allerdings, glaube ich, zu langweilig, weil ich so brav und so nett bin. Ich bin nicht mehr skandalös, und ich trage keine Probleme in die Öffentlichkeit. Aber das ist okay, denn ich möchte zu den ganz normalen Leuten gehören, die einfach mit Liebe ihren Beruf ausüben. Das ist eine größere Befriedigung als alles andere. Und ich kämpfe mich gut durch. Aber als Kampf sehe ich es schon.

          Romy Haag wird 1951 in Den Haag als Edouard Frans Verba geboren. Ohne Zutun entwickelt der Schuljunge weibliche Geschlechtsmerkmale und interessiert sich statt für Fußball für Musik, Tanz und Männer.

          Verliebt in einen Artisten und getrieben von der Sehnsucht nach der Bühne definiert er sich als Frau, nennt sich Romy Haag, wird Bauchtänzerin auf der Reeperbahn und ein umjubelter Travestie-Star in Pariser wie New Yorker Nachtclubs.

          Mit „Chez Romy Haag“ eröffnet sie 1974 ihren eigenen Berliner Club. 1976 hat sie eine Affäre mit David Bowie, der ihretwegen nach Berlin gezogen sein soll.

          Mit dreiunddreißig Jahren lässt Romy Haag sich zur Frau umoperieren.

          Sie widmet sich seit Jahren ihrer Karriere als Musikerin und feiert am 6. und 7. November im Berliner „Tipi“ ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum mit dem Programm „Ich wollte nie ein Freak sein, ich wollte Respekt“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dank eines Modellprojektes darf dieser Club im baden-württembergischen Ravensburg öffnen.

          Corona in Deutschland : Mit Feierfreude in die vierte Welle

          Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen. Das liegt an mangelnder Impfbereitschaft. Auch größere Sorglosigkeit der Menschen spielt ein Rolle. Das RKI sieht eine vierte Welle heranrollen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.