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Im Gespräch: Jeffrey Eugenides : Sind Sie neidisch auf „Infinite Jest“, Mr. Eugenides?

  • Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie

„Sein Buch bewirkte, dass ich mich weniger allein fühlte“: Der amerikanische Autor Jeffrey Eugenides über David Foster Wallace, das Glück und die Verzweiflung dieses Autors und sein eben auf deutsch erschienenes Opus magnum.

          7 Min.

          Ein Spätsommertag in Berlin-Kreuzberg. Wer sich ins Café Pfau setzt, braucht kein Buch, um sich zu beschäftigen. Der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides fällt durch seine smarte dunkelblaue Erscheinung auf. Er riecht gut.

          Schön, Sie zu sehen! Was tun Sie in Berlin?

          Wir kommen jeden Sommer her, seitdem wir hier einmal fünf Jahre lang gelebt haben. Das ist unser zweites Leben, in das wir einige Wochen lang eintauchen, ich packe mein schlechtes Deutsch aus, und los geht's. Wir kennen die Stadt gut, sind keine Touristen. Und trotzdem ist alles ganz anders als zu Hause in Princeton und für uns sehr entspannend.

          „Er war so ungeheuer talentiert und ihn zu lesen macht ein solches Vergnügen” - Jeffrey Eugenides über David Foster Wallace

          Seit Romanen wie „Die Selbstmord-Schwestern“ und „Middlesex“ gehören Sie zu den wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren. Darf man fragen, wie es mit Ihrem aktuellen Buch vorangeht?

          Mit dem läuft es gerade sehr gut - aber das Ende ist noch nicht in Sicht. Ich habe dreihundert Seiten eines Romans geschrieben, von dem ich nicht weiß, wie lang er wird. Es war schwierig, weil sich das Buch, an dem ich saß, plötzlich in zwei Romane gabelte, und ich musste die beiden Werke auseinanderoperieren wie siamesische Zwillinge, immer in der Hoffnung, dass jedes für sich überlebensfähig sein würde. Bei manchen Büchern ist der Anfang unglaublich hart, und dann gibt es das Vergnügen, mittendrin zu stecken, wo es dann fließt. Da bin ich gerade. Aber wir wollten doch gar nicht über mich reden . . .

          Stimmt. Sie haben sich bereit erklärt, mit mir über Ihren im letzten Jahr gestorbenen Schriftstellerkollegen David Foster Wallace und sein 1996 erschienenes Opus magnum „Infinite Jest“ zu reden, das jetzt als „Unendlicher Spaß“ in deutscher Übersetzung erschienen ist. Wann haben Sie es erstmals gelesen?

          Gleich 1996. Was damals jeden fesselte, war der Stil von David Foster Wallace, das musste man einfach sofort lesen. Deshalb war ich erstaunt, dass das Buch in Deutschland nicht längst erschienen ist. Schließlich ist es eines der wichtigsten amerikanischen Bücher.

          David Foster Wallace war in Deutschland lange kein Begriff, und dann hat Ulrich Blumenbach sechs vergleichsweise kurze Jahre an der Übersetzung gearbeitet. Wann haben Sie zuletzt in das Buch hineingeschaut?

          Zufälligerweise beschäftige ich mich jetzt gerade wieder intensiver damit, denn meine Frau liest „Infinite Jest“ in ihrem Buchclub, und wir sprechen viel über ihre Leseeindrücke. Sie findet es großartig - aber mir fällt auf, wie sehr der Selbstmord von David Foster Wallace ihre Lektüre überschattet. Allenthalben macht sie im Roman Zeichen für selbstmörderische Gedanken und Depressionen aus. Als ich das Buch 1996 las, war zwar bekannt, dass David Schwierigkeiten hatte, aber die Selbstmordpassagen waren lange nicht so auffällig, wie man sie jetzt wahrnimmt.

          Kannten Sie David Foster Wallace bereits persönlich, als Sie „Infinite Jest“ lasen?

          Nein. Aber nachdem das Buch herauskam, haben wir korrespondiert. Der Roman rührt auch an Fragen der Religion, Fragen, die mich zu jener Zeit sehr beschäftigten. Ich sandte ihm lange, ausführliche Briefe, und er schrieb zurück. Wirklich begegnet sind wir uns erst später. Wir haben nie viel Zeit miteinander verbracht. Nur einmal, ungefähr ein Jahr vor seinem Tod. Da waren wir zusammen mit anderen Schriftstellern eine Woche auf Capri.

          Es heißt, „Infinite Jest“ habe Schriftstellern wie Ihnen und Jonathan Franzen den Weg geebnet - auch, weil Wallace mit diesem Buch die postmoderne Ironie beerdigen wollte.

          In gewisser Weise wollte er das vielleicht. Aber das Buch ist extrem ironisch. Und auch das Vergnügen, das seine Lektüre bereitet, hat viel mit Ironie zu tun. Insofern las ich „Infinite Jest“ damals nicht und dachte: irony is over.

