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Im Gespräch: Romy Haag : Wie lebt man als Legende, Frau Haag?

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Burkhard Neie/xix

Sie duzt alle Welt und hat nie ein Blatt vor den Mund genommen: Die Entertainerin Romy Haag ist Deutschlands bekannteste Transsexuelle. In die unscheinbare Berliner Eckkneipe kommt sie nicht, um aufzufallen, sondern wegen Püree mit Erbschen.

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          Sie wohnen in keinem Berliner Trendbezirk, sondern im bürgerlichen Charlottenburg. Was bringt einen Paradiesvogel wie Sie hierher?

          Ich habe die ewige Bauerei am Hackeschen Markt in Mitte, wo ich vorher wohnte, nicht mehr ertragen, und bin schon vor Jahren in diese auf den ersten Blick spießige Gegend gezogen. Und ich fühle mich hier sehr wohl! Es ist so ruhig, herrlich.

          Wohnen Sie allein?

          Kind, in meinem Alter wohnt man natürlich allein, da hat man keinen Bock mehr auf etwas anderes . . . Wenn der Mann den ganzen Tag im Haus herumhängt oder abends mit Ansprüchen heimkommt - das hemmt meine Kreativität. Ich brauche meine Freiheit.

          Romy Haag, einst der schillernde Travestiestar des Berliner Nachtlebens, feiert ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Nostalgisch wird sie nicht.

          Pardon, soll ich auch du sagen?

          Ja, klar.

          Du feierst jetzt dein fünfzigjähriges Bühnenjubiläum. Wo hast du denn so früh angefangen?

          Mit neun Jahren trat ich im Circus Strassburger in Scheveningen auf. Weil meine Eltern sehr nahe am Zirkusgelände gewohnt haben, bin ich natürlich immer zu den Tieren gegangen, habe sie gestreichelt und gepflegt und bin so in den Betrieb hineingerutscht. Dann habe ich in Kindermatineen nach der Schule mitgemacht, bin zum Beispiel mit musikalischen Clowns und mit roter Nase aufgetreten.

          Romy Haag ist eine Legende . . .

          Cheerio!

          . . . wie lebt man als Legende?

          Weiterarbeiten! Die Vergangenheit interessiert keinen Menschen. Ich will mich nicht ausruhen, deswegen heißt meine neue CD auch „Moving on“. Es geht weiter, ich kann mir nicht vorstellen aufzuhören, das wäre so langweilig! Musikmachen bereitet mir so viel Spaß. Die Singerei ist für mich wie eine Meditation, sie macht mich ausgeglichen.

          Mit neunundfünfzig Jahren denken andere Leute langsam an die Rente.

          Aber als Selbständiger merkt man gar nicht, wie die Zeit vergeht.

          Keine Sehnsucht nach einem geruhsamen Seniorenleben auf Mallorca?

          Um Gottes willen!

          Täuscht der Eindruck, oder war in den letzten Jahren weniger von Romy Haag zu hören?

          Entschuldige bitte, das trifft höchstens auf Leute zu, die nur vor dem Fernseher sitzen. Ich war viel auf Tournee, zuletzt mit dem Programm „Frauen, die ich nicht vergessen kann“, davor mit „Wild Side“, das war eine Show mit härterer Musik. Denn ich komme aus der Rockmusik. Natürlich singe ich Chansons und Balladen, ich werde ja älter, aber im Grunde meines Herzens bin ich rockig.

          Im neuen, schicken Berlin hat der sagenhafte Nachtclub „Chez Romy Haag“, den du 1974 eröffnet und bis 1983 geleitet hast und in dem sich Grace Jones, Tina Turner, Freddy Mercury, David Bowie oder die Rolling Stones amüsierten, keinen Nachfolger gefunden, oder?

          Ich glaube nicht. Es hat sich inzwischen alles geändert, und natürlich auch die Jugend. Ich komme aus einer anderen Zeit - aber ich komme gut mit der Gegenwart zurecht. Als ich mit dreiundzwanzig Jahren den Laden aufmachte, war ich frisch aus New York hierher gezogen. Ich habe mit siebentausend Mark angefangen! „Chez Romy Haag“ war eigentlich ein Off-Laden, eine Diskothek für Kids, denn ich wollte ein Publikum in meinem Alter haben. Wir haben alles schwarz lackiert, einen roten Vorhang vor eine Art Bühne in die Ecke gehängt, that's it. Bevor die Show anfing, kam einer meiner Künstler als Papst verkleidet, mit einem Telefonbuch als Bibel unterm Arm, und hat die Leute mit einem Champagnerkühler und einer Klobürste gesegnet. Ich begann das Programm dann mit dem „Alabama-Song“ aus „Mahagonny“ von Brecht und Weill: „Show us the way to the next whisky bar.“ Voll im Paillettenkleid, stieg ich dazu nass aus einer Mülltonne heraus. So ein Laden war das! Und ich habe als Erste DJs aus London und New York einfliegen lassen, das hatte damals keine Disco.

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