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Im Gespräch mit Eva Hesse : Warum kommen Sie nicht von Pound los?

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Emanzipation mussten Sie nicht erst lernen: Sie haben Jahrzehnte mit Ihrem irischen Mann Mike O’Donnell symbiotisch in einer winzigen, mit Büchern und Papieren angefüllten Wohnung gelebt und gearbeitet.

Wir haben uns erst eine Einzimmerwohnung unterm Dach geteilt, aber das war schon sehr eng. Später tauschten wir sie gegen eine mit zwei Zimmern, aber auch die waren bald voll. Mike musste alles aufheben. Ich habe ihm gedroht, ich würde Nägel in die Hausmauer schlagen und seine Sachen in Plastiksäcken raushängen, wenn er nicht endlich etwas wegwirft. Schließlich gab es auch noch meinen Kater Pussy, der ist auf vielen berühmten Leuten gesessen. Er hat sich breitgemacht wie ein Fladen, von ihm habe ich gelernt, was „besitzergreifend“ heißt.

Sie haben sich Ihr Werk als finanzielle Verzichtleistung abgerungen.

Das Geld verdiente Mike bei Siemens als technischer Übersetzer. Wir haben uns intensiv mit Pounds Kritik der Ökonomie durch die Jahrhunderte beschäftigt. Pound verehrte die frühen amerikanischen Präsidenten - Washington, Jefferson, John und John Quincy Adams - sein Feind war Alexander Hamilton, der die Bank of New York gründete und am Beginn des Staatsschuldensystems stand. Seit der Zeit war für Pound der Wurm drin. Eigentlich ist das heute alles sehr aktuell: Wo Pound von „usura“, von Wucher spricht, muss man heute nur „Wachstum“ einsetzen - die ganze Welt spricht doch nur von Geldvermehrung.

Sie waren im Zentrum eines internationalen Literaturnetzwerks ihrer Zeit voraus

Ja, und über Mike kam es auch zu einer Beziehung in Pounds Umfeld hinein, weil er den irischen Schriftsteller Francis Stuart kannte, der nach seinem Übertritt zum Katholizismus Iseult Gonne geheiratet hatte. Deren Mutter Maud Gonne war die Muse von William Butler Yeats und eine Hauptfigur in der irischen Revolution. Pound wiederum war elektrisiert von Iseult und hatte, glaube ich jedenfalls, eine Affäre mit ihr gehabt. 

In den letzten Lebensjahren hat Pound so gut wie nicht mehr gesprochen.

Er war sehr versunken in seiner Stummheit. Auch mit seiner Lebensgefährtin Olga Rudge hat er nur das Nötigste geredet. Meine letzte Begegnung mit ihm war kurz vor seinem Tod in Venedig. Im Restaurant bestellte Olga für ihn das Essen. Als es auf dem Tisch stand, sagte er: „Was ist das? Hast du das für mich bestellt?“ Sie zischte: „Ja, Ezra, iss es!“ Bei meiner Abreise bestellte Olga eine Gondel, die mich zum Bahnhof bringen sollte. Pound fuhr mit und wollte, obwohl er schon betagt war, unbedingt meinen schweren Koffer tragen. Er hat sich mit einem Gepäckträger am Bahnhof fast darum geprügelt. Aber gesagt hat er nichts mehr.

Sie können kaum noch etwas entziffern, brauchen Vorleser - ist das die Höchststrafe für einen Geistesmenschen?

Ich bin trotzdem sehr wählerisch, mag keine Romane, dafür bin ich zu alt. Unlängst habe ich den ganzen Proust angehört. Da darf man sich nicht hinlegen, sonst schläft man sofort ein. Er ist nämlich überhaupt nicht modern, wenn ich den am Anfang meiner Karriere gelesen hätte, hätte ich die Literatur aufgegeben. Ich mag gern philosophische Texte. Leider habe ich viele Autoren versäumt. Mich interessieren die mittelalterlichen Mystiker, die Kirchengeschichte. Wie Ernst Bloch bemerkte, hat die Kirche immerhin das Verdienst, dass sie Ketzer hervorbrachte.

Und wann rücken Sie Ihre eigenen Gedichte heraus?

Das ist merkwürdig: Obwohl ich diese Passion für Lyrik habe, habe ich selber nie Gedichte geschrieben. Dazu fehlt mir das Selbstbewusstsein.

Zur Person

Eva Hesse wird 1925 in Berlin geboren; ihr Vater ist im diplomatischen Dienst und zieht mit der Familie nach London.

Nach dem Krieg macht sich Hesse als Übersetzerin angloamerikanischer Dichter wie T.S. Eliot, E.E. Cummings und Robert Frost einen Namen. Den Großteil ihres Lebenswerks widmet sie dem verfemten Dichter Ezra Pound (1885 bis 1972).

1993 erhält sie als zweite Frau in der Geschichte die Ehrendoktorwürde der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Im September wird ihre Übersetzung sämtlicher „Cantos“ in einer zweisprachigen Ausgabe im Arche Verlag erscheinen.

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