          Was hat Sie am meisten am Buch beeindruckt?

          Als es erschien, fühlte ich, dass wir seit Pynchons „Enden der Parabel“ darauf gewartet hatten, dass ein Buch kommen würde, das den Klang seiner Zeit einfängt. Für mich war das eigentliche Wunder die Stimme von Wallace, die so frisch und unliterarisch daherkam, dabei aber so wunderschön, entspannt und intelligent war. Es klang anders - nicht wie Literatur, sondern wie die Gedanken im eigenen Kopf. „Infinite Jest“ ließ so viele Bücher auf einen Streich antiquiert aussehen. Es war eine Art, intelligent und in der Stimme meiner, seiner, unserer Generation zu sprechen, wie es sie noch nicht gegeben hatte - auch weil wir alle noch viel zu sehr damit beschäftigt waren, uns an der vorangegangenen abzuarbeiten. Und es war nicht allein der Klang dieser Stimme. Es war das Dilemma, das sie vermittelte: das einer Intelligenz, die versucht, sich auf eine hochtechnologisierte, hyperkommerzielle, hyperkapitalistische nahe Zukunt, die inzwischen leider zur Gegenwart geworden ist, einen Reim zu machen - und ihr zugleich zu entkommen. Wallaces Stimme ist die lustigste und traurigste, die man wahrscheinlich je hören wird. In ihrer frenetischen, slanghaften, erregten Art, mit all ihren Akronymen und Abkürzungen, bildet sie sowohl die Krankheitsursache für den Zustand unseres Bewusstseins ab als auch die Krankheit selbst.

          Aber hat „Infinite Jest“ Sie beeinflusst? Jeder Schriftsteller kennt ja Werke, die ihn berühren und die er bewundert, die aber keine Auswirkungen haben auf das, was er selbst schreibt.

          Der Unterschied liegt darin, dass es das Werk eines Generationsgenossen ist. Wenn ich einen älteren Autor, etwa Saul Bellow, lese, dann kann ich von ihm beeinflusst sein, obwohl mir zugleich bewusst ist, dass es große Unterschiede zwischen uns gibt. Aber mit Wallace oder auch Franzen, Zeitgenossen gleichen Alters, gibt es so viele Gemeinsamkeiten - wie man aufwuchs, wie man redet, wie die eigenen Freunde reden. Insofern ist das, was sie schreiben, meinen eigenen Erfahrungen so nah, das es sich nicht anfühlt wie Einfluss, sondern eher, als ob man verwandt wäre.

          Wenn Ironie als Mittel für Veränderung ausgedient hat, was ist dann das stilistische Vermächtnis von „Infinite Jest“? Ist es eine andere Gewichtung, das, was als „Literature of Reconstruction“ bezeichnet worden ist - eine Feier dessen, was das Leben lebenswert macht, neben der Darstellung dessen, was es schwierig macht?

          Der Auslöser dafür war bereits die Generation davor, die amerikanischen Vertreter der postmodernen Ironie und des Dekonstruktivismus. Wallaces Götter waren Pynchon und DeLillo. Da gibt es viele bezeichnende Ähnlichkeiten. Insofern ist „Unendlicher Spaß“ wirklich eine Art „Enden der Parabel“ für unsere Generation. Wovon wir genug hatten, als wir uns ans Schreiben wagten - und ich denke, da spreche ich nicht nur für mich -, war ein gewisser Experimentalismus, eine bestimmte Art von Pro-forma-Nihilismus. Die Möglichkeit von Optimismus in meinem Werk verdanke ich eindeutig Saul Bellow, der immer gegen den Nihilismus angeschrieben hat.

          Ist das schwierige „Infinite Jest“ durch den Tod von Wallace nun sakrosankt geworden?

          Ach, wissen Sie, Wallace war so ungeheuer talentiert und ihn zu lesen macht ein solches Vergnügen, dass die Menschen ihm die Länge des Buches verzeihen, auch wenn sie zwischendurch nicht recht weiterkommen. „Infinite Jest“ ist ein bisschen wie das Universum: es dehnt sich immer weiter aus. Es ist kein Buch, das zu einer Auflösung kommt, bei dem am Ende alles zusammenpasst. Es besitzt eine Kreisstruktur. Je nachdem, welchen ästhetischen Standpunkt man vertritt, findet man das wundervoll - oder aber man sagt, ich mag meine Kunst nicht unvollendet. So oder so: Es gibt keinen Grund, das Buch nicht zu kritisieren, wenn man Grund dazu sieht, und ich bin sicher, dass Wallace auf keinen Fall gewollt hätte, dass man den Roman wegen des tragischen Privatlebens seines Autors schont.

          Dave Eggers schreibt, dass er das Buch mit fünfundzwanzig las, und stellt die These auf, dass dies ein ideales Lesealter für „Infinite Jest“ sei. Stimmen Sie ihm zu?

