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Im Gespräch: Ferdinand von Schirach : Können Sie schießen, Herr von Schirach?

  • Aktualisiert am

Ferdinand von Schirach Bild: Picture-Alliance

Ferdinand von Schirach empfängt in seiner Schreibwohnung in Berlin. Auf einem Sideboard steht die 1777 gedruckte achtbändige Ausgabe „Biographien des Plutarch mit Anmerkungen“ von Gottlob Benedikt von Schirach.

          6 Min.

          Ist der Kaffee bei Gericht tatsächlich so fürchterlich wie in Ihrem Roman beschrieben?

          Schrecklich, ja. In der ganzen Justiz ist der Kaffee ungenießbar. Das hat vermutlich Tradition - anders ist es nicht zu erklären.

          In Ihrem heute erscheinenden ersten Roman „Der Fall Collini“ geht es auch um ein Gesetz, das die Amnestie vieler SS-Offiziere ermöglicht hatte. Wie kam es zu diesem Gesetz?

          Nach dem Krieg wurde diskutiert, wie mit den Verbrechen der Nazis umgegangen werden sollte. Ende 1956 verjährten alle Straftaten aus dieser Zeit bis auf Mord und Totschlag. Mitte 1960 verjährte sogar Totschlag. Die Staatsanwaltschaften konnten nur noch Mordtaten verfolgen. 1969 wäre auch beinahe Mord verjährt, aber der Eichmannprozess, die Auschwitzprozesse und später dann die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ von 1978 führten zu einer neuen Diskussion. Das Bewusstsein über das Unrecht dieser Zeit erwachte.

          Was bewirkte dieses neue Bewusstsein?

          Unter anderem beschloss der Bundestag 1968, dass Morde aus der Nazizeit erst 1979 verjähren sollen. Aber dann kam es zur Katastrophe.

          Was ist damals passiert?

          Man muss dazu wissen, dass die Rechtsprechung der Nachkriegszeit fast alle Soldaten, die an den unzähligen Morden beteiligt waren, nur als Gehilfen ansah. Echte Täter seien nur Hitler, Himmler und so weiter gewesen, die anderen nur ihre Helfer. Diese Rechtsprechung spielte schon eine schreckliche Rolle bei den Verurteilungen in den fünfziger und sechziger Jahren. Die Strafen für hundertfache Morde waren lächerlich gering. Zynisch kann man sagen: rund zehn Minuten Strafe pro ermordetem Menschen. Aber immerhin spielte das für die Verjährung keine Rolle: Für Mörder und Mordgehilfen galt die gleiche Verjährungsfrist.

          Bis zu dem Gesetz, von dem Ihr Buch auch handelt?

          Ja. 1968 wurde ein ganz unscheinbares Gesetz in den Bundestag eingebracht, das EGOWiG, also das „Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz“. Eine unwichtigere Vorschrift kann man sich gar nicht vorstellen. Niemand interessierte sich dafür, es fand noch nicht einmal eine Aussprache im Parlament statt. Das Gesetz hatte nur ein paar Zeilen und schien bedeutungslos. Aber es veränderte alles. Versteckt stand dort: Wenn dem Gehilfen kein eigener Mordvorsatz nachgewiesen werden kann, verjährt seine Tat nach fünfzehn Jahren. Und damit waren praktisch alle NS-Taten rückwirkend zum 8. Mai 1960 verjährt. Tausende von Ermittlungsverfahren konnten nicht mehr geführt werden.

          Die Verbrechen blieben ungesühnt. Wer trug dafür die Verantwortung?

          Das Gesetz wurde von Eduard Dreher, einem früheren Staatsanwalt an einem Sondergericht im „Dritten Reich“, geschrieben. Er galt dort als unbarmherzig. In der Bundesrepublik wurde er ein Karrierebeamter im Justizministerium. Bis zu seinem Lebensende blieb er hochgeachtet. Sein Gesetz sorgte dafür, dass die meisten Mörder des Nationalsozialismus nicht verfolgt werden konnten.

          Wieso wurde dieses Gesetz nicht einfach wieder rückgängig gemacht?

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