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Im Gespräch: Romy Haag : Wie lebt man als Legende, Frau Haag?

  • -Aktualisiert am

Marlene Dietrich hatte bei aller Divenhaftigkeit eine häusliche Ader und kochte gern. Wie ist das bei dir?

Das tue ich nicht. Ich habe überhaupt keine häusliche Neigung und eigentlich immer Männer, die kochen.

Ist das Alter des Partners für seine Attraktivität entscheidend?

Nein, das ist ganz unterschiedlich. Ich bin überhaupt kein Mensch der Äußerlichkeiten.

Und Geld?

Ach, na ja, das war früher, als ich von zu Hause weggelaufen bin: Ich war jung und brauchte das Geld.

Als Mann in Frauenkleidern bekamst du viele Diskriminierungen zu spüren. Wäre deine Situation heute leichter, wo ein Buch wie Judith Butlers „Das Unbehagen der Geschlechter“ zum Hit wurde und ein Thema wie Transgender die Öffentlichkeit nicht mehr erregt?

Wer weiß? Du musst freilich bedenken, je schlechter es den Menschen ökonomisch geht, desto mehr sinkt ihre Toleranz. Erst kommen die Ausländer dran, dann die Schwulen, die Behinderten. Wenn die Leute keinen Job haben, werden sie ganz schnell ungemütlich.

Du hast beruflich viele Dinge gemacht - Gesang, Tanz, Striptease, Model, Moderation, Schauspielerei. Warum sieht man dich kaum mehr im Film?

Es ist verrückt: Seit ich 1997 meinen Teddy Award - den queeren Filmpreis der Berlinale - bekommen habe, gab es keine guten Filmangebote mehr. Man will mich meist nur nach den immer gleichen Klischees besetzen, also als die verrückte Transe, und das interessiert mich nicht. Aber eine vernünftige Rolle würde ich schon gern spielen. Leider bin ich für die meisten Produzenten und Regisseure viel zu emanzipiert. Die haben eine fixe Vorstellung von mir, und wenn sie dann mit mir sprechen, merken sie, oh, die ist schlimmer drauf als Alice Schwarzer. Ich glaube jedoch, dass die Zuschauer viel offener, viel liberaler und viel klarer im Kopf sind, als es ihnen die Chefs da oben in ihren Büros zutrauen.

Du hast dich immer gekonnt für die Medien inszeniert, und die Medien haben dich gern inszeniert. Für eine unangepasste Frau mit fast sechzig Jahren ist das komplizierter, oder?

Wir müssen durchhalten, was willst du sonst tun. Die großen Medien sind nur noch auf Randale und Krawall aus. Würde ich morgen einen Riesenskandal anzetteln, wäre ich gleich wieder überall drin. Aber ich liebe meinen Mittelweg viel zu sehr.

Wie passen das schillernde Fabelwesen Romy Haag und der Mittelweg zusammen?

Tja, mein Schatz, wundere dich, aber ich sehe mich wirklich auf einem schönen Mittelweg. Ich fühle mich sehr gut dabei, in kleinen und mittleren Häusern aufzutreten. Und ich bin sehr dankbar, dass ich das immer noch machen kann. Ich war mit David Bowie auf Tour, mit einem Haufen Drogen und so, und einmal spielte ich mit meinen Leuten als Vorgruppe von Udo Lindenberg in der Berliner Waldbühne vor 20 000 Leuten! Das war mir jedoch alles too much, obwohl ich durchaus ehrgeizig war, und ich fragte mich irgendwann: Willst du das wirklich so haben? Da ist mir mein Mittelweg lieber. Ich bin populär, aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Den Medien bin ich inzwischen allerdings, glaube ich, zu langweilig, weil ich so brav und so nett bin. Ich bin nicht mehr skandalös, und ich trage keine Probleme in die Öffentlichkeit. Aber das ist okay, denn ich möchte zu den ganz normalen Leuten gehören, die einfach mit Liebe ihren Beruf ausüben. Das ist eine größere Befriedigung als alles andere. Und ich kämpfe mich gut durch. Aber als Kampf sehe ich es schon.

Romy Haag wird 1951 in Den Haag als Edouard Frans Verba geboren. Ohne Zutun entwickelt der Schuljunge weibliche Geschlechtsmerkmale und interessiert sich statt für Fußball für Musik, Tanz und Männer.

Verliebt in einen Artisten und getrieben von der Sehnsucht nach der Bühne definiert er sich als Frau, nennt sich Romy Haag, wird Bauchtänzerin auf der Reeperbahn und ein umjubelter Travestie-Star in Pariser wie New Yorker Nachtclubs.

Mit „Chez Romy Haag“ eröffnet sie 1974 ihren eigenen Berliner Club. 1976 hat sie eine Affäre mit David Bowie, der ihretwegen nach Berlin gezogen sein soll.

Mit dreiunddreißig Jahren lässt Romy Haag sich zur Frau umoperieren.

Sie widmet sich seit Jahren ihrer Karriere als Musikerin und feiert am 6. und 7. November im Berliner „Tipi“ ihr fünfzigjähriges Bühnenjubiläum mit dem Programm „Ich wollte nie ein Freak sein, ich wollte Respekt“.

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