https://www.faz.net/-gqz-6vwf1

Im Gespräch: Jean Jouzel : Was lesen Sie aus dem Eis, Monsieur?

  • -Aktualisiert am

Bild: Burkhard Neie

Der Eismann aus Paris: Jean Jouzel findet in der Arktis den Schlüssel zur Erdgeschichte. Ein Gespräch über das Gespür für Eis, die Zukunft der Arktis und Kinder als Umweltschützer.

          7 Min.

          Jean Jouzel wartet vor der Steinpforte des Forschungsministeriums in Paris. Im Bistro gegenüber bestellt er einen kleinen Schwarzen und sagt: „Schön, dass Sie da sind.“

          Sie kennen wahrscheinlich Peter Høgs Kriminalroman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Der dänische Schriftsteller erzählt darin, wie eine Wissenschaftlerin mit Hilfe ihrer Kenntnisse über die verschiedenen Strukturen des Schnees einen Mordfall aufdeckt.

          Ich habe von der Geschichte gehört, das Buch aber noch nicht gelesen. Ich denke, ich werde es mir endlich mal besorgen müssen.

          Ihre Kollegen unter den Meteorologen und in der Klimaabteilung des Centre national de la recherche scientifique, des CNRS in Paris, behaupten, Dr. Jouzels Gespür für Eis sei legendär. Was bedeuten Schnee und Eis für Sie?

          Mich hat das Eis schon immer interessiert. Mich fasziniert, dass es ein Tresor ist, ein Archiv der Natur, das wir nur öffnen müssen, um in die Vergangenheit des Planeten, aber auch in unsere Zukunft blicken zu können. Glaziologie ist längst eine interdisziplinäre Wissenschaft geworden, in der Geologie, Geographie, Hydrologie und Meteorologie zusammenkommen. Vor allem für die Klimatologie ist sie eine fast unerschöpfliche Datenquelle. Wir lesen im Eis wie in einem Buch, und es ist ein Buch, das viele Lehren bereithält. Wir machen uns zunutze, dass es eine wissenschaftlich nachgewiesene Beziehung gibt zwischen den Temperaturschwankungen auf unserem Planeten und den Eisstrukturen, die wir heute in den Polargebieten noch vorfinden. Diese Beziehung untersuchen wir und ziehen aus den höchst interessanten Ergebnissen Schlüsse, die wir - zum Beispiel - auch an die Politik weiterreichen.

          Was lesen Sie konkret aus dem Eis?

          Wir können aus der Beziehung zwischen den auf dem Planeten herrschenden Temperaturen und der Eisstruktur Rückschlüsse auf das Klima in Vergangenheit und Zukunft ziehen. Wir können in Staubablagerungen das Datum und die Herkunft der Verunreinigung untersuchen, wir können auf das Ausmaß und den Ort von Vulkanausbrüchen schließen, wir können Naturkatastrophen verschiedenster Art rekonstruieren, und wir können den Verschmutzungsgrad der Atmosphäre während bestimmter Erdzeitalter einschätzen. Dieses Wissen ist im Eis gespeichert.

          Aber nur, solange das Eis noch da ist. Einer Ihrer Kollegen, der Ozeanograph Wieslaw Maslowski von der Marinehochschule im kalifornischen Monterey, hat vor kurzem erklärt, dass die Arktis - eines Ihrer Spezial- und Hauptforschungsgebiete - zumindest im Sommer des Jahres 2016 komplett eisfrei sein könnte. Müssen Sie sich also beeilen, wenn Sie noch wissenschaftlichen Nutzen aus dem Polareis ziehen wollen?

          Es gibt verschiedene Theorien, was das Verschwinden des Arktik-Eises anbetrifft. Die einen, wie Maslowski, fürchten, dass es sehr schnell gehen und das Eis während des Sommers vielleicht nur noch wenige Jahre halten wird. Ich selbst neige eher dazu, die Schmelzdauer auf einige Jahrzehnte zu veranschlagen, bis 2050 etwa - so wie viele andere meiner Kollegen auch.

          Sie leiten als Forschungsdirektor das Institut Pierre Simon Laplace, in dem „globale Änderungsprozesse“ untersucht werden. Was tun Sie und Ihre Kollegen, um diese Veränderungen zu erkennen und zu bewerten?

          Wir bohren im Eis, und mit den dabei gewonnenen zahlreichen Eisbohrkernen - wir nennen sie in Frankreich einfach Karotten, das Bohren nennen wir „carottage“ - arbeiten wir. Diese Bohrkerne sind ein sehr genaues und umfangreiches Archiv, das wir nach und nach auszuwerten haben. Sie sind im Lagerhaus einer großen Schlachterei auf Grönland untergebracht: Unter unserer wissenschaftlichen „Produktion“, den Eiskarotten im ersten Stock, hängen im Erdgeschoss Rinderviertel und Schweinehälften. Die Auswertung erfordert präzise Arbeit. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Denn Fehler, etwa wie jene Vorhersage, dass Holland demnächst unter Wasser stehen könnte, wirken sich in der praktischen Politik meist katastrophal aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib.

          Assads Vormarsch in Idlib : Geschichten der Ohnmacht

          Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.