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Im Gespräch mit Eva Hesse : Warum kommen Sie nicht von Pound los?

  • Aktualisiert am

Wir sitzen in einem Münchner Altenheim. Ihr Zimmer verlässt die Autorin und Übersetzerin Eva Hesse kaum noch. Obwohl sie fast blind ist, empfängt sie zum Gespräch wie stets - perfekt geschminkt.

          7 Min.

          Wann haben Sie sich das das erste Mal mit dem Dichter Ezra Pound beschäftigt?

          Das erste Mal war 1958, als ich für Gerhard Szczesnys „Nachtstudio“ im Bayerischen Rundfunk eine Sendung schrieb: „Ezra Pound - gegen die Strömung der Zeit“. Es ging darin um seine Stellungnahmen gegen den amerikanischen Kriegseintritt - und seine Rolle als Förderer junger Dichter. Das Manuskript las der Dichter E.E. Cummings, den ich damals übersetzte. Er empfahl mir, es an Pound zu schicken. Es traf Pound in einem Zustand größerer Depression, und so begann ein längerer Briefwechsel mit ihm, der sich auf zweihundert Briefe steigerte im Laufe der Zeit.

          Pound war zu diesem Zeitpunkt nach zwölfeinhalb Jahren gerade aus dem St.-Elizabeth-Krankenhaus in Washington entlassen worden - nachdem er wegen Landesverrats angeklagt und für geisteskrank erklärt worden war.

          „Institute for the Criminally Insane“ hieß das. Es waren schreckliche Umstände. Man hat ihn, der er an Klaustrophobie litt, mit allen anderen Kranken in einen Gemeinschaftssaal gesteckt. Tag und Nacht brannte in diesem Saal das Licht. T.S. Eliot hat dagegen protestiert, aber es hat nicht geholfen. Im Laufe unseres Briefwechsels fragte ich Pound, was er an einer bestimmten Stelle gemeint hatte. Er schrieb zurück, er hätte dies oder jenes gemeint. Ich antwortete ihm frech, wie ich damals war, wenn er es gemeint hätte, hätte er es jedenfalls nicht geschrieben. Prompt kam in großen Lettern die Antwort: „Damn it - don’t translate what I wrote, translate what I meant to write.“ Das hat mich beeindruckt, und ich behielt es bei meiner späteren Arbeit im Sinn.

          Was gerade in seinem Fall unendlich schwierig gewesen dürfte, weil er Zitatfunde aus vielen Wissensgebieten und sogar chinesische Schriftzeichen in seinen Gedichten verschmolz.

          Pound unterscheidet drei Elemente der Lyrik, für die unterschiedliche Grade der Übersetzbarkeit gelten. Melopoeia, wodurch das Gedicht Klang schafft jenseits des reinen Wortsinns: Das ist oft unübersetzbar, kann nur durch glückliche Fügung gelingen. Phanopoeia, das ist die bilderschaffende Kraft der Sprache - das, so Pound, könne man überhaupt nicht verderben. Man müsse sich nur an das genaue Bild halten. Das dritte Element ist die Logopoeia, der Tanz des Sinns zwischen den Worten: Wortspiele, die man nachschaffen kann. Das waren die drei Elemente, auf die ich ausging. Das ist nicht dasselbe, wie Prosa zu übersetzen, aber diese Dimension der Sprache wollen die Leute nicht verstehen.

          Der berühmteste Teil der Cantos, die Pisaner Gesänge, sind der Beweis, wie existentiell sich bei Pound Leben und Werk verbanden.

          Dass er unter diesen Umständen arbeiten konnte, ist bemerkenswert. Er war in einem Käfig eingesperrt, der Tag und Nacht von Scheinwerfern angestrahlt war. Er durfte mit niemandem sprechen. Er war damals schon über sechzig. Als er zusammenbrach, verlegte man ihn in ein Sanitätszelt, nachts konnte er raus auf die Sanitätsstation, dort hat er wieder angefangen zu schreiben. Von dieser Zeit an war er seelisch lädiert.

          Woher rührt Ihre Liebe zur angloamerikanischen Dichtung?

          Ich habe neben Cummings auch T.S. Eliot, Robert Frost, Marianne Moore, Archibald MacLeish, den schwarzen Dichter Langston Hughes und eine ganze Menge anderer übersetzt. Angefangen hat das wohl, weil ich im Alter von sieben Jahren nach England kam, wo mein Vater an der Deutschen Botschaft in London gearbeitet hat. Dort bin ich zweisprachig aufgewachsen, obwohl ich ein Jahr zu völliger Stummheit verurteilt war - bis ich Englisch konnte. Nach einem Jahr ging es dann, später habe ich sogar Aufsatzpreise gewonnen. Aber es war keine leichte Zeit für mich, weil ich in der Schule immer erklären sollte, was etwa Herr Hitler meinte, wenn er Kolonien in Afrika beanspruchte. Immerhin entdeckte ich in dieser Zeit die englische Dichtung. Laurence Olivier las damals am Old Vic Shakespeare, da habe ich richtig Feuer gefangen. In der Schule lasen wir zwar auch Shakespeare mit einem Lexikon für die altenglischen Wörter. Aber dass man ihn so lebendig werden lassen konnte, war eine wichtige Erfahrung für mich.

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