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Im Gespräch: Marcel Reich-Ranicki : Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht ans Getto denke

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Ein Jahr im Kellerverlies: Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler spielen Marcel und Tosia Reich-Ranicki Bild: picture-alliance/ dpa

Am Karfreitag zeigt Arte die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiografie „Mein Leben“. Ein Gespräch mit Peter von Matt und Reich-Ranicki über das Warschauer Getto, die Rückkehr in das Land der Täter und das Überleben durch die Literatur.

          Marcel Reich-Ranicki und der Germanist Peter von Matt sind Weggefährten der deutschen Literaturgeschichte. Reich-Ranicki hat von Matt für die Frankfurter Anthologie entdeckt, deren erster Preisträger der Schweizer war. Wir haben die beiden getroffen, um mit ihnen über „Mein Leben“, die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiographie, zu sprechen, über das Warschauer Getto, Reich-Ranickis Rückkehr in das Land der Täter und das Überleben durch die Literatur.

          Herr von Matt, Sie kennen Marcel Reich-Ranicki seit bald dreißig Jahren, Sie kennen seine Autobiographie „Mein Leben“. Wie hat Ihnen die Verfilmung gefallen?

          Peter von Matt: Ich hatte gemischte Gefühle – vorher. Und bin dann aber doch ganz außerordentlich beeindruckt, dass das überhaupt möglich war. Erst einmal sind es sehr gute Schauspieler. Und dann ist der Film ganz einfach geführt und vermeidet eigentlich alle die Fehler, die ich gefürchtet hatte, nämlich eine Psychologisierung im Sinne eines Spielfilms und dann eine Dramatisierung der Ereignisse, die ja am gewaltigsten wirken dadurch, dass sie nur in der größtmöglichen Einfachheit vorgeführt werden. Dass das möglich ist, zeigt, dass hinter diesem Film ein großes Sensorium steht.

          In seinem Verzicht auf Pathos sehen Peter von Matt und Marcel Reich-Ranicki die Stärke des Films

          Sie nicken zustimmend, Herr Reich-Ranicki?

          Marcel Reich-Ranicki: Ja. Was Herr von Matt gesagt hat, ist sehr, sehr treffend. Der Regisseur ist ein Mann mit großem Talent, und er hat das fabelhaft gemacht. Ich habe mich überhaupt nicht eingemischt. Ich war bei den Aufnahmen kein einziges Mal dabei. Ich habe alles dem Regisseur Dror Zahavi, dem Drehbuchautor Michael Gutmann und den Schauspielern überlassen, und sie alle haben ihre Sache gut gemacht, sehr gut.

          Sie sind aber ja nun einmal Kritiker. Wenn Sie eine Sache an dem Film verändern könnten, was wäre das?

          Reich-Ranicki: Ich weigere mich, diese Frage zu beantworten, weil ich dann sofort Leute beleidigen würde. Ich kann dazu nichts sagen.

          Die beiden Hauptdarsteller, Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer, haben Sie und Ihre Frau vorher besucht.

          Reich-Ranicki: Ja, und sie haben mich auch gefragt, was ich ihnen mit auf den Weg gebe. Und ich habe ihnen für die Arbeit am Film, die wenige Tage später beginnen sollte, gesagt: Was immer ihr darstellen werdet, wie immer ihr es macht, eines kann ich euch sagen: Es war in Wirklichkeit noch viel schlimmer.

          Wie oft haben Sie den Film gesehen?

          Reich-Ranicki: Zweieinhalbmal.

          Ist es für Sie nicht schrecklich, die Erinnerung jedes Mal von neuem zu durchleben?

          Reich-Ranicki: Natürlich ist es das! Für mich und meine Frau ist es ein sehr schweres Erlebnis, das alles zu sehen. Meine Frau ist derzeit in einem schrecklichen Zustand, und ich glaube, das hat damit zu tun, dass sie diesen Film zwei-, dreimal gesehen hat.

          Gibt es überhaupt je Tage in Ihrem Leben, an denen Sie nicht an die Vergangenheit denken?

          Reich-Ranicki: Nein. Solche Tage gibt es nicht.

          Herr von Matt, als Schweizer sind Sie frei von den deutschen Verstrickungszusammenhängen, ob Opfer oder Täter. Wie sehen Sie den Film?

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