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Im Gespräch: Jeff Koons : Wie halten Sie’s mit der Biologie, Mr Koons?

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„Narzissmus, phh“: Jeff Koons hält sich nicht für den derzeit populärsten Künstler Bild: Burkhard Neie

Es ist Fronleichnam, morgens um neun Uhr. Jeff Koons kommt in die Schirn. Obwohl er zugleich am Aufbau zweier Frankfurter Ausstellungen arbeitet, antwortet er mit Engelsgeduld.

          Man trifft ja nicht jeden Tag einen Superstar. Sie sind der wohl populärste lebende Künstler ...

          ... nicht, dass ich wüsste. Ich würde sagen, es gibt populärere Künstler. Aber ich muss auch sagen, dass ich immer eine Plattform für meine Arbeit haben wollte, deshalb fühle ich mich geehrt: eine Plattform, von der aus ich kommunizieren kann, in Dialog treten über die Macht der Kunst.

          Das hat funktioniert. Sie sind in einer wohlbehüteten Familie und Atmosphäre aufgewachsen, im amerikanischen weißen Mittelstand. Ist das wichtig für Ihr Werk?

          Wissen Sie, ich denke, dass jeder seine eigene Geschichte annehmen muss, und das ist eben meine kulturelle Geschichte. Ich hatte das große Glück, viel Unterstützung zu bekommen. Schon als Kind habe ich Interesse am Zeichnen und Malen gezeigt, und ich bekam jede Woche Unterricht. Ich wollte immer schon Künstler werden. Das Einzige, worauf ich mich vorbereitete, war, Kunst zu studieren. Meine Eltern haben mich dabei kompromisslos unterstützt, sie sagten nie, davon könne man nicht leben. Sie haben immer daran geglaubt, dass man den Interessen folgen soll, die einen anziehen. Ästhetik habe ich von meinem Vater vermittelt bekommen. Er war Raumausstatter; an den Wochenenden habe ich mit ihm in seinem Geschäft gearbeitet und gelernt, wie Gefühle von Farbe und Textur und Design kontrolliert werden. Mein Vater war jemand, der die Dinge so gut wie möglich machen wollte. Manche Leute würden von „Perfektionismus“ sprechen, aber mein Vater wusste, wann er aufzuhören hatte. Er hat mir auch beigebracht, dass man nach der Erfüllung der Vision, die man hat, trachten muss.

          Sie haben in Ihrem „Jeff Koons Handbuch“ 1992 geschrieben: „Ich vermittle den Menschen, dass man im Leben nicht intelligent sein muss, es genügt, clever zu sein.“ Würde Ihnen selbst das auch genügen?

          Kunst ist absolut ein Mittel, Leuten Kraft zu verleihen, so, wie die Kunst meinem Leben Kraft gegeben hat. Kunst kann aber auch ohnmächtig machen, dass die Leute sich fehl am Platz fühlen. Sie fürchten, dass es etwas gäbe, auf das sie vorbereitet sein müssten, Kenntnisse oder Regeln, ehe sie mit der Kunst in Kontakt kommen. Dann fühlen sich die Leute in ihrer eigenen Geschichte verunsichert. Aber natürlich gibt es keine solchen Regeln. Nichts kann von dir erwartet werden, weil die Kunst in dir selbst passiert.

          Also doch lieber clever sein als intelligent?

          Nein, nein. Es geht darum, sich selbst anzunehmen. Ich habe eine Menge Leute getroffen, die absolut brillant sind. Aber das heißt nicht, dass sie in der Welt funktionieren können, etwas aus ihrer Brillanz machen. Und dann gibt es andere Leute, die ihre Beschränkungen haben, aber sie können die Dinge irgendwie leichter miteinander verbinden. Es geht also darum, dass die Leute ihr Potential ausleben können - und die Freiheit verstehen, die wir als Individuen haben.

          Sind Sie etwa Marxist?

          Nein, in solchen Begriffen denke ich nicht. Allerdings denke ich darüber nach, wie man im Leben erfahren kann, was unsere Freiheiten sind. Ich arbeite ja mit diesen „Inflatables“. Ein solches aufblasbares Objekt ist, wenn es, schschsch, aufgeblasen ist, ein Symbol für Optimismus. Wenn ich es dann in Stahl gieße, nimmt es einen Zustand von permanentem Optimismus an. Für mich ist ein Symbol für den Tod das genaue Gegenteil: wenn daraus die Luft entweicht. Wir sind wie Ballons, sie sind eine Metapher für menschliches Leben. Und ich würde es im Moment meines Todes hassen, dass alles enthüllt wird, absolute Aufklärung. Und ich möchte niemals dieses „Ach, es wäre so einfach gewesen, wenn ich es akzeptiert hätte“ erfahren. Ich will dieses Gespür für die Möglichkeit, diese menschliche Geste erfahren, solange ich am Leben bin.

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