https://www.faz.net/-gqz-118v2

Im Gespräch mit Charles Aznavour : Der triste Optimist

  • Aktualisiert am

Hat nie ein optimistisches Lied geschrieben: Charles Aznavour Bild: AP

„Ich bin ein trauriger Sänger, aber ein fröhlicher Mensch“ - Charles Aznavour über die Melancholie, über das Duettsingen mit Edith Piaf und darüber, was dazu gehört, gute Chansons zu schreiben.

          Über den Gang hört man eine gutgelaunte Männerstimme. Charles Aznavour, 84, singt vor sich hin, als er den Konferenzraum seines Pariser Musikverlags in der Rue Ampère betritt, einer kleinen Straße unweit des Triumphbogens.

          An den Wänden hängen Tourneefotos und ein überlebensgroßes Plakat von Edith Piaf. In der Ecke steht ein brauner Flügel, daneben ein Tonbandgerät aus den Siebzigern. In diesem Raum erklangen Chanson-Welthits wie „Hier encore“ oder „La Bohème“ zum ersten Mal. ,

          Sie haben den Fans von Herbert Grönemeyer ein Weihnachtsgeschenk gemacht! Auf Ihrer neuen CD singt er erstmals französisch . . .

          Herbert hat mich überrascht. Erstens, weil er sehr gut französisch singt. Zweitens macht er, wenn er ein Chanson singt, nicht so: (schmettert einen Ton). Viele singen Varieté pompös und schwülstig. Das kann ich nicht ausstehen. Herbert singt Varieté, wie sich das gehört.

          Worauf kommt es bei einem Duett an?

          Ein Duett zu singen ist, wie ein Theaterstück zu spielen. Jeder hat seinen Part, ohne dem anderen seinen Raum zu nehmen. Wobei beide versuchen müssen, eine Ebene herzustellen, auf der sie sich musikalisch begegnen. Ein Duett ist wie eine Ehe.

          Wie das?

          Wenn schlechte Sänger zusammen singen, wird jeder versuchen, besser zu sein als der andere. Lauter zu singen, als der andere. Gute Interpreten tun das nicht. Ein guter Interpret wird sich immer auf die Tonlage des anderen einlassen. Dabei entsteht eine Atmosphäre, die es jedem erlaubt, seine Persönlichkeit einzubringen. Die meisten Sänger haben das Problem, dass sie selbst ihr größter Fan sind. Danach erst kommen die anderen.

          Das Album enthält auch ein Duett mit Edith Piaf . . .

          Mit Edith habe ich acht Jahre lang gemeinsam auf der Bühne gestanden. Das war Ende der Vierziger. Wir haben uns prächtig verstanden. Wir waren auf Tournee und fuhren mit dem Auto von einem Auftrittsort zum nächsten. Eine Reise von Brüssel nach Monte Carlo auf der Landstraße konnte dauern. Wir haben uns die Zeit mit Singen vertrieben. Edith kannte alle Chansons der Welt. Ich übrigens auch.

          Edith Piaf hat Ihnen früh eine große Karriere vorausgesagt. Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie selbst realisiert haben, dass Sie eine Stimme haben?

          Ich war nie der Meinung, dass ich eine schöne Stimme besitze. Aber ich wusste schon früh, dass ich singen kann. Singen bedeutet für mich mehr, als einfach nur den Mund aufzureißen. Beim Singen geht es um Ausdruck, darum, zwischen den Zeilen zu lesen. Nichts gegen Leute, die beim Singen nur den Mund aufreißen. Aber sie geben einfach die Worte wieder, die sie vorher auswendig gelernt haben. Und dann gibt es jene, die sich mit dem Text, den sie singen, auseinandersetzen, die zwischen den Zeilen lesen und dem Chanson ihren eigenen Ausdruck verleihen. Ich habe dieses Talent, und das hat mir auch erlaubt zu schreiben. Man kann nicht schreiben, wenn man nichts kapiert. Obwohl, es gibt auch Leute, die kapieren nichts und schreiben trotzdem.

          Sie sind der erfolgreichste französische Sänger aller Zeiten. Man liebt Sie sogar in den Vereinigten Staaten. Wie ist Ihnen das gelungen?

          Weitere Themen

          Hoffnung im Ansicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Ansicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und non-stop Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt, und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte erklärt FAZ-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

          Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

          Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

          An Scholz’ Seite : Manchmal liegt das Glück ganz nah

          Das Rennen um den SPD-Vorsitz geht weiter: Wofür die Kandidatin an Scholz’ Seite steht – und wieso der erfolgsverwöhnte Niedersachse Stephan Weil plötzlich beschädigt ist.
          Der Charging Bull, eine Bronzestatue im Financial District in Manhattan, New York.

          Amerikas Wirtschaft : Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen?

          Amerikas Manager-Elite gibt sich neue Prinzipien: Sie will Aktionäre nicht mehr über alles andere stellen. Ihre eigene Vergütung dagegen ist bisher kein Thema.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.