          Ja, unbedingt. Das gilt übrigens für „Die Enden der Parabel“ genauso, das ist auch ein Buch, das man möglichst früh lesen sollte. Mit fünfundzwanzig konnte ich alles lesen, jede Art von tausendseitigem Wälzer. Heutzutage bin ich da viel reservierter.

          Nicht nur „Infinite Jest“, sondern alle Bücher von Wallace erzählen davon, wie wir uns zu Tode amüsieren. Verbirgt sich dahinter eine Gesellschaftskritik?

          Auf jeden Fall steckt eine hochsatirische Kritik an der amerikanischen Unterhaltungsgesellschaft darin, aber eine, die ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Die ganze Idee von „Infinite Jest“, nämlich dass ein Film so komisch ist, dass vor Lachen stirbt, wer ihn sich anschaut, ist einfach großartig. Wallace war nicht die Art Mensch, der andere kritisiert, er hielt vielmehr seiner eigenen Verzweiflung den Spiegel vor.

          Es liegt eine unendliche Traurigkeit in diesem Lebenswandel, gegen den man nichts tun kann, außer ihn beschreiben.

          Ja, aber als das Buch herauskam, war der Erfolg, den es hatte, so groß und unmittelbar, dass man sich gar nicht vorstellen konnte, dass Wallace niedergeschlagen war. Natürlich verkaufte sich der Roman nicht wie warme Semmeln, aber es wurde viel darüber geredet, er war eine literarische Sensation. Er bescherte Wallace den schönsten Erfolg, den man als Schriftsteller nur haben kann: in seiner Welt.

          Kamen angesichts dieses Erfolgs nicht unwillkürlich Konkurrenzgefühle auf?

          Es war das Buch, das wir alle hatten schreiben wollen. Ich liebte es, aber war auch deprimiert. Alle Schriftsteller sind ehrgeizig. Aber am angenehmsten ist es doch, wenn man ein anderes Werk neidlos bewundern kann. Was ich vor allem spürte, als ich „Infinite Jest“ las, waren Glück, Erleichterung und ein Wiedererkennen. Angesichts von Unmengen klischeebeladener Bücher, die schon beim Erscheinen tot waren, war dies eines, das auf pulsierende, erlösende Weise lebendig ist. Für mich gelang dem Buch das, was Wallace meines Erachtens für alle seine Leser erreichen wollte: Es bewirkte, dass ich mich weniger allein fühlte.

          Wie wird „Infinite Jest“ altern? Als es 1996 erschien, spielte es in einer Zukunft, die wir mittlerweile eingeholt haben.

          Da lassen sich erneut „Die Enden der Parabel“ als Vergleich heranziehen. Wenn ich das heute lese, scheinen gewisse Teile des Hippie-Humors der sechziger Jahre einfach überholt. Aber der Stil ist nach wie vor großartig, ja es besitzt mittlerweile eine Old-Star-Qualität, die es nicht hatte, als ich es erstmals las. Insofern: alles altert - erst recht ein Buch, das so sehr ein Produkt seiner Zeit ist, auch sprachlich. Mir fällt da vor allem John Barth ein. Es ist wichtig, sich an seine Bedeutung zu erinnern. Er war der große Autor schlechthin. Als er älter wurde, steckte man ihn in eine postmoderne Schublade - und er schrieb im Grunde immer wieder dasselbe Buch. Wallace passierte etwas Ähnliches, er wurde in die Genie-Box gesteckt, und ich glaube, da wollte er unbedingt raus. Ausgehend von dem, was ich von seinen letzten Sachen gelesen habe, wollte er einfacher schreiben, mit einem tiefgründigeren, weniger zeichentrickhaften Gepür für Charakterisierungen, aber es klappte nicht recht. Einiges liest sich viel flacher als „Infinite Jest“. Ich kann nicht glauben, dass die Tatsache, dass er mit seinem Roman nicht fertig wurde, keine Rolle bei seiner finalen Verzweiflung gespielt hat. Ich weiß selbst ein bisschen, was es bedeutet, neun oder zehn Jahre lang nichts zu veröffentlichen. Und dann natürlich vor allem seine Krankheit - es muss entsetzlich gewesen sein.

          Stellt sich also die alte, schreckliche und zynische Frage danach, ob Glück für den Schaffensprozess kontraproduktiv ist?

          Daran glaube ich nicht. Ich glaube, man muss glücklich sein, um zu schreiben. Ich fürchte, dass Wallace sein Werk nicht so entscheidend ändern konnte, wie er gehofft hatte. Sogar im Sommer 2007 auf Capri, als es ihm eigentlich gut ging, gab es Anzeichen von Anspannung und Belastung. Man spürte, dass es jeden Tag Momente gab, die von ihm irgendwie überstanden werden mussten. Aber er war unheimlich nett. Ich weiß noch, wie ich einen Käfer loswerden wollte, vor dem meine Tochter sich fürchtete, und er mich davon abhielt, ihn zu erschlagen. Daran muss ich immer denken, wenn ich an David Foster Wallace denke.

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