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Im Gespräch: Joseph Vogl : „Reine Lehren funktionieren nicht mehr“

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Auf der Suche nach der Persistenz des Religiösen im Denken der Ökonomie: der Kultur- und Literaturwissenschaftler Joseph Vogl Bild: Foto Jens Gyarmaty

Der Kulturtheoretiker Joseph Vogl erklärt, warum ökonomische Lehren einen dritten Weg einschlagen müssen, um das Zeitalter großer Krisen zu bewältigen.

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          Herr Vogl, Sie beschreiben in Ihrem Buch „Das Gespenst des Kapitals“, dass die moderne Marktwirtschaft, obwohl sie sich auf das Ausgleichsprinzip von Angebot und Nachfrage beruft, ihrem Wesen nach spirituellen, göttlichen Maximen folgt. Ist kapitalistische Wirtschaftstheorie also moderne Metaphysik?

          Joseph Vogl: Zunächst muss man wohl feststellen, dass in der Ökonomie theologische Ordnungsfiguren fortwirken. Das ließe sich schon begriffsgeschichtlich dokumentieren. Oikonomia bedeutete bis in die frühe Neuzeit nicht nur gute Hausverwaltung, das war auch ein Begriff für die göttliche Verwaltung der Welt. Er bezeichnete die Transmission eines entrückten göttlichen Willens in die Belange des Irdischen, also eine Art theologischer Betriebswirtschaft. Noch im achtzehnten Jahrhundert bezieht sich ‚Ökonomie‘ auf alle möglichen Ordnungsideen, von der Organisation der Körper bis zum System der Natur, und wurde erst allmählich für wirtschaftliche Fragestellungen im engen Sinne adoptiert. Was früher einmal die „manus gubernatoris“ Gottes war, die lenkende Hand Gottes, ist später zur „unsichtbaren Hand“ geworden.

          Auf diese Hand von Adam Smith scheint man bis zu heute zu vertrauen. Ein Investmentbanker reagierte auf die Lehmann Brothers-Pleite mit dem Satz: „Jetzt hilft nur noch beten.“ Überrascht Sie dieser offene Rekurs aufs Göttliche, der zugleich ein Eingeständnis blanker Unwissenheit ist?

          Solche Eingeständnisse haben jedenfalls den Vorzug der Eindeutigkeit. Die Akteure der Finanzmärkte haben sich stets auf Rettung von höherer Seite, aber auch auf Berechnungstechnologien verlassen, die die Wahrscheinlichkeit solcher Krisen auf eins zu zig Milliarden quantifizieren, also eigentlich auf die Unmöglichkeit solcher Krisenereignisse setzen. Als dann das Unvorstellbare passierte und weit und breit keine rettende Hand half, war die Perplexität groß. Seit geraumer Zeit haben allerdings schreibende Broker, zum Beispiel Nassim Taleb, diese Hoffnung auf ökonomische Vorsehung als hinfällig erkannt und zur Stärkung oder Erbauung zwar nicht das Gebet, aber die Lektüre der Stoiker empfohlen, zum Beispiel Senecas „Philosophische Briefe“. Auch unter den Technikern dieser Finanzmärkte steigt also die Ahnung auf, dass alle möglichen Prognoseverfahren und damit auch alle kalkulierbaren Erwartungshorizonte einen ganz wesentlichen blinden Fleck haben, nämlich jenen, den Keynes die „perfidious future“ genannt hat: dass die Zukunft ungewiss ist und dass es immer anders kommt, als man denkt.

          In Ihrer nüchternen Analyse vermeiden Sie, das Motiv der Gier als tragenden Grund für die Krise von 2008 zu nennen. Warum?

          Auch der Begriff der Gier hat ja eine interessante Herkunft. Er kommt von einer alten christlichen Todsünde her, der Avaritia, der Habgier. Und wo man heute von den Fatalitäten der Gier spricht, wäre zweierlei anzumerken. Einerseits unterstellt man damit ganz katholisch, dass Gewinnsucht und der Umgang mit Geld nicht unbedingt den Charakter verbessern, eine wohl immer noch bedenkenswerte These. Andererseits aber glaubt man, mit Exzessen der Gier tatsächlich Schuldige für die Pannen im System benennen zu können und Verantwortlichkeit an bestimmten Punkten zu konzentrieren. Damit macht man es sich aber zu leicht, vermeidet fundamentale Analysen des Systems. Allenfalls könnte man darüber nachdenken, auf welche Weise man es hier, im Kapitalismus, mit strukturell ‚gierigen‘ Systemen zu tun hat.